„Können Sie ausschließen, dass man bei vorhandenen Leckagen eine Entdeckung macht?“, will die Abgeordnete von der Bundesregierung wissen. Da geht es schon nicht mehr um die Doktorarbeit des Verteidigungsministers, und im Bundestag beginnt allmählich wieder die Normalität einzukehren. Die Normalität in den Fragestunden, die immer mittwochs stattfinden, ist ein übersichtlich besetztes Plenum und eine gedämpfte, sachliche Atmosphäre. Sie kehrt nun wieder ein, da Scharen von Abgeordneten in Richtung Ausgang drängen und die Fachpolitiker sich schon in der Lobby aufbauen, um den Beobachtern ihre Sicht der Dinge beizubringen, während die wenigen noch verbliebenen Parlamentarier sich im Plenum mit der Technik befassen, mit der Kohlendioxid unter der Erdoberfläche gespeichert werden soll. Möglichst ohne Leckagen.
Guttenbergs Doktorarbeit ist wie ein Gas, das sicher verwahrt zu sein schien, nun aber an die Oberfläche gedrungen ist und das Klima grundlegend verändert hat. Dabei scheint der CSU-Politiker schon vor Monaten von der Leckage Kenntnis bekommen zu haben, also darüber, dass Recherchen über seine Dissertationsschrift im Gange sind. Aber das hat er offensichtlich nicht als Bedrohung empfunden, so erklärt sich auch seine erste Reaktion vom vergangenen Mittwoch. Die Vorwürfe, es handle sich um ein Plagiat, seien „abstrus“, er sehe ihnen gelassen entgegen.
Zwei Stränge hat seine Verteidigung
Inzwischen nimmt er sie ernst. Guttenberg ist ins Parlament gegangen, um sich den Fragen der Opposition zu stellen. Noch am Vortag war geplant, dass ein Parlamentarischer Staatssekretär antwortet – wie in jenen Fragestunden, in denen Normalität herrscht. Nun aber steht der Minister in der Regierungsbank, antwortet mit ruhiger Stimme und beschränkt sich auf sparsame Gesten: die rechte Hand unter dem Kinn, die Linke unter dem rechten Ellbogen, wenn er zuhört; die Rechte halb geschlossen vor der Brust pendelnd, wenn er antwortet.
Zwei Stränge hat seine Verteidigung: Der eine ist es, zwischen den Aufgaben und der Verantwortung – im Ministeramt einerseits und der wissenschaftlichen Karriere andererseits – zu unterscheiden. Darauf hatte schon die Bitte an die Universität Bayreuth gezielt, die Verleihung des Doktortitels zurückzunehmen, und auch die Aussage der Bundeskanzlerin, sie habe nicht einen wissenschaftlichen Assistenten gebraucht, sondern einen Verteidigungsminister, und dafür sei der Doktortitel unerheblich. Guttenberg kleidet diese Unterscheidung nun, da er nach den Signalen gefragt wird, die von seinem Verhalten ausgingen, in die Worte: „Was die Signale betrifft, die der Bundesminister der Verteidigung auszusenden hat, sind das Signale zur Verteidigungspolitik.“ Hingegen sei das Signal „in die Wissenschaft“, das von einer „offensichtlich sehr fehlerhaften Doktorarbeit“ ausgehe, ein „offensichtlich sehr schlechtes Signal“. Daher habe er dieses Signal beendet, also auf den Doktortitel verzichtet.
Leer bleibt der Stuhl der Bundeskanzlerin
Da aber ein Doktortitel nicht einfach abgelegt werden kann, ließen es sich die Oppositionsredner nicht nehmen, den Minister demonstrativ als „Dr. Guttenberg“ anzusprechen, offensichtlich in der Hoffnung auf Widerspruch. Doch lässt sich Guttenberg an diesem Tag nicht aus der Reserve locken, demütig dankt er jedem Abgeordneten für seine Frage. Nur als er die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linkspartei, Dagmar Enkelmann, anspricht und sie auf „Dr. Enkelmann“ beharrt, schließlich habe sie sich diesen Titel redlich verdient, da entgegnet er, dazu gratuliere er herzlich. Sofort erkennt er den Fehler, Ironie passt mit Demut nicht zusammen, also sagt er, das sei keine Ironie.
