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150 Jahre Sozialdemokratie : Mehr SPD wagen

Um 1900 entstand diese Aufnahme von führenden Mitgliedern der SPD, die am 23. Mai 1863 unter dem Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein (ADAV) in Leipzig gegründet worden war. Bild: dpa

Die SPD wird 150 Jahre alt. Und auch zu diesem Anlass schwingt einmal mehr die Frage mit, die seit Jahren gestellt wird: Wozu noch SPD? Die Sorge hat ihren Grund.

          Schon häufig hieß es, die SPD sei am Ende ihrer Geschichte angelangt. Auch jetzt, aus Anlass ihres Festakts zur Gründung des „Arbeitervereins“ in Leipzig vor 150 Jahren, schwingt die Frage mit, die seit Jahren gestellt wird: Wozu noch SPD?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die Sorge hat ihren Grund in den Niederlagen des vergangenen Jahrzehnts, im angeblichen Verrat an sozialdemokratischen Idealen durch die Agenda 2010 und in der anschließenden Quittung dafür beim Wähler, im historischen Tief der Bundestagswahl von 2009. Ähnlich wie im Fall des politischen Liberalismus, der noch eine Partei hat, aber ansonsten wie Hefe in sämtlichen demokratischen Parteien weiterwirkt, wird der SPD wenigstens zugutegehalten, dass ihr Gedankengut und Streben zur „Sozialdemokratisierung“ wenigstens ihres Widerparts unter den Volksparteien, der CDU/CSU, geführt hätten. Der Rest, bis auf die FDP, sind ohnehin Ableger. Was also steht am Ende ihrer Geschichte: historische Niederlage oder historischer Sieg?

          Die Gründung blieb ein täglicher Akt

          Es geht wohl nicht ohne solche Alles-oder-nichts-Fragen, wenn die SPD einmal feiert. Unter diesem Stern stand schon ihre Gründung, die sich ebendeshalb als nicht enden wollende Geschichte hinzog, bis 1890 dann schließlich der Name feststand. Doch die Gründung blieb für diese SPD ein täglicher Akt. Die Befreiung der Besitzlosen, die Anerkennung ihrer Arbeit, die Überwindung der Schranken der bürgerlichen Gesellschaft - all das lief auf ein letztes Zeitalter der Erlösung, Gleichheit und Freiheit hinaus, das in sakrales Licht getaucht war. Die Frage war nur, ob sich der Kapitalismus selbst erledigen wird oder ob etwas dafür getan werden muss, und wenn ja, was. Eng damit verbunden war eine nicht ganz unwichtige Detailfrage