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Winfried Kretschmann Bedächtiger Oberrealo

 ·  Ein katholischer Wertkonservativer, dem die Liebe zur Natur wichtiger ist als gesellschaftspolitische Experimente, dürfte der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands werden. Ihn als „grünen Erwin Teufel“ zu bezeichnen führt in die Irre: Winfried Kretschmann ist kein Machtmensch.

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Vielleicht war der Württembergische Kunstverein, in dessen Räumen der grüne Spitzenkandidat am Sonntagabend vor seine jubelnden Parteifreunde trat, zufällig gewählt. Vielleicht war es aber auch ein symbolisches Signal, dass Winfried Kretschmann sich in jenem markanten Haus am Stuttgarter Schlossplatz mit dem goldenen württembergischen Hirschen auf dem Dach zeigte. Denn das beste Ergebnis, das die Grünen je in einer Landtags- oder Bundestagswahl erzielten, hat auch etwas mit dem Erstarken eines neuen Bildungsbürgertums zu tun, das die Grünen repräsentieren wollen.

Als Student war der 1948 in Spaichingen geborene Kretschmann Mitglied von maoistischen und kommunistischen Splittergruppen, doch der Lehrer für Ethik, Chemie und Biologie emanzipierte sich schnell. 1980 gehörte er zu den Mitgründern der Grünen im Südwesten. Es folgte eine lange Zeit als Oppositionspolitiker. Zwei Mal überwarf sich Kretschmann so sehr mit seiner Partei, dass er aus dem Landtag ausschied. Bis heute fällt es dem Kopfmenschen Kretschmann schwer, die Bauchmenschen in der Fraktion und an der Parteibasis zu verstehen. „Ich sage das meinen Leuten immer“, ist eine Formulierung, die er oft gebraucht.

Ein bedächtiger, katholischer Wertkonservativer, dem die Liebe zur Natur wichtiger ist als ein gesellschaftspolitisches Experiment, dürfte somit der erste grüne Ministerpräsident Deutschland werden. Der Vater von drei erwachsenen Kindern lebt im oberschwäbischen Laiz, ist Mitglied im örtlichen Schützenverein und hat für modernistisches Klimbim wenig Verständnis. Ihn als „grünen Erwin Teufel“ zu bezeichnen führt dennoch in die Irre: Teufel war ein ausgefuchster Machtmensch, der eiskalt entscheiden konnte.

Dass der Oberrealo „Kretsch“, wie ihn seine Parteifreunde nennen, derartige Fähigkeiten besitzt, ist nicht überliefert. Ganz sicher aber würde sich Kretschmann in seinem neuen Amt nicht wie früher zurückziehen können, wenn es ungemütlich wird. Auch dürfte Kretschmanns tiefgründige Art, die Landespolitik durch das Weitwinkelobjektiv der politischen Philosophie zu betrachten, kaum ausreichen, um das industrielle Kernland Deutschlands zu führen.

Wunschposten Finanzminister

Die Lebensplanung des lang gedienten Oppositionspolitikers sah eigentlich anders aus: Die „Villa Reitzenstein“ war nicht das Ziel seiner Wünsche. Kretschmann wäre am liebsten Finanzminister in einer schwarz-grünen Regierung geworden. Als erster grüner Ministerpräsident müsste er nun ein gutes Verhältnis zu der gedemütigtem SPD finden. Und in der Diskussion über „Stuttgart 21“ – ein „Ausstieg“ ist aus rechtlichen und finanziellen Gründen schwierig – dürfte er schnell erfahren, ob seine idealistischen Vorstellungen von einem „fairen Dialog“ mit den Bürgern den Stresstest des politischen Alltags bestehen.

Kretschmann wäre – nach Günther Oettinger und Stefan Mappus – nicht der erste, der das Amt des Ministerpräsidenten unterschätzt hätte. Nur von einem „Traumjob“ hat er nun wirklich nie gesprochen.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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