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Im Gespräch: Reiner Haseloff : "Wir Ossis sind nicht bekloppt"

  • Aktualisiert am

Ostdeutsche Frauen seien nüchterner, so Haseloff Bild: dapd

Reiner Haseloff, CDU-Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt, spricht im Interview mit der Sonntagszeitung über die fremden Rituale des Westens, den letzten Katholiken des Landes und die Vorzüge ostdeutscher Frauen.

          Herr Haseloff, Sie führen gerade Sondierungsgespräche mit der SPD. Wenn's klappt, werden Sie Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Was ist gut im Osten?

          Die ostdeutsche Frau. Sie ist unkompliziert. Durch die Diktaturerfahrung setzt sie andere Prioriäten. Zum Beispiel diskutiert sie nicht stundenlang über Biofleischsorten, sondern es geht um Fleisch oder Nichtfleisch. Sie ist nüchterner.

          Warum ziehen so viele weg, Frauen insbesondere, aber auch Männer?

          Die bewerben sich hier, zum Beispiel im öffentlichen Dienst, kommen aber nicht rein. Es ist ziemlich dicht. Viele Positionen sind nach der Wiedervereinigung von Westdeutschen besetzt worden, junge Führungskräfte von hier kommen schwer zum Zug. In den nächsten zehn Jahren kommt da aber Bewegung rein.

          Was ist anders im Osten?

          Die gesamte Welt der politischen Rituale im Westen ist uns nach wie vor fremd. Der Unterschied kommt daher, dass wir unsere Demokratie durch die friedliche Revolution selbst erworben haben. Der alten Bundesrepublik wurde die Demokratie durch die westlichen Alliierten geschenkt. Die Verinnerlichung der Demokratie dort hatte auch viel mit dem Wirtschaftswunder zu tun.

          Machen die Ossis deswegen anders Wahlkampf?

          Ja. Es wird immer von Kuschelwahlkampf gesprochen, aber das ist falsch. Wir haben die letzten Male einen westdeutschen Wahlkampf geführt und dabei ist die Wahlbeteiligung stetig gesunken. Diesmal haben wir einen kultivierten Wahlkampf geführt. Es muss nicht unter die Gürtellinie gehen. Und am vergangenen Sonntag ist die Wahlbeteiligung gestiegen, und die NPD konnte aus dem Landtag gehalten werden.

          Sie sind Physiker und wechselten nach der Wiedervereinigung in die Politik. Was haben Sie da erlebt?

          Ich war stellvertretender Landrat und Wirtschaftsdezernent in Wittenberg, habe die großen Umbrüche miterlebt. Erst kam die Währungsreform, wir hatten nichts mehr, ich habe die Schecks bei Lothar de Maizière in Berlin persönlich abgeholt, um die Gehälter im öffentlichen Dienst auszahlen zu können. Dann bin ich zu einem der ersten ostdeutschen Arbeitsamtsdirektoren berufen worden. Die ganzen Entlassungen kamen, in der Industrie waren es neunzig Prozent. Die Arbeitslosenquote stieg auf 24 Prozent. Manchmal treffe ich Leute von damals, die sagen: „Gut, dass die Kommunisten weg sind, aber ich bin nie wieder zu Potte gekommen. Ich habe nie länger gearbeitet, habe mich immer von Maßnahme zu Maßnahme gehangelt.“ Deren Biographien sind mir als Arbeitsamtsdirektor zwischen den Händen verwelkt: Viele Ehen gingen kaputt, nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit. Oder durch die Pendelei.

          Und durch Unzufriedenheit.

          Das muss man wissen, wenn man den Ostdeutschen in seinem Wahlverhalten betrachtet oder sich fragt, warum er die Nationalhymne nicht aus vollem Halse mitsingt. Wir Ossis sind nicht bekloppt, wie in manchen Fernsehsendungen dargestellt, sondern wir tragen das Kreuz für den Zweiten Weltkrieg bis heute. Vierzig Jahre lassen sich nicht ungeschehen machen. Man kann keine Gerechtigkeit im Nachhinein schaffen. Damit habe ich jeden Tag zu tun, seit 21 Jahren. Erst als Arbeitsamtsdirektor, dann als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, schließlich als Wirtschaftsminister. Die Leistungsstarken konnten sich gut durchsetzen. Die Schwachen haben es noch schwerer gehabt als unter normalen Umständen.

          Was kann man daraus lernen?

          Die Geschichte müssen wir selbst schreiben, das kann kein Historiker aus Bielefeld. Und Wulf Gallert von der Linkspartei redet von „unseren Ostbiographien“. Ich bin aber auch eine. Und es waren nur zwei Millionen in der SED, die anderen 15 Millionen nicht. Wer reklamiert für sich die Interpretationshoheit? Wenn ich Ministerpräsident werden sollte, dann werde ich das anders einfangen. Weil ich das aus meinem Umfeld in der gesamten Breite kenne, bis hin zu einem Stasi-Mitarbeiter, den wir in der entfernten Verwandtschaft hatten. Egal, was wir rückwirkend aufarbeiten müssen, nach vorne müssen wir integrieren.

          Als Wirtschaftsminister haben Sie jeden noch so kleinen Betrieb besucht. Was bleibt da hängen?

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