23.09.2011 · Dieter Hildebrandt polemisiert gegen das Berliner Schloss, Das Buch Benedikts XVI. über Jesus von Nazareth wird debattiert. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.
Wird die katholische Kirche immer protestantischer? Der Soziologe Peter Berger hat diese polemische Formel auf ihren empirischen Gehalt hin überprüft. Und gleichzeitig den Relativismus-Verdacht, unter den kirchlicherseits der Zeitgeist gestellt wird, von einem Zeitalter der Relativität unterschieden. Damit leistet Berger einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung der Säkularisierungsdebatte.
Berger ist einer breiten Öffentlichkeit durch seinen gemeinsam mit Thomas Luckmann verfassten soziologischen Longseller „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ bekannt. Sein Text zur Frage der Protestantisierung ist die Rede, die er im vorigen Jahr unter dem Titel „Dialog zwischen religiösen Traditionen in einem Zeitalter der Relativität“ in Tübingen hielt, als ihm von der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität der Dr. Leopold-Lucas-Preis verliehen worden war.
Relativierung nicht im Sinne einer Beliebigkeit
Bergers Kernaussage zur Protestantisierungs-These lautet: „Katholische Beobachter der eigenen Kirche haben den (für gewöhnlich abwertend gebrauchten) Begriff der ,Protestantisierung' eingeführt, um einige Entwicklungen der neuesten Zeit zu beschreiben. Diese Reaktion ist leicht nachvollziehbar, und bis zu einem gewissen Punkt könnte sogar ein nicht zur katholischen Kirche gehörender Beobachter diesen Begriff akzeptieren (wenn auch wohl kaum in abwertendem Sinne). Allerdings wäre es ein großer Fehler zu glauben, dass die Veränderungen auf protestantischen Einfluss oder protestantische Propaganda zurückzuführen seien.“
Vielmehr - und hier entfaltet Berger sein eigentliches Thema - ist es die wachsende Pluralität (die nicht mit der Säkularisierung zu verwechseln sei), welche eine Relativierung eigener Überzeugungen mit sich bringe. Relativierung nicht im Sinne einer Beliebigkeit, sondern im Sinne eines Abgleichs des Eigenen mit Fremdem. „Anders ausgedrückt, werden Weltanschauungen, Wertesysteme und Lebensweisen nicht mehr ohne weiteres als selbstverständlich erachtet. Dabei muss betont werden, dass diese Entwicklung nicht nur den religiösen Bereich, sondern alle kognitiven und normativen Definitionen der Wirklichkeit betrifft. Allerdings betrifft sie die Religion mit aussergewöhnlicher Härte.“
Ein erhöhter Entscheidungsbedarf
Der Befund lautet schlichtweg: Man kann, anders als früher, nicht mehr unter sich bleiben. Am Beispiel eines fiktiven württembergischen Dorfbewohners erklärt Berger: „Vor zweihundert Jahren hatte unser fiktiver Dorfbewohner vielleicht die Möglichkeit, sich zwischen einer pietistischen und einer weniger rigorosen lutherischen Gemeine zu entscheiden. Heutzutage könnte er auch Buddhist werden.“ All das schafft einen erhöhten Entscheidungsbedarf und macht Überzeugungen nicht obsolet, aber doch deutlich voraussetzungsreicher als in Zeiten, da Religion ein Schicksal war. Insofern, so Bergers Fazit, führt die Annahme einer zielgerichteten Protestantiserung des Katholischen in die Irre. „Wohl oder übel“ habe die katholische Kirche akzeptieren müssen, dass sie sich zu einer „freiwilligen Gemeinschaft“ entwickelte und deswegen auch manche Patchwork-Neigungen in Kauf genommen. „Sie tat das nicht, weil sie von der protestantischen Theologie beeinflusst worden wäre oder weil sie eine kongregationalistische Kirchenstruktur nachahmen wollte, sondern weil sie die empirischen Entwicklungen in ihrer Umgebung bewältigen musste.“
