Home
http://www.faz.net/-gq1-y8qg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Minister zu Guttenberg Entlassen

Um seine politische Karriere zu retten, hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg diesmal seinen eigenen Doktor entlassen. Damit mag er davonkommen. Die von ihm vertretenen Werte aber sind beschädigt.

© dpa Vergrößern Zu viel Plagiat: Guttenberg hat seinen Doktor entlassen

Karl-Theodor zu Guttenberg ist, von zwei Buchstaben abgesehen, wieder ganz der Alte: der Vorwärtsverteidigungsminister. Nach einer Woche im Sturm der Kritik steht die „fränkische Wettertanne“, wie er sich nennt, wieder federnd und wippend im Wald, zuletzt zu besichtigen im Forst von Kelkheim. Um der drohenden Aberkennung seines Doktortitels zuvorzukommen, hat er, was für ein Freiherrenstreich, die Universität Bayreuth gebeten, ihm den Titel abzuerkennen (siehe: Dokumentation: Guttenbergs Brief an die Universität Bayreuth). In dieser Affäre stand – eine Dissertation ist ohne fremde Hilfe anzufertigen – kein anderer zur Verfügung, der schlechter Zuarbeit beschuldigt, in den Ruhestand geschickt oder suspendiert werden konnte. Um sein Amt zu retten, hat Guttenberg diesmal seinen eigenen Doktor entlassen.

Berthold  Kohler Folgen:  

Der Titel war, zu diesem Schluss kam nun auch Guttenberg, nicht mehr zu halten. Zahl und Ausmaß der Plagiate in seiner Dissertation machten das unmöglich. Die Aberkennung durch die Universität Bayreuth nach wochenlanger Prüfung wäre wie ein Urteil in einem Schwurgerichtsprozess gewesen. Danach wäre es für ihn schwer geworden, Minister zu bleiben, gründet seine kometenhafte Karriere doch auf dem von ihm selbst und ihm verbundenen Verlagshäusern gepflegten Image der Ausnahmeerscheinung: der anständige, geradlinige, glaubwürdige Saubermann der deutschen Politik, der sich anders als die Figuren um ihn herum nie scheut, die Wahrheit auszusprechen, sei sie auch noch so unpopulär.

Mehr zum Thema

Ein Saubermann, der sich, ob grob fahrlässig oder mit Vorsatz, der Tat des geistigen Diebstahls schuldig gemacht hat? Der noch vor einer Woche von „abstrusen Vorwürfen“ sprach? Weniger Talentierte wären an dieser Stelle politisch erledigt. Guttenberg aber macht auch noch aus dieser tiefen Not eine Tugend und tritt als reuiger, also anständiger Sünder vor den einzigen Richter, den er akzeptiert: das Volk.

Guttenberg besucht Valentinstreffen © dapd Vergrößern Beim Volk: Guttenberg in Kelkheim

Als „Mensch mit Fehlern und Schwächen“, dem die „gravierenden Fehler“ die er begangen hat, „von Herzen“ leidtun. Die „abstrusen Vorwürfe“ fallen in diesem Moment selbstredend unter den Tisch; der Platz wird jetzt für Medienschelte gebraucht.

Kelkheim erlebte ganz großes Kino

Dass Guttenberg auf diese Weise mit dem Amt davonkommen kann, war am Montagabend in der hessischen Provinz zu beobachten, wo er frenetisch gefeiert wurde. Er sprach auf einer Wahlveranstaltung der CDU mit denkbar dankbarem Publikum (siehe auch: Guttenberg: „Solche Stürme hält man aus“). Doch saß dort mehr als nur die CDU. Der Triumphmarsch durch die Stadthalle zeigte wie unter einem Vergrößerungsglas, worauf Guttenbergs Popularität und Macht beruhen: auf dem Schulterschluss mit dem Volk, das liebend gerne von einem wie ihm geführt werden will. Er rückt ihm nahe unter Auslassung der Parteien und auch der Medien, jedenfalls jener, die nicht Personenkult um ihn treiben.

Seinen Verzicht auf den Titel, von dem ihn nur die Universität befreien kann, erklärte Guttenberg denn auch nicht vor der Hauptstadtpresse, was er besonders hervorhob; sie hatte ihm zuletzt zugesetzt. Er erklärte sich „bewusst und gerne“ im Taunusstädtchen Kelkheim – ebendort, wo das Volk zu Hause ist. Seit Franz Josef Strauß hat man niemanden mehr gesehen, der es so in den Arm nehmen kann und so sicher im Griff hat. Kelkheim erlebte ganz großes Kino, bisweilen zum Frösteln gut. Anders als Strauß greift Guttenberg weit über das bürgerliche Lager hinaus.

Ein Monarch braucht keinen Doktortitel

Es ist klar, dass die Koalition eine solche Wunderwaffe nicht kampflos aufgibt. Selbst die Opposition hat Beißhemmungen gegenüber dem Liebling der Deutschen, deren Zorn fürchtend. Erst Köhler, dann Sarrazin und jetzt auch noch Guttenberg – jeden, der einen eigenen Kopf habe und aus dem Einheitsbrei der politischen Korrektheit herausrage, wollten Parteien und Medien kaputtmachen, schreit die gequälte Volksseele.

Das ist ein Vorwurf auch ans politische System, zu dem Guttenberg gerade so viel Distanz hält, dass sie noch wahrnehmbar ist. Er ist ein Profiteur der Politikverdrossenheit und des Rückzugs aus einer als unsicher und unüberschaubar empfundenen Welt ins Private, in der Werte wie Redlichkeit, Verlässlichkeit und überhaupt der „gesunde Menschenverstand“ eine zentrale Rolle spielen. Aber auch diese beschauliche Welt braucht einen, der sich um die kleinen Leute und die großen Fragen kümmert und alles zum Guten richtet, bis nach Afghanistan. Das wird seit langem niemandem mehr so sehr zugetraut wie Guttenberg. Was spielen da schon ein paar vergessene Gänsefüßchen für eine Rolle? „Scheiß auf den Doktor“, empfahl (ihm) die „Bild“-Zeitung. Wohl wahr: Ein Monarch braucht keinen Doktortitel. Auch den bunten Blättern reicht das Adelsprädikat.

Schaden im Kosmos der bürgerlichen Werte

Noch aber ist Deutschland eine Republik, und noch ist ein Plagiat Diebstahl geistigen Eigentums. Die Kanzlerin mag aus naheliegenden Gründen über Letzteres hinweggehen, wenigstens nach außen hin. Den Schaden im Kosmos der bürgerlichen Werte, den die Operation zur Rettung des gestrauchelten Bannerträgers nach sich zieht, kann aber auch Frau Merkel unmöglich übersehen.

Die Aktion, so sie denn gelingt und schon alles am Licht ist, wird Spätfolgen haben. Guttenberg hätte sich selbst, den Werten, die er hochhält, und langfristig auch der Union einen besseren Dienst erwiesen, wenn er nicht nur der Universität Bayreuth einen Brief geschrieben hätte, sondern auch der Kanzlerin.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben