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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nach dem Papst-Besuch „Wo dieser Papst ist, da ist Vergangenheit“

 ·  Nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI. zieht die katholische Kirche in Deutschland eine positive Bilanz und sieht sich ermutigt, den „Weg der Erneuerung“ weiterzugehen. Der grüne Ministerpräsident Kretschmann und der Tübinger Theologe Hans Küng sind dagegen enttäuscht.

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Nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI. sieht der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch die katholische Kirche in Deutschland vor neuen Aufgaben. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sagte in Freiburg, es gehe insbesondere um die Frage nach Gott in der Gesellschaft und um die Ökumene. Auf der anstehenden Bischofskonferenz in Fulda wolle man diesen Herausforderungen nachgehen. „Die zentrale Frage ist, wie ich heute an Gott glauben kann“, sagte Zollitsch. Der Papst habe dazu ermutigt, den Weg der Erneuerung weiterzugehen. „Da ist neuer Schwung dazu gekommen.“

Benedikt XVI. habe mit seiner Kritik an den kirchlichen Routiniers auch darauf hinweisen wollen, dass es nicht reiche, Probleme technisch zu lösen, sagte Zollitsch. Es brauche auch den inneren Geist und komme auf den persönlichen Glauben an. „Da haben wir Deutschen Nachholbedarf.“ Die geistige und geistliche Vertiefung komme vor den Strukturen. Der Papst-Besuch in Freiburg sei ein „herausragendes Ereignis“ gewesen, sagte Zollitsch. Der Papst selbst sei „aufgelebt im Papamobil“. Papst Benedikt XVI. war am Sonntagabend nach seinem viertägigen Besuch in Deutschland nach Rom zurückgeflogen.

„Innerkirchliche Kritik wird zu schnell als illoyal und ungehorsam hingestellt“

Baden-Württembergs Ministerpräsident, der Katholik Winfried Kretschmann (Grüne), hat der katholischen Kirche Rückständigkeit vorgeworfen. „Innerkirchliche Kritik wird zu schnell als illoyal und ungehorsam hingestellt, statt zu sehen, dass sie aus Sorge erfolgt“, sagte Kretschmann.

Benedikt XVI.: „Kirche soll auf Macht und Privilegien verzichten“

Der Papst hatte am Wochenende er in Freiburg zu festem Glauben, Einheit in der katholischen Kirche und Treue zum Vatikan aufgerufen. Kretschmann sagte der Tageszeitung „Die Welt“, aus seiner Sicht passe „die ganze Organisation des Vatikans einfach nicht ins 21. Jahrhundert“. „Die alte Metapher des Glaubensgehorsams funktioniert nicht mehr. Im Glauben kann man gar nicht gehorchen“, sagte Kretschmann, der dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) angehört: „Im Glauben müssen wir innerlich überzeugt sein.“

Auch zum Ökumene-Treffen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) äußerte sich Kretschmann enttäuscht: „Hier hätte ich tatsächlich stärkere Signale erwartet.“

ZDK-Präsident Glück zufrieden

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, zeigte sich zufrieden mit dem Besuch Papst Benedikts XVI. in Deutschland. „Die Behauptung, dass die deutschen Katholiken Rom und dem Papst kritisch gegenüberstehen, ist nun wirklich widerlegt“, sagte Glück der „Passauer Neuen Presse“ und verwies auf den großen Zuspruch bei den Papstmessen.

Glück sagte, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fühle sich nach dem Treffen mit dem Papst ermutigt weiterzumachen. Die Kirche müsse endlich auf Menschen mit Lebensbrüchen zugehen und ihren Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten überdenken. Diese sind bisher von der Kommunion ausgeschlossen. Glück sagte, der Dialog sei wichtig, damit die katholische Kirche in Deutschland nicht auseinanderdrifte, sondern ihre Einheit bewahren könne.

Glück war auch mit dem Ökumene-Treffen zufrieden. „Mein Eindruck ist, dass die evangelische Kirche das Treffen insgesamt positiv bewertet“, sagte Glück der „Passauer Neuen Presse“. „Jetzt besteht die Chance, dass beide Kirchen das Reformationsjubiläum 2017 gemeinsam gestalten können“, resümierte der ZdK-Präsident. 2017 feiert die evangelische Kirche den 500. Jahrestag des Thesenanschlags durch Martin Luther (1483-1546) an die Wittenberger Schlosskirche, die als Ausgangspunkt der Reformation gilt.

