11.05.2011 · Immer wieder ist Winfried Kretschmann mit dem grünen Mainstream in Konflikt geraten. Meist zog er sich dann in einen Schmollwinkel zurück. Nun ist er der erste grüne Regierungschef in Deutschland.
Von Rüdiger Soldt, StuttgartDie Wortwahl war ungewöhnlich für Winfried Kretschmann. Es gelte nun, in der Koalition mit der SPD einen „gemeinsamen Sound“ zu finden, sagte der 62 Jahre alte Politiker, als die grünen Delegierten am Wochenende dem Koalitionsvertrag zustimmten. „Sound“ passt nicht so recht zu dem Mann, der in Baden-Württemberg an diesem Donnerstag zu Deutschlands ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt werden soll. Denn Kretschmann stellt sich zu vielem quer, was in der Politik im Allgemeinen und in seiner Partei im Besonderen für angemessen gehalten wird.
Die politische Plastiksprache ist ihm genauso ein Graus wie stundenlange Diskussionen über Wahlplakate. Aber das sind letztlich Äußerlichkeiten. Gleichwohl unterscheiden sich die Person des künftigen Ministerpräsidenten und die Umstände seiner Wahl von vielem, was man in der Geschichte der Bundesländer sonst erlebt hat: Der Kandidat kommt im vergleichsweise hohen Alter von 62 Jahren an die Macht. Er vertritt eine Partei, die bis vor kurzem zu den „kleinen“ zählte. Innerhalb der Grünen nimmt er auch heute eine Außenseiterposition ein. Und dieser Mann aus Sigmaringen-Laiz ist tief religiös und noch dazu ein bekennender Provinzler. Mit diesem Ministerpräsidenten zieht also ein Querkopf in die Villa Reitzenstein. Und mit ihm könnte für Baden-Württemberg und das Land eine Entwicklung beginnen, die quer zu den üblichen historischen Kontinuitätslinien verläuft. Nur einmal hat es in den Ländern einen Ministerpräsidenten einer Partei gegeben, der nicht einer Volkspartei angehörte: Das war Reinhold Maier, ein Freier Demokrat, der erste Ministerpräsident Baden-Württembergs.
Der „Gorilla aus den Bergen“
Oft ist der 1948 in Spaichingen geborene Kretschmann als grüner „Oberrealo“ beschrieben worden. Streng genommen ist er aber bislang als stahlharter Machtpolitiker weniger aufgefallen. Wie auch - seine Partei war dreißig Jahre in der Opposition. Ein übersteigert taktisches Politikverständnis, wie es etwa Fritz Kuhn auszeichnet, ist dem Gymnasiallehrer für Biologie und Chemie wesensfremd. Kretschmann wehrte sich schon vor dreißig Jahren, als seine Parteifreunde noch Latzhosen trugen, gegen „feministische Wühlmäuse“, wollte nicht allein die kapitalistische Wirtschaftsstruktur für die ökologische Krise verantwortlich machen und nahm sogar einmal den damaligen CDU-Kultusminister Gerhard Meyer-Vorfelder in Schutz.
Kretschmanns Haltung lässt sich wohl am ehesten mit dem Begriff „Ökolibertär“ beschreiben. Diese absolut minoritäre Gruppe wollte aus den Grünen eine liberale Partei machen. Die Autoren entsprechender Papiere - Thomas Schmid, Ernst Holitschek, Dirk Treber - hatten Mitte der achtziger Jahre registriert, dass es Grünen-Wähler im Bürgertum gab, die organisatorische Ebene der Grünen aber in den „Händen von Kadern mit marxistisch-leninistischer Geschichte“ lag. Die Gemeinschaft, so der programmatische Anspruch der „Ökolibertären“, sollte weniger wichtig sein als das Individuum.
