Der Papst, der am Donnerstag in Berlin eintrifft, ist in Deutschland weitgehend unbekannt, auch wenn er Deutscher ist. Viele wollen dem von Bundespräsident Christian Wulff nach Deutschland und von Bundestagspräsident Norbert Lammert in den Bundestag eingeladenen Staatsgast nicht die gebotene Höflichkeit entgegenbringen, sondern der Rede im Reichstag fernbleiben und stattdessen gegen den Papst demonstrieren. Dabei ist Joseph Ratzinger bescheiden und unaufdringlich; aber auf die leichte Schulter zu nehmen ist er gewiss nicht. Auch wenn Benedikt XVI. klar und eindringlich predigt, sein theologisches Werk umfasst mehr als vierzig Bücher, die studiert werden wollen.
Am 19. April 2005 wurde der Dogmatiker und Fundamentaltheologe, Kurienkardinal und Präfekt der Glaubenskongregation nach nur gut 24 Stunden und vier Wahlgängen zum Papst gewählt. Seither ist der ehemalige Professor, einst Lehrstuhlinhaber in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg auch noch Bestsellerautor. Die Spannung zwischen Vernunft und Glaube, zwischen Wissenschaft und Frömmigkeit kommt in der Prägung durch die Kindheit in einer bayerisch-katholischen Familie unter der Bedrohung des Nationalsozialismus zur Ruhe. Trotz bescheidener Lebensumstände reichte das Geld dafür, den Brüdern Georg und Joseph Priestergewänder nähen zu lassen, weil sie Kirche spielen wollten.
Etwas gebückt betritt der 84 Jahre alte Mann in seinem weißen Gewand und den roten Schuhen den „Saal der Schweizer“ im päpstlichen Feriendomizil von Castel Gandolfo. 500 Meter über der Tiber-Ebene empfängt ihn der Freiburger Verleger Manuel Herder: Er lade ihn zu einem Familientreffen mit seinen Kindern und Enkeln ein, sagt Herder, der auf drei meterlangen Tischen die Werke von „Joseph Ratzinger - Papst Benedikt XVI.“ - wie es seit 2005 heißt - verteilt hat: 600 Bücher in 27 Sprachen. Manuels Vater hatte 1956 den ersten Autorenvertrag für einen Zeitschriftenbeitrag mit Ratzinger geschlossen. Das war drei Jahre nach Erscheinen der Dissertation „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“, die unter schlichtem grauen Deckel als Fragment ausliegt. Erst die Gesammelten Schriften, die derzeit erscheinen, enthalten Ratzingers vollständige Doktorarbeit.
Lächeln, wie nur ein Großvater lächeln kann
Der Papst mustert die Bescherung auf den Tischen, die die Sonne durch die hohen barocken Fenster prächtig beleuchtet: „Ich bin überrascht, wenn nicht erschrocken“, sagt er. „Es ist für mich bewegend, welche Ernte an Büchern aus meinem Denken hervorgegangen ist.“ Der Papst geht die langen Reihe ab und schaut sich mit der Neugier eines Kindes um: „Diese Aufsatzsammlung habe ich vergessen“; „Das Foto auf dem Einband zeigt mich an einem Brunnen beim Wandern bei Pamplona“. „Nein, auch koreanisch?“ Auch jetzt, in den Ferien zwischen dem Weltjugendtag in Madrid und dem Besuch Deutschlands, zieht sich Benedikt in sein Zimmer zurück und arbeitet an dem dritten Band von „Jesus von Nazareth“. Er schreibt mit Bleistift und in so kleiner Schrift, dass er hernach einer Schwester den Text diktieren muss. Er zitiert oft aus dem Kopf; der Lektor muss später die Fußnoten prüfen. Das neue Buch soll die Jugend Jesu erzählen.
Benedikt kann nicht darüber erschrocken sein, dass er so viel geschrieben hat; wohl aber, dass seine Bücher in so vielen Sprachen übersetzt wurden: „Die Einführung in das Christentum“, das Ende der sechziger Jahre entstand und zum Standardwerk wurde, liegt in einer vietnamesischen Ausgabe aus und zeigt das Gesicht des Papstes mit asiatischen Zügen. Das erste Gesprächsbuch „Salz der Erde“ aus dem Jahr 1996 zeigt in seiner rumänischen Fassung den Papst mit Hirtenstab am Strand auf dem Umschlag. Dick, rundlich und unerkennbar guckt Benedikt auf Chinesisch in „Gott und die Welt“ aus dem Jahre 2000.
Längst setzen sich Theologen sich mit Ratzingers Werk wissenschaftlich auseinander; die Masse der Leser aber scheint die Jesus-Bücher zu verschlingen. Sie fanden Millionen Käufer. Je älter der Theologe Ratzinger wird, desto mehr konzentriert er sich in seinen Werken, in den Enzykliken und Predigten auf das für ihn Wesentliche: Der Glaube an Jesus in einer Welt, die immer häufiger Gott als Feind zu begreifen scheint, weil er den Menschen, den er schließlich nach seinem Ebenbilde schuf, nicht an gottferne Unverbindlich- und Beliebigkeit verlieren will. Der Papst spricht von der Freundschaft mit Jesus: „Sie ist nicht nur Erkennen, sie ist vor allem Gemeinschaft des Wollens. Sie bedeutet, dass mein Wille hineinwächst in das Ja zu dem Seinigen“, predigte der Papst im Juni am Hochfest Peter und Paul in Rom. Jetzt lächelt er, wie nur ein Großvater lächeln kann. Smalltalk langweilt ihn. Er wolle, dass seine Bücher ein Dienst seien: „Sie sind kein Gerede sondern Worte, die dabei helfen sollen, den Weg des Lebens zu finden“. In der Welt seiner Theologie stößt Ratzinger nur an seine eigenen Grenzen.
Nach außen hin weniger „Zank“ zeigen
Als Oberhaupt einer Weltkirche steht der einstige Erzbischof von München und Freising freilich vor manch unlösbarem Problem. Er ist kein begnadeter Administrator. Als Präfekt der Glaubenkongregation wollte er die sexuellen Übergriffe von Klerikern kompromisslos bekämpfen, scheiterte an jenen, die ihm heute auch als Papst im Apparat der Kirche das Leben erschweren. Dabei verlässt er sich in seiner unmittelbaren Nähe auf vertraute Gesichter, auch wenn die nur in Grenzen seinen Anliegen folgen. Er meidet Konflikte, scheut das Machtwort. Allemal ist der deutsche Papst mit seinen geistig hohen Ansprüchen in der wieder stärker italienisch geprägten Kurie ein Fremdling.
Für Italiens Priester ist zudem Deutschland selbst ein Ungeheuer. In Rom kennt man kein Land, wo sich die Bevölkerung in Katholische und Evangelische teilt. So bedurfte es gegen die Kurie eines persönlichen Briefes des Papstes an den Ratsvorsitzenden der EKD, um auf mehr Zeit für das das ökumenische Gespräch in Erfurt hinzuwirken. Gemeinhin steht Ratzinger in dem Ruf, kein Mann der Ökumene zu sein. Tatsächlich hat er mehr als viele andere für den Ausgleich zwischen den Konfessionen getan. Während einer Vesper in der deutschen evangelischen Christuskirche von Rom hat er im März 2010 bekannt, dass er unter der Spaltung leide und die Kluft zwischen den Kirchen überwinden wolle. Aber eine leichte Lösung wäre nach dem Dogma seiner Kirche eine „Brücke auf Sand“.
„Wir hören heute viele Klagen darüber, dass die Ökumene zum Stillstand gekommen ist“, gestand das Kirchenoberhaupt. Die Spaltung verdunkle das gemeinsame Zeugnis der Christen. Man sei gemeinsam „traurig“ darüber, dass man nicht zusammen die Eucharistie feiern könne. Deswegen solle man zumindest froh darüber sein, „dass es so viel Einheit gibt; dass wir heute gemeinsam beten und miteinander singen“ können. Nach außen hin sollten beide weniger „Zank“ zeigen und mehr von den erreichten Fortschritten. Er forderte Protestanten und Katholiken auf, die Spaltung nicht zu überspielen, sondern sie auszuhalten, um sie „mit Hilfe des Heiligen Geistes“ zu überwinden.
Er verlangt Bekenntnis und Mut
Der Papst sei kein mutiger Kirchenführer, wird gesagt. Benedikt jedenfalls hat sein Amt noch nicht einmal dazu verwandt, „ex cathedra“ zu sprechen und eine unfehlbare Lehrentscheidung zu fällen. Der Papst steht zum II. Vatikanischen Konzil, auch wenn er gewisse Deutungen ablehnt. Gerade dieser Tage machte er der traditionalistischen Pius-Bruderschaft deutlich, dass man zwar über Begriffe streiten könne, nicht aber über die Substanz.
Wegen seiner Haltung zum Schutz der Familie oder dem Festhalten an überkommenden Vorstellungen auf dem Gebiet der Sexualmoral wird der Papst oft als verknöcherter alter Mann abgetan, der den Kontakt mit der Wirklichkeit längst verloren habe. Tatsächlich kennt wohl kaum einer die Wirklichkeit so wie Benedikt, bei dem Bischöfe aus aller Welt seit Jahrzehnten ein- und ausgehen. Da wird dann deutlich, dass eine Weltkirche Maßstäbe setzen muss, die im hochentwickelten Berlin genauso gelten wie in einem schwarzafrikanischen Dorf. Derzeit wendet sich der Papst vor allem an jene Christen, die von China bis Ägypten verfolgt werden. Er verlangt Bekenntnis und Mut: „Christen dürfen keine Angst haben, auch wenn sie derzeit jene Religionsgruppe darstellen, die am meisten verfolgt wird.“ In die innerkirchlichen Querelen in Deutschland möchte er sich dagegen nicht einmischen. Benedikt möchte gut unterrichtet sein, sich aber nicht als Schiedsrichter gebärden. Das Gerede von einer Kirchenspaltung in Deutschland, von der in vatikanischen Dokumenten die Rede sei, hält er für unsinnig fern. Benedikt XVI. wird sich freilich als „guter Hirte“ anbieten: „Die Reise soll ein Augenblick der Besinnung darauf sein, was ich mit meinem Dienst der Welt und der Kirche tun kann“, sagt er in Castel Gandolfo.