Glück sagte, es wäre ein Fehler, immer nur das Trennende zu sehen, man sollte über das gemeinsam Mögliche sprechen. Natürlich gebe es den Wunsch nach einen gemeinsamem Abendmahl von Protestanten und Katholiken, „aber wir sollten nichts erzwingen“.

Bischof Overbeck: Wichtiges und stärkendes Zeichen für Kirche

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck bewertet den Papstbesuch als „wichtiges und stärkendes Zeichen für die katholische Kirche in Deutschland“. Er sei erfreut, dass es in Deutschland so viele Menschen gebe, die sich „mit Fragen des Glaubens auseinandersetzen wollen und den Papst mit Freude und Aufmerksamkeit empfangen haben“, sagte er am Montag in Essen. Benedikt XVI. sei nicht nur klar in seinen eigenen Aussagen gewesen, sondern auch aufmerksam bei dem, was er in den zahlreichen Gesprächen und Begegnungen gehört habe, so Overbeck.

Gerade bei der vorher so kritisierten Rede im Bundestag habe er „in idealer Weise das Recht in der freiheitlichen Gesellschaft begründet und ist seinen Kritikern auf Augenhöhe begegnet“, zeigte sich der Ruhrbischof beeindruckt. Natürlich, so Overbeck, habe es neben den überwiegend positiven Momenten auch Aspekte gegeben, die für Unmut gesorgt hätten. Dass vor allem das Zusammentreffen mit Vertretern der Evangelischen Kirche an einigen Stellen Enttäuschungen ausgelöst habe, sei nicht zuletzt durch die „zu hohen Erwartungen“ verursacht, die „im Vorfeld an dieses Treffen gesetzt wurden“, erklärte der Bischof.

Kirchenkritiker Küng von Papstbesuch bitter enttäuscht

Der Tübinger Theologe Hans Küng ist dagegen bitter enttäuscht von der Bilanz des Papstbesuchs in Deutschland. In einem Gastbeitrag für die in Chemnitz erscheinende „Freie Presse“ schrieb Küng, das Motto des Besuches habe zwar geheißen: „Wo Gott ist, da ist Zukunft“. Doch richtig sei: „Wo dieser Papst ist, da ist Vergangenheit.“ Papst Benedikt XVI. habe ein offenes Ohr und ein „hörendes Herz“ versprochen. Tatsächlich habe das Oberhaupt der katholischen Kirche aber mit versteinertem Herz auf die Reformanliegen der meisten deutschen Christen reagiert. Deutschland habe vier Tage Personenkult erlebt, die Bischöfe hätten als Statisten fungiert. Das stoße ungezählte Menschen inner- und außerhalb der Kirche vor den Kopf.

Als besonders enttäuschend bewertet Küng das Treffen mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland im Augustinerkloster zu Erfurt. Joseph Ratzinger wirke seit nunmehr dreißig Jahren als Haupthindernis für die ökumenische Verständigung mit der evangelischen Kirche, sagte Küng. Der Papst erkenne diese Kirche nicht einmal an. „Hinter dem Lächeln des alten Mannes zeigt sich das Gesicht des starren Dogmatikers, des römischen Traditionalisten und des kalten Machtpolitikers.“

Evangelische Kirche „ernüchtert“

Die evangelische Kirche in Norddeutschland hat enttäuscht auf den Papstbesuch reagiert. Bischof Gerhard Ulrich, Vorsitzender der Kirchenleitung der Nordelbischen Kirche, sagte dem „Hamburger Abendblatt“ (Montagsausgabe), er sei vom Ergebnis der Gespräche und der Ansprache Benedikts „ernüchtert“. Er hätte sich von Papst Benedikt zumindest zu konkreten ökumenischen Problemen einige Hinweise gewünscht, sagte Ulrich. Der Besuch habe die katholischen Christen gestärkt.

Doch der am letzten Tag ergangene päpstliche Aufruf zur „Treue zu Rom“ zeige doch auch die unterschiedlichen Kirchenverständnisse zwischen den Konfessionen deutlich auf, sagte Ulrich. Der katholische Hamburger Erzbischof Werner Thissen sagte dagegen der Zeitung, dass von dieser Reise „eine deutliche Wegweisung in der Ökumene“ bleibe, weniger in Worten als durch Gesten und durch die Orte, an denen Papst Benedikt sich aufgehalten habe.

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