„Wenn er die ökolibertären Anträge auf Parteitagen vortrug, pfiffen sie ihn aus, bevor er überhaupt am Rednerpult war“, sagt ein Grüner. Für die „Fischer-Gang“ sei Kretschmann ein „Gorilla aus den Bergen“ gewesen. Die fragten ihn, für welches politische Ziel er gerade arbeite. Dann sagte er: „für die Polis“. Kretschmanns Freunde lachten dann nur und tranken noch ein paar Flaschenbiere. Deshalb war auch die kurze Zeit, die Kretschmann als Ministerialrat (1986-1987) im hessischen Umweltministerium unter Joseph Fischer verbrachte, nicht die glücklichste seines Lebens. Ungern spricht er heute darüber.
Antiautoritär und empathisch
Gelingt es dem ersten grünen Ministerpräsidenten das Industrieland erfolgreich zu regieren, könnte das einen weiteren Aufstieg der Grünen befeuern. Für seine Partei wäre ein Erfolg in der Regierung von unschätzbarem Wert. Und im grünen Landesverband ist im Moment wohl nur Kretschmann in der Lage, das Ministerpräsidentenamt auszufüllen. Die Grünen sind abhängig von ihm, so etwas diszipliniert.
Kretschmann lag mit seiner Partei, seitdem er sie 1980 mit gegründet hatte, immer wieder im Clinch: Vielen seiner Parteifreunde „kochte schon das Blut“, wenn sie ihn nur reden hörten. Wegen seiner „emphatischen Liebe zur Natur“, sagt er heute, sei er damals zu den Grünen gegangen. Es waren nicht die ökosozialistischen Ideen, die bei den Grünen früher eine große Rolle spielten, die ihn dazu animierten, ein Grüner zu werden. Wichtiger war da schon das antiautoritäre Element, denn der Sohn eines aus dem Ermland vertriebenen Lehrers verbrachte eine recht unglückliche Zeit in einem katholischen Internat.
Regelmäßiger Rückzug in den Schmollwinkel
Zum ersten Bruch mit seiner Partei kam es schon im November 1983: Auf dem Konstanzer Parteitag kam es bei der Verabschiedung des Wahlprogramms zum Streit. Er habe „nicht mehr die Kraft, weitere Kontroversen“ auszustehen, sagte Kretschmann damals. Die Delegierten wollten unökologisch wirtschaftende Unternehmen in Gemeineigentum überführen. Zur Landtagswahl 1984 trat er nicht an. „Er ist ein Mensch, der gestalten will, und er hatte seine Fans, so dass er dann 1988 doch wieder für den Landtag kandidierte“, sagt die Fraktionsgeschäftsführerin Hedi Christian, die seit 1980 dabei ist und die Flügelkämpfe der Anfangsjahre miterlebt hat. 1988 kandidierte er wieder für den Landtag. Doch der nächste Konflikt ließ nicht lange auf sich warten: 1990 Kretschmann befürwortete den Bau einer Sondermüllverbrennungsanlage - gegen die Mehrheit der Partei. Von 1992 bis 1996 nahm er dann eine zweite Auszeit.
Konflikte löste Kretschmann bisher immer wieder durch Rückzug in den Schmollwinkel. 1996 und 2001 zog er abermals in den Landtag ein. Die dauerhafte Aussöhnung mit der Partei gelang aber erst, nachdem er 2006 als Spitzenkandidat für seine Partei 11,7 Prozent geholt hatte. Nach den 2006 von der CDU abgesagten Sondierungsgesprächen zur Bildung einer schwarz-grünen Koalition warb er unermüdlich weiter für ein solches Bündnis. Als Katholik pflegte Kretschmann auch ein ausgesprochen kollegiales Verhältnis zu Erwin Teufel, der sich verlässlich zum 60. Geburtstag des Grünen einfand und sogar nach der schmerzlichen Wahlniederlage der CDU lobende Worte für den künftigen Ministerpräsidenten fand. Kretschmann bewertet die Erfolgsaussichten seiner Koalition mit Zurückhaltung: Es wird sich zeigen, ob wir Geschichte schreiben oder nur „eine Geschichte“, hat er kürzlich gesagt.