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Berlin Wo alles geht, lassen sich viele gehen

22.08.2011 ·  Wer sich schlecht benehmen will, ist kaum daran zu hindern. Das lässt sich in Berlin, wo das Wegschauen zu lange als Zeichen der Toleranz galt, geradezu exemplarisch studieren: Es ist eine Art Diktatur des Lumpenproletariats entstanden.

Von Mechthild Küpper, Berlin
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Jehste vielleicht ma duschen, du altet Ferkel!“ Laut tönt es durch das Weddinger Freibad. Der Angesproche ruft verblüfft die Bademeister als Zeugen an: Er komme doch gerade aus der Dusche! Der rundliche ältere Herr hat nicht begriffen, dass „altet Ferkel“ ein auf ihn gemünzter Kosename ist, ein Zeichen, dass er dazugehört. Bei Regen oder Sonnenschein, sobald das Bad um acht Uhr früh öffnet, trifft sich eine eingeschworene Gemeinschaft älterer Bahnenschwimmer, richtige West-Berliner, die den Kalten Krieg im Herzen und dieses auf dem rechten Fleck haben. Die Frauen heißen Erika und Ilse und helfen sich, wenn nötig, nach dem Duschen auch mal beim Eincremen, die Männer politisieren gern – und haben Spaß an deftigen Liebkosungen.

In fast jedem anderen Zusammenhang aber ist selbst der zarteste Hinweis auf beanstandenswertes Benehmen rar geworden. Gestandene Männer wagen nur selten, jüngere in der U-Bahn aufzufordern, die Füße von der Sitzbank zu nehmen, die Musik leiser zu drehen oder das Rauchen einzustellen. Wer mal versucht hat, einem drahtigen Mann im Freibad Pankow auszureden, sich unter der Kaltwasserdusche vor dem Becken einzuseifen, weil sonst jeder durch sein Badewasser laufen müsse, wird es kaum noch einmal tun – so aggressiv war die Reaktion. Die Bademeister aber hatten nichts gesehen.

Wochenlange Erinnerungen

In Berlins Schwimmbädern gedeiht so einiges, was die Angestellten angeblich nicht sehen, weil sie den Konflikt mit ihren Gästen scheuen. Graffiti, das ein Teil der Kundschaft in den Umkleidekabinen anbringt, bleibt oft wochenlang dort: Soll der andere Teil der Kundschaft doch merken, wie schrecklich hart der Job bei den „Berliner Bäder-Betrieben“ (BBB) geworden ist. So hält es auch die S-Bahn: „Mutwillig beschädigt“ steht auf den knallroten Schildern, die irgendjemand auf die defekten Türen geklebt hat. Als ob die Fahrgäste Lust hätten, zwischen dem Versagen von Ihresgleichen und dem des Managements zu unterscheiden.

Kurz nach der friedlichen Revolution von 1989 sagte der DDR-Bürgerrechtler Jens Reich: „Ein Volk, das wirklich frei sein will, ist frei.“ Analog könnte man heute über Berlin formulieren: Eine Bevölkerung, die sich wirklich schlecht benehmen will, ist kaum daran zu hindern. Ältere empfinden es als unerhört, wenn jemand seinen Müll nicht entfernt; Jüngere hingegen werten es als Mildtätigkeit, die unterwegs geleerte Bierflasche auf die Straße zu stellen: Die armen Obdachlosen können sich mit dem Pfand doch etwas Geld verdienen. Noch so missbilligendes Starren hält gediegene Herren nicht davon ab, die Verpackung des gerade in der S-Bahn verspeisten Gebäcks, ordentlich gefaltet, ganz hinten unter den Sitz zu legen: So weiß der Mann, der den ganzen Tag mit einem Besen und einem Müllsack die S-Bahn-Wagen säubert, dass er es für ordentliche Leute tut.

Heilbare Berliner Malaisen

Seit 1920 ist Berlin eine „Einheitsgemeinde“. Es besitzt eine zwei-, manchmal dreistufige Verwaltung, die Senatsverwaltung und die Bezirksverwaltungen, häufig arbeiten zusätzlich noch Landesämter an diesem und jenem. Öffentliche Ärgernisse aber verursacht grundsätzlich „der Senat“. So gelangte eine Zehlendorfer Schule vor einigen Jahren mit der Nachricht in die Zeitung, sie werde so knapp gehalten, dass es nicht einmal mehr Klopapier gebe. Der Schulsenator konterte: Da sei eine Schulleiterin überfordert. Von dem vermeintlichen Skandal hörte man nichts mehr; aber die Haltung hat sich gehalten. Die Bezirke sind Träger der Schulen, zuständig für Gebäude, Hausmeister- und Sekretärinnenstellen, die so oft gestrichen wurden, doch erscheinen sie in Berlin nicht als Träger der Kommunalverwaltung, sondern als die Opfer des Senats. Stadträte werden kurioserweise kaum je zu Objekten der Kritik.

Wenn Glatteis unter Schneebergen jede Bewegung auf Straßen und Bürgersteigen gefährlich macht, ist „der Senat“ gefragt. Als der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einer Dame anbot, sich doch mal anzusehen, wie es vor seinem Haus im feinen Halensee nach wochenlangem Frost aussah – „Holiday on Ice“ –, wurde das als unverzeihlich verbucht, genau wie seine Beobachtung, Berlin sei nicht Haiti. Aus Wowereits Wurstigdeutsch übersetzt, heißt es, dass die Berliner Malaisen keine Naturkatastrophen sind, sondern mit etwas Bürgersinn und Bereitschaft zum Zupacken geheilt werden könnten.

Vor der eigenen Tür fegen

Wie man es richtig macht, wissen alle, die hier schon länger Politik machen. Die noch nicht so lange dabei sind, können es im Buch „Der Machtzerfall. Innenansicht einer Stadtpolitik“ des Rundfunkjournalisten Karl Heinz Gehm nachlesen: „Die Stadt wäre an der weißen Pracht erstickt, wenn nicht der CDU-Fraktionsvorsitzende Lummer an einer Straßenkreuzung in seinem Zehlendorfer Wahlkreis selbst die Schaufel in die Hand genommen und einigen Fotografen gezeigt hätte, wie man sich ohne BSR helfen kann“, schreibt er über den Wahlkampf 1979. Der fleißige Schneeschieber war Heinrich Lummer, der zwei Jahre später Innensenator wurde. Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat es bis heute nicht geschafft, die Tatsache zu verbreiten, dass nach dem Gesetz jeder Hausbesitzer vor seiner eigenen Tür zu fegen hat, auch in der großen Stadt Berlin.

„Die Mieter warten auf die Hauswarte, die Hauswarte auf die Hausbesitzer und die Hausbesitzer auf die Stadtreinigung. Und alle warten irgendwie auf den Senat“, heißt es in Gehms Buch von 1984, als in Berlin (West) noch jedes Mietshaus einen Hauswart hatte, als noch Schaffner in Bussen Fahrscheine verkauften und einschritten, wenn sich jemand danebenbenahm, als es auf jedem U-Bahnhof oben einen Fahrkartenschalter mit Personal und unten einen Zugabfertiger in einem Häuschen gab. Heute legen selbst Bahnmitarbeiter in Uniform ihre Füße samt Schuhen auf dem Sitz gegenüber ab. Wer so töricht oder arm ist, in der Neujahrsnacht U-Bahn zu fahren, sieht Reinigungstrupps systematisch wegschauen, während Bürgerkinder Absperrgitter von der Straße in der U-Bahn verteilen und sich aus Sektflaschen erfrischen.

„Lebensstilintoleranz“ des rot-rot-grünen Milieus

Christoph Meyer, dessen FDP ums parlamentarische Überleben kämpft, hat einen Begriff für die Berliner Krankheit gefunden: Die Stadt leide an der „Lebensstilintoleranz“ des rot-rot-grünen Milieus. Dort sei der „Nährboden für linksextremistische Gewaltexzesse“ zu suchen. Tatsächlich müssen sich Spitzenpolitiker der Linkspartei und der Grünen manche dubiose Äußerung und Tat von Parteifreunden zurechnen lassen. So rechtfertigte der Bürgermeister von Kreuzberg-Friedrichshain, Franz Schulz (Grüne), vandalisierende Hausbesetzer noch, als diese in der Szene schon als reine Partyrevoluzzer verschrieen waren. Und die „revolutionäre 1.-Mai-Demo“ vor zwei Jahren, die einen schweren Rückschlag für das Konzept der „ausgestreckten Hand“ bedeutete und viele hundert verletzte Polizisten zum Ergebnis hatte, war von einem Bezirkspolitiker der Linkspartei angemeldet worden.

Seit der Flughafen Tempelhof ein Park geworden ist und der Lärm aufgehört hat, wird die unmittelbare Nachbarschaft attraktiv, die Mieten steigen. Doch das Büro des Neuköllner „Quartiersmanagement“, ein Instrument der bürgernahen staatlichen Hilfe für gefährdete Quartiere, wurde von Linksradikalen überfallen, die es als Agentur des Kapitals bekämpfen. Wowereit wird nicht müde zu sagen, dass es geradezu Ziel seiner Politik sei, dass sich die Lebensverhältnisse häufiger so verbessern wie in „Kreuzkölln“ zwischen Neukölln und Kreuzberg. Wer sich aber in der SPD, bei den Grünen und in der Linkspartei umhört, wird staunen, wie verbreitet die Ansicht ist, der Staat könne und müsse den Wohnungsmarkt gesetzlich regeln.

Geordneten Verhältnissen „hinterher sein“

In Kreuzberg wird seit Jahrzehnten vor der „Gentrifizierung“ und der Verdrängung armer Leute gewarnt. Tatsächlich verdrängt oder besser: vertrieben wurden vor allem Eltern, sobald ihre Kinder schulpflichtig wurden. In Berlins Schulen liegt das Lehrer-Schüler-Verhältnis bei an sich guten 1 zu 17; schlecht sind sie dennoch. Doch setzt noch jeder Senat und zum Teil jeder Koalitionspartner seinen Ehrgeiz in die jeweils eigene Reform, statt die Initiativen, Stiftungen und Vereine zu unterstützen, die an der Qualitätsverbesserung des Unterrichts arbeiten. Die PDS wollte einen Modellversuch für eine Gemeinschaftsschule, der Bildungssenator von der SPD führte, während dieser noch lief, Haupt- und Realschule zusammen.

Das stillschweigende Einverständnis mit dem schlechten Status quo reicht weit über das Milieu der linken Parteien hinaus. In Berlin steht die „schwäbische Hausfrau“ auf verlorenem Posten, die weiß, dass man „hinterhersein“ muss, wenn man geordnete Verhältnisse wünscht. Über seiner Hauptstadtwerdung hat Berlin vergessen, dass es eine Kommune ist. Wichtige Sichtachsen konnten zuwachsen, soziale Kontrolle ist verlorengegangen, einzelne Gruppen dürfen ihre Partikularinteressen auf Kosten der Allgemeinheit durchsetzen. Die Reparatur wird teuer werden.

Diktatur des Lumpenproletariats

Berufskreuzberger haben das Gefühl, nun mache sich auch ihr Stadtteil für die Touristen schön, während er für Eingeborene zu teuer werde. Andere stellen inzwischen fest, dass Berlin nicht nur angenehm ungezwungen geblieben, sondern rüpelhaft geworden ist. Eine Art von Diktatur des Lumpenproletariats ist entstanden, gegen das sich niemand zu wehren weiß. Was soll man gegen einen Zeitungsausträger tun, der morgens Kinderwagen in Mietshausfluren anzündet? Und wer soll es tun? Die Polizei? Selbst Häuser, die überwiegend von Wohnungseigentümern bewohnt sind, stehen so häufig offen, dass jeder sich in Ruhe bei den Fahrrädern auf dem Hof bedienen kann. Wer soll die nette Kleinfamilie zur Rede stellen, die den Fliederstrauß offenbar am Charlottenburger Lietzensee gepflückt hat? Erwachsene essen und trinken im Gehen, Stehen und Fahren und werfen die Verpackung hinter sich: In Berlin lässt sich nicht nur die Unterschicht gehen.

Während die New Yorker U-Bahn vor zwanzig Jahren verkündete, sie sei endlich frei von Graffiti, wird in Berlin jede frischgestrichene Wand rasch wieder beschmiert. Die Lektion aus New York wurde auch hier erörtert: Wer den öffentlichen Raum nicht preisgeben will, muss ihn pflegen und schon den ersten Regelverstoß ahnden. Angewandt wird sie hier nicht. Millionenbeträge flossen in die Sanierung von Schulen und Kindergärten. Aber das Graffiti, das sofort wieder erschien, bleibt, und so geht immer alles so weiter.

„Wo uns der Schuh drückt“

Der CDU-Ortsverband Schönhauser Allee veröffentlichte kürzlich seine Position zum Mauerpark. Wo die Mauer bis 1989 Ost- und West-Berlin, Prenzlauer Berg und Wedding trennte, ist ein Park entstanden, der unter jungen Leuten ungeheuer populär ist. Die Nutzung ist rücksichtslos auf Verschleiß angelegt, es wird getrunken, gegrillt, Musik gemacht, der Park ist eine Steppe geworden. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall soll er nun endlich nach Westen hin, wo die armen Leute ausländischer Herkunft wohnen und die städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo viel Mühe und Geld zur „Wohnumfeldverbesserung“ aufwendet, erweitert und geöffnet werden. Am Rand sollen einige hundert Wohnungen entstehen, was der Berliner Wohnungsmarkt nach übereinstimmender Auffassung gut gebrauchen könnte. Doch die Front der Ablehnung steht, inzwischen komplett mit örtlicher CDU: Der Park soll mitsamt seiner rauhbeinigen Nutzung erweitert werden; Wohnungen mit selbstbewussten Bewohnern würden nur Ärger bringen.

„Wo uns der Schuh drückt“: So hieß eine Radioserie im Rias, die Ernst Reuter als Regierender Bürgermeister in den frühen fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts einführte. Auf Betreiben der CDU wurde das „Gespräch mit dem Bürger“ 1978 eingestellt. Heute hat sich die Berliner Union wieder des Formats entsonnen. Ihr Wahlprogramm entstand mit Bürgerbeteiligung, die „hundert wichtigsten Probleme“ der Stadt sollen identifiziert werden. Auch die Grünen lassen sich per Internet von Bürgern Aufgaben stellen, über 400 kamen. Der „Kiezbesuch“ wurde zur beliebtesten Wahlkampfform.

Was Politiker gern sagen und selten tun

Die Probleme des Zusammenlebens werden Parteien allein nicht lösen können, zu lange galt das Wegschauen als Zeichen der Toleranz, das Nicht-Zuständig-Sein als Ausweis der eigenen Professionalität. Für das, was Jugendliche in den Freibädern anrichten, fühlen sich die Bäderbetriebe nicht zuständig, sie beschäftigen schließlich keine Sozialarbeiter, und die Bezirksämter sind froh, für die Bäder nicht verantwortlich zu sein.

Die Gegenbewegung begann in einem deindustrialisierten Viertel an der Spree. „Organizing Schöneweide“ klang exotisch, aber jeder kann inzwischen sehen, wie gut die Arbeit der Gruppe dem Stadtteil tut. „Wir sind da“ heißt die Bürgerplattform der Stadtteile Wedding und Moabit; auch in Neukölln soll eine Bürgerplattform gegründet werden. Solche Plattformen sind das Gegenteil von Bürgerinitiativen, sie gruppieren sich nicht um ein Thema, sondern um von ihnen gemeinsam festgelegte Defizite im Zusammenleben. Und dann wird „auf Augenhöhe“, wie es Politiker gern sagen und selten tun, mit den Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung verhandelt: mit dem Leiter des Job-Centers in Mitte zum Beispiel darüber, wie dieses vom „größten zum besten“ Job-Center wird, mit Schulleitern darüber, wie die Deutschnoten besser werden. Die Gespräche enden mit verbindlichen Vereinbarungen, sie sind eine moderne Variante von „Wo uns der Schuh drückt“. Das hat sich aber noch nicht herumgesprochen.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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