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Im Gespräch: Reiner Haseloff "Wir Ossis sind nicht bekloppt"

27.03.2011 ·  Reiner Haseloff, CDU-Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt, spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über die fremden Rituale des Westens, den letzten Katholiken des Landes und die Vorzüge ostdeutscher Frauen.

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Herr Haseloff, Sie führen gerade Sondierungsgespräche mit der SPD. Wenn's klappt, werden Sie Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Was ist gut im Osten?

Die ostdeutsche Frau. Sie ist unkompliziert. Durch die Diktaturerfahrung setzt sie andere Prioriäten. Zum Beispiel diskutiert sie nicht stundenlang über Biofleischsorten, sondern es geht um Fleisch oder Nichtfleisch. Sie ist nüchterner.

Warum ziehen so viele weg, Frauen insbesondere, aber auch Männer?

Die bewerben sich hier, zum Beispiel im öffentlichen Dienst, kommen aber nicht rein. Es ist ziemlich dicht. Viele Positionen sind nach der Wiedervereinigung von Westdeutschen besetzt worden, junge Führungskräfte von hier kommen schwer zum Zug. In den nächsten zehn Jahren kommt da aber Bewegung rein.

Was ist anders im Osten?

Die gesamte Welt der politischen Rituale im Westen ist uns nach wie vor fremd. Der Unterschied kommt daher, dass wir unsere Demokratie durch die friedliche Revolution selbst erworben haben. Der alten Bundesrepublik wurde die Demokratie durch die westlichen Alliierten geschenkt. Die Verinnerlichung der Demokratie dort hatte auch viel mit dem Wirtschaftswunder zu tun.

Machen die Ossis deswegen anders Wahlkampf?

Ja. Es wird immer von Kuschelwahlkampf gesprochen, aber das ist falsch. Wir haben die letzten Male einen westdeutschen Wahlkampf geführt und dabei ist die Wahlbeteiligung stetig gesunken. Diesmal haben wir einen kultivierten Wahlkampf geführt. Es muss nicht unter die Gürtellinie gehen. Und am vergangenen Sonntag ist die Wahlbeteiligung gestiegen, und die NPD konnte aus dem Landtag gehalten werden.

Sie sind Physiker und wechselten nach der Wiedervereinigung in die Politik. Was haben Sie da erlebt?

Ich war stellvertretender Landrat und Wirtschaftsdezernent in Wittenberg, habe die großen Umbrüche miterlebt. Erst kam die Währungsreform, wir hatten nichts mehr, ich habe die Schecks bei Lothar de Maizière in Berlin persönlich abgeholt, um die Gehälter im öffentlichen Dienst auszahlen zu können. Dann bin ich zu einem der ersten ostdeutschen Arbeitsamtsdirektoren berufen worden. Die ganzen Entlassungen kamen, in der Industrie waren es neunzig Prozent. Die Arbeitslosenquote stieg auf 24 Prozent. Manchmal treffe ich Leute von damals, die sagen: „Gut, dass die Kommunisten weg sind, aber ich bin nie wieder zu Potte gekommen. Ich habe nie länger gearbeitet, habe mich immer von Maßnahme zu Maßnahme gehangelt.“ Deren Biographien sind mir als Arbeitsamtsdirektor zwischen den Händen verwelkt: Viele Ehen gingen kaputt, nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit. Oder durch die Pendelei.

Und durch Unzufriedenheit.

Das muss man wissen, wenn man den Ostdeutschen in seinem Wahlverhalten betrachtet oder sich fragt, warum er die Nationalhymne nicht aus vollem Halse mitsingt. Wir Ossis sind nicht bekloppt, wie in manchen Fernsehsendungen dargestellt, sondern wir tragen das Kreuz für den Zweiten Weltkrieg bis heute. Vierzig Jahre lassen sich nicht ungeschehen machen. Man kann keine Gerechtigkeit im Nachhinein schaffen. Damit habe ich jeden Tag zu tun, seit 21 Jahren. Erst als Arbeitsamtsdirektor, dann als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, schließlich als Wirtschaftsminister. Die Leistungsstarken konnten sich gut durchsetzen. Die Schwachen haben es noch schwerer gehabt als unter normalen Umständen.

Was kann man daraus lernen?

Die Geschichte müssen wir selbst schreiben, das kann kein Historiker aus Bielefeld. Und Wulf Gallert von der Linkspartei redet von „unseren Ostbiographien“. Ich bin aber auch eine. Und es waren nur zwei Millionen in der SED, die anderen 15 Millionen nicht. Wer reklamiert für sich die Interpretationshoheit? Wenn ich Ministerpräsident werden sollte, dann werde ich das anders einfangen. Weil ich das aus meinem Umfeld in der gesamten Breite kenne, bis hin zu einem Stasi-Mitarbeiter, den wir in der entfernten Verwandtschaft hatten. Egal, was wir rückwirkend aufarbeiten müssen, nach vorne müssen wir integrieren.

Als Wirtschaftsminister haben Sie jeden noch so kleinen Betrieb besucht. Was bleibt da hängen?