Von einer anderen, ganz unerwarteten Seite wird das Thema des protestantischen Einflusses beleuchtet, wenn man sich den von Thomas Söding herausgegeben Sammelband „Tod und Auferstehung Jesu“ anschaut, der theologische Stellungnahmen zum zweiten Jesus-Buch des Papstes (F.A.Z. vom 12. März) enthält. Im Mittelpunkt dieses Sammelbands steht die Frage: Warum ist Jesus am Kreuz gestorben? Was hat der Papst zu dieser Schlüsselfrage des Christentums zu sagen? In seinem Jesus-Buch greift Ratzinger den Einwand auf, der sich gegen den Sühne-Gedanken erhebt und dramatisiert das theologische Paradox: „Immer wieder wird gesagt: Ist es nicht ein grausamer Gott, der unendliche Sühne verlangt? Ist dies nicht eine Gottes unwürdige Vorstellung? Müssen wir nicht um der Reinheit des Gottesbildes willen auf den Sühnegedanken verzichten?“
Kritische Bilanz
Ratzingers Antwort auf diese Fragen seien ungenügend, findet der evangelische Theologe Uwe Swarat in seinem Beitrag „Das Kreuz Jesu als Gottesdienst vollkommenen Gehorsams? Zum Verständnis der Heilsbedeutung des Todes Jesu im Buch Joseph Ratzingers“. Swarats kritische Bilanz, die er in dem erwähnten Sammelband zieht, lautet: „Anders als viele moderne Theologen bekennt sich Ratzinger zum Sühnecharakter des Sterbens Christi. In seiner Entfaltung des Sühnegeschehens bleibt er jedoch hinter dem zurück, was nicht nur in der kirchlichen Tradition, sondern auch im Neuen Testament dazu gesagt wurde.“
Christi Sühnetod bleibe bei Ratzinger seltsam „unterbestimmt“. Dass Jesus am Kreuz stellvertretend für die Welt das Zorngericht Gottes erfuhr, mit anderen Worten, Jesus eine „Höllenfahrt“ erlitten habe - ebendies bleibe bei Ratzinger auffällig unakzentuiert. Zu der im Neuen Testament klar bezeugten Aussage, „dass der Tod Jesu in dem Sinne ein Sühnetod war, dass an Christus an unserer Stelle das Urteil Gottes über die Sünde der Welt und damit die göttliche Verwerfung der Sünde vollstreckt wurde, hat Ratzinger offenbar keinen Zugang gefunden.“
Harte theologische Währung
Eine frappierende Vorstellung, dass Papst Benedikt protestantischerseits auf der Traditionsspur überholt wird! Aber Swarat bringt seinen Einwand durchaus überzeugend vor. Er moniert, kurz gesagt, dass Ratzinger den Zorn Gottes außer acht und den strafenden Gott zugunsten des liebenden Gottes verblassen lässt. Ratzinger verkürze das göttliche Sühnegeschehen auf eine Gehorsamsleistung Jesu: „Sein leiblicher Gehorsam“, schreibt Ratzinger im Jesus-Buch, „ist das neue Opfer, in das er uns alle mit hineinzieht und in dem zugleich all unser Ungehorsam aufgehoben ist durch seine Liebe.“ Formulierungen wie diese könnten den Eindruck erwecken, der Zusammenhang von menschlicher Schuld und göttlicher Strafe werde begrifflich miteschmuggelt, ohne ihn benennen zu wollen. Stattdessen entlehne Ratzinger psychologisches Vokabular, wo es um harte theologische Währung geht, etwa wenn es bei ihm heißt, das Böse könne von Gott nicht einfach ignoriert, sondern müsse „aufgearbeitet“ werden. Inwiefern, fragt Swarat mit ironischem Unterton, werde die Schuld des Menschen am Kreuz denn „aufgearbeitet“? Eine Antwort darauf sei nur in dem Sinne denkbar, dass „man das Kreuz als Vollzug nicht nur der Liebe Gottes zum Sünder, sondern auch seines Zorns über die Sünde versteht. Davon liest man bei Ratzinger aber nichts.“ Zu recht erkläre der päpstliche Autor, dass die Schuld der Welt am Kreuz Jesu in der Liebe Gottes aufgelöst werde. Aber damit bleibe die von allen Kritikern der Sühnetodlehre gestellte Frage gerade offen, warum Gottes Liebe das Kreuz brauchte, um schuldauflösend wirksam zu werden.
Der evangelische Theologe möchte klarstellen: „Dass der Tod Jesu die Vollendung seines Gehorsams gegen Gott war, ist in der Tat ein wesentlicher urchristlicher Gedanke (Röm 5,19; Phil 2,8), holt allerdings noch nicht ein, was mit Sühnetod gemeint ist. Jesus stirbt zur Sühne nicht einfach, wie manch anderer auch, in der Konsequenz seines Gott hingegeben Lebens, sondern erleidet einen ganz eigenen, besonderen Tod, ein stellvertretendes Strafleiden, das den Kern der Sühne ausmacht. Sühnetod bedeutet: Jesus leidet nicht nur unter den Sündern, die ihn töten, sondern anstelle der Sünder unter dem Urteil Gottes. Sühne mit dem tätigen Sohnesgehorsam zu identifizieren, reicht zu ihrem Verständnis nicht aus.“
Die Drangsale des Lebens
Insofern scheint Ratzinger die Frage nur zu verschieben, die er zu beantworten meint, wenn er erklärt, im Leiden werde man in den Gehorsam Christi „hineingezogen“: „In den Drangsalen des Lebens werden wir langsam reingebrannt, können gleichsam zu Brot werden, insofern sich in unserem Leben und Leiden das Geheimnis Christi mitteilt und seine Liebe uns selber zur Gabe an Gott und die Menschen werden lässt.“ Die Frage bleibt: Warum muss man gleichsam zu Brot werden (deutlich gesagt: qualvoll leiden), wenn Gott doch die Liebe ist? Wie lässt sich diese Liebe im Angesicht der persönlich erlittenen Qual nicht nur behaupten, sondern begründen?
„Das Geheimnis der Sühne darf keinem besserwisserischen Rationalismus geopfert werden“, schreibt Ratzinger. Ist es ein rationalistisches Begehren, wenn Swarat auf dem theologischen Argument besteht? Das „Geheimnis des Kreuzes“ lasse sich „letztlich nicht in Formeln unseres Verstands zerlegen“, heißt es im Jesus-Buch. Dem würde Swarat im Grundsatz sicher nicht widersprechen. Denn vor dieser erkenntnistheoretischen Herausforderung steht jede Rede, die es mit Gott zu tun hat, ohne deshalb dem theologischen Argument entraten zu können.
Protestantische Disziplinierung
Swarat fügt, das Repertoire der evangelischen Bibelexegese nutzend, noch eine weitere feine Beobachtung hinzu: Als Konsequenz der schwachen Sühnetod-Auffassung (Gehorsamsleistung statt stellvertretendes Strafleiden) verliere Jesu Schrei am Kreuz „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ bei Ratzinger die christologische Besonderheit. Ratzinger stelle richtig fest, dass dieser Schrei Jesu ein Zitat aus Psalm 22 ist, der auch sonst in den Evangelien den Deutungshintergrund der Passion Jesu bildet. „Aber er legt Psalm 22, 1 nicht vom Kreuz her neu aus, sondern legt das Kreuz von der anthropologischen Bedeutung des Psalms her aus.“ Der Schrei Jesu artikuliere demnach für Ratzinger die Erfahrung aller leidenden Menschen, dass Gott in ihrer Not abwesend zu sein scheint. Swarat: „Die Frage an Gott ,Wie kannst Du das zulassen?' drückt in der Tat eine große Not von Menschen aus, aber ist doch eine andere als der Schrei des Gottessohnes ,Warum hast du mich verlassen?' Die Gottverlassenheit, die Jesus am Kreuz erlitt, ist mehr als die allgemeine Verborgenheit Gottes im Lauf der Welt.“
Soll man von einer protestantischen Disziplinierung sprechen, die der Papst sich als theologischer Schriftsteller hier gefallen lassen muss? Die Protestantisierung des Katholischen hat viele Gesichter.
Christian Geyer