Der andere Verteidigungsstrang enthält wieder eine feine Unterscheidung: Wenn er große Abschnitte fremder Texte in seine Arbeit ungekennzeichnet eingefügt habe, dann sei das etwas anderes als ein Plagiat. Denn Plagiat bedeute, dass „bewusst und vorsätzlich getäuscht wurde“, und dieser Vorwurf sei weiterhin „abstrus“. Hier versucht Guttenberg also die Linie zu halten, die er eine Woche zuvor gezogen hatte, als erstmals die Plagiatsvorwürfe publiziert worden waren. Und an dieser einen Stelle bleibt der Minister auch im Tonfall bei seiner anfänglich gezeigten Aggressivität: Mit diesem Vorwurf müsse man aufpassen, dass man nicht in den Bereich der üblen Nachrede geraten könnte, sagt er, an Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin gerichtet.
Die Antwort der politischen Gegner kann noch am gleichen Tag gegeben werden. Sobald auch die Fragen nach dem Verstauen des Klimagases abgehandelt sind, füllt sich das Plenum aufs Neue zu einer Aktuellen Stunde. Thema wieder: Guttenbergs Doktorarbeit. Auch hier nimmt Guttenberg teil; auch sonst ist die Regierungsbank voll besetzt. Leer bleibt der Stuhl der Bundeskanzlerin.
Im Text wie ein eigener Beitrag verwendet
Erster und schärfster Angreifer der SPD ist – wie in den vergangenen Tagen schon – der Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann. „Sie rücken mit der Wahrheit immer nur dann scheibchenweise heraus, wenn die Beweislast erdrückend ist“, ruft er aus. Dazu bezieht er sich auf die Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, die Guttenberg in seine Arbeit eingebaut hat. Vier Gutachten hat er selbst erwähnt, sie sind auch schon im Verzeichnis seiner Arbeit aufgeführt, allerdings im Text wie ein eigener Beitrag verwendet worden. Nun führt Oppermann zwei weitere Gutachten an, bei denen Textbestandteile verwandt worden seien. In einem ist er selbst mit einem Aufsatz als Literaturnachweis erwähnt. „Wer über 100 Seiten kopiert, wer sechs Gutachten einbaut, der macht keine handwerklichen Fehler, der betreibt die vorsätzliche Übernahme fremden Gedankenguts. Diese Arbeit ist in großen Teilen nicht Ihre geistige Leistung. Sie haben getäuscht, Sie haben betrogen, Sie haben gelogen,“ sagt Oppermann.
Das ist der Duktus der meisten Beiträge – mal schärfer, mal empörter. „Wir lassen uns nicht zum Narren machen“, ruft Karl Lauterbach (SPD) im rheinischen Tonfall. „Am Ende zählt, ob einer ist, was er vorgibt“, sagt der Linkspartei-Mann Dietmar Bartsch. Er zitiert ausgerechnet Guttenbergs gleichnamigen Großvater, dessen Erinnerungen an die erste große Koalition den Titel „Fußnoten“ tragen. Jürgen Trittin zitiert Manns „Felix Krull“: Eine Glücksgestalt wie die Titelperson will sich in seinen Verfehlungen nicht gleich mit „Krethi und Plethi“ beurteilt sehen.
Die Selbstkritik hat viel für sich...
Angelika Steckhan (eslis)
- 23.02.2011, 20:42 Uhr
Nur zur Klarstellung über das Thema der Diss von Frau Dr. Enkelmann...
Closed via SSO (shoppe57)
- 23.02.2011, 20:50 Uhr
Es bleibt dabei.
Horst Ziegler (pacificatore)
- 23.02.2011, 20:53 Uhr
Zu Guttenberg hat "gravierende Fehler gemacht"
ulrich moskopp (ulrichmoskopp)
- 23.02.2011, 21:21 Uhr
Das war keine Demontage des Ministers
Ronald Strasser (Generalstreik)
- 23.02.2011, 22:03 Uhr