Jeder Betrieb ist anders, ich kenne viele. Wir haben eine Branchenbreite, die kaum ein anderes Bundesland hat. Die Wirkung der Maßnahmen sieht man nur an Ort und Stelle. Ich habe ein Kümmerer-Image, und da heißt es oft, ich mache zu viel Termine, bin zu viel draußen. Aber bei den Leuten kommt es an. Ich besuche nicht nur die großen Unternehmen, ich gehe auch in Fünf-Mann-Betriebe. Es geht nicht um Glamour, sondern um 80 000 Jobs, die geschaffen wurden, seitdem ich Wirtschaftsminister bin. Ich weiß, wie schwierig es ist, eine Volkswirtschaft vom Nullpunkt heraus in Gang zu schieben. Wie viele Menschen sich voll reingestürzt haben, als in den neunziger Jahren durch Änderungen im Förderrecht ein Bauboom entstand. Plötzlich waren doppelt so viele Unternehmer am Markt, wie benötigt wurden. Und dann kam der Konkurs. Existenz weg, Haus, Hof, alles, was im Grundbuch steht. Die Gründung eines Unternehmens ist ethischer als alles andere in dieser Gesellschaft.

Wie meinen Sie das?

Wenn die nicht losmarschiert wären und Jobs angeboten hätten, unter eigenem Risiko, dann wäre nichts aus diesem Vereinigungsprozess geworden. Stattdessen schimpfen die Linken nur auf den „Kapitalisten“, der niedrige Löhne zahlt. Dass so mancher Kleinunternehmer aber weniger hat als seine Mitarbeiter, davon redet niemand.

Wir steuern auf die großen Luther-Jubiläen zu. Sie als Katholik können da ja nicht so richtig mitfeiern.

Ich feiere da toll mit. Martin Luther ist der letzte Katholik, den wir in Sachsen-Anhalt haben. Er ist katholischer als wir Katholiken heute. Er hat sich bekreuzigt, er hat das Magnifikat gebetet, er hat gebeichtet, in der evangelischen Stadtkirche von Wittenberg finden Sie einen Beichtstuhl. Die Ökumene wurde hier großgeschrieben, auch schon in den achtziger Jahren. Wir haben als Abiturienten Melanchthon auf dem Markplatz einen Kranz umgehängt, an der Stasi vorbei. Ein paar Minuten später war der Kranz wieder weg. Meine Vorfahren kannten Luther persönlich. Die wohnten vor mehr als 500 Jahren am Elstertor in Wittenberg. Dort wohne ich heute auch.

Wollten Sie nie weg?

Die Welt kam immer zu uns. Alle waren da, Goethe, Peter I., Napoleon. Man hat die Geschichte der Stadt intus und kennt jeden Stein, der geschichtlich etwas spricht.

Sie haben im selben Jahrgang wie Angela Merkel Physik studiert. Verbindet Sie ein Politikstil?

Wir ticken ähnlich. Das haben wir in den letzten Monaten festgestellt. Wir wissen, wie wir denken, und wie man an Probleme herangeht. Bei der Diskussion über Atomkraftwerke waren wir fast immer wortgleich.

Am Fall Guttenberg zeigt sich die Sehnsucht der Bevölkerung nach strahlenden Helden. Ist es ein Nachteil, nur als Zahlenmensch dargestellt zu werden?

Als Wirtschaftsminister muss ich mein Ressort darstellen, da spielen Zahlen eine Rolle. Wenn Sie dann den Rollenwechsel in eine umfassendere Funktion machen wollen, werden Sie von Journalisten an dem bisherigen Auftreten gemessen. Dann schreibt einer, man sei ein Technokrat, und alle schreiben es ab. Irgendwann merken die schon, wie man ist.

Sie trinken wenig, haben auch sonst keine Laster. Nicht mal ein winzig kleines?

Doch, Bibliophilie. Und zwar grenzwertig. Ich komme an Büchern nicht vorbei. Ganz am Anfang meines Lebens waren Bücher für mich das Tor zur Welt. Mein Vater war Schlosser, meine Mutter war Hilfsarbeiterin, später dann Facharbeiterin. Wir waren arm. Das erste Buch habe ich mir heimlich gekauft. Als ich erwischt wurde, hat meine Mutter gesagt: „Wie kannst du Geld für Bücher ausgeben!“ 1,65 Mark für „Wolfsblut“ von Jack London, das war in den sechziger Jahren ein ganzes Vierpfundbrot und ein halbes. Das war richtig Geld. Für jedes Buch musste ich in der Landwirtschaft oder im Chemiewerk arbeiten. Und jetzt genieße ich es: Die Bücher, die ich interessant finde, die gönne ich mir.

Was lesen Sie gerade?

Verschiedenes, ich lese immer zwanzig, dreißig Bücher parallel. Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie. Josef Pieper. Stephen Hawking. Ich bin immer auf Buchsuche.

Wann gibt David Hasselhoff sein Konzert in Magdeburg? Das hat er doch versprochen, wenn Sie Ministerpräsident werden.

Den werde ich anschreiben, wenn ich ins Amt gewählt werden sollte.

Das Gespräch mit dem CDU-Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt führte Lydia Harder.

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