Bremen ist eine in sich geschlossene Welt, ein Biotop, das linke Gesinnung, Stolz auf das Ureigene sowie bürgerliche Lebensart verbindet. Die erweiterte Hansestadt ist damit untypisch für alles andere in Deutschland. Damit könnten sich die Berliner Regierungsparteien trösten, wenn sie ihre doppelte Niederlage betrachten. Immerhin gab es manches bisher noch nicht oder kaum in der deutschen Parteiengeschichte: dass Grüne die Christdemokraten als zweitgrößte Landespartei ablösen; dass beide Parteien einer Regierungskoalition dazu gewinnen und der „linke Flügel“ der Gesellschaft bei einer Landtagswahl drei Viertel aller Stimmen auf sich zieht; dass im Teilstaat Bremerhaven die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent sinkt; dass die FDP – endgültige Ergebnisse gibt es erst am Mittwoch – unter drei Prozent sinkt.
Dennoch werden Politiker auch anderswo daraus Lehren ziehen können. Wer Streit und Zerwürfnis nach außen und innen zeigt und sich zersplittert wie das alte „großbürgerliche“ Element Bremens, wird bis zur Bedeutungslosigkeit abgestraft. Dabei prägt gerade diese Welt – die Kaufmannschaft, eine auf Traditionen setzende mäzenatische Bürgergesellschaft – die Weserstadt wie kaum in einer anderen Großstadt. Selbst Hamburg kann da nicht mitziehen. Aber wenn der frühere Landes- und Fraktionsvorsitzende einer Partei, hier der FDP, eine neue Splittergruppe gründet und diese auch noch mit anderen neuen Wählervereinigungen konkurriert – und diese allesamt nach der vernichtenden Wahlniederlage unbelehrt sagen, sie wollten weitermachen -, zeigt das, dass es eher um persönliche Profilierungssucht geht als um die Sache. Vielleicht treibt sie das Gefühl, das überschuldete Bremen sei ohnehin als eigenständiges Bundesland verloren, habe zumindest seine Gestaltungsmacht verloren.
Karoline Linnert kommt gut an
Mehr noch als die Verluste aller bürgerlichen Parteien belegen die beiden Wahlsieger Jens Böhrnsen (SPD) und Karoline Linnert (Grüne) die Erkenntnis, dass die Bremer des sichtbaren Zwists überdrüssig sind. Böhrnsen ist gleichsam der Anti-Gabriel – weder streitlustig noch egomanisch. Sein äußeres Auftreten – graue Haare, Brille, fast stets im Anzug, ruhige unaufgeregte Stimme – und sein Sprechen in großen Linien, in die auch mal das Wort Stolz einfließt, tun Bremern offenkundig gut. Damit übertüncht Böhrnsen alle Verwerfungen, die einer Partei eigen sind, die ohne Unterbrechung 65 Jahre regiert – Filz und Ämterpatronage – und die dazu noch von der Sozialpolitik bis zur Überschuldung Zeichen des Versagens zeigt.
Ebenso überzeugt Karoline Linnert die Bremer, passt zu ihnen in ihrer fröhlichen, burschikosen Art. Sie nimmt alles, aber am wenigsten sich selber, ernst. Das kommt gut an. Das allerdings verbindet sie mit Ernsthaftigkeit, mit Sachkenntnis und Grundsatztreue im schwierigen Feld der Finanzpolitik. Ihren zweiten überragenden Wahlsieg nacheinander holte sie diesmal nicht nur bei der Jugend und der Welt der Bremer Universität, deren Ruf als rote Kaderschmiede längst abgelöst wurde vom Rang einer angesehenen Forschungsstätte. Frau Linnert gewann auch überproportional in Villenvororten nahe der Innenstadt, zuvor Hochburgen der CDU und der FDP. Die bremischen Grünen sind mittlerweile fast schon die dritte bürgerliche, großbürgerliche und liberale Partei der Stadt.
Die erste grün-schwarze Landesregierung?
Das ist das einzige Hoffnungszeichen, auf das die CDU nach dieser Wahl setzen kann: Es gibt genügend Zeichen, dass die Grünen nicht mehr hinnehmen, was Karoline Linnert als die „Bremer Ordnung“ bezeichnet – die SPD gewinnt und bestimmt, die anderen sind aus deren Sicht Fußvolk. Acht Jahre lang, bis 2003, war das die CDU, die in die rot-schwarze Koalition wenig Eigenes einbringen konnte; seitdem sind es die Grünen. Mit dieser Rolle wollen und werden diese sich nicht mehr begnügen. Im Jahr 2015 wird es nicht ein zweites Mal einen Zuwachs für beide Regierungsparteien geben. So sind sie schon jetzt mehr als bisher Rivalen, die um die Stimmen des jeweils anderen kämpfen werden. Eine gleichsam vorgegebene automatische Fortsetzung der rot-grünen Koalition dürfte es in vier Jahren nicht geben. Das macht die kommenden Jahre in der Bürgerschaft spannender als bisher. Nachdem Bremen das erste Land war, in dem zunächst die Grünen, später auch die Linkspartei in einen westdeutschen Landtag einzogen, das eine Ampel-Koalition hatte, könnte es in vier Jahren auch als erste einer grün-schwarze Landesregierung haben.
Einig werden sich alle – SPD und Grüne, CDU und sogar Linkspartei – nur in einem sein: Sie wollen Bremen als eigenständige Gemeinschaft, als Bundesland weiter halten, koste es (meist: die anderen) was es wolle. Das hatte Jens Böhrnsen nicht nur erkannt, sondern auch in seiner klugen Wahlstrategie umgesetzt: Er hielt seinen Kritikern entgegen, wer Bremen mit solch Nichtigkeiten wie der höchsten Prokopfverschuldung, dem Anschwellen von Insolvenzen, der statistisch nachgewiesenen Schulmisere kritisiere, rede die Stadt schlecht und gefährde so die Finanzhilfen von außen und mittelfristig das eigenstaatliche Überleben. Er konnte mit diesem „staatsmännischen“ Auftreten eine weitere Bremer Eigenheit erzielen, die kaum ein anderes Bundesland vorweisen kann: dass drei Viertel aller Bürger „stolz“ auf ihren Regierungschef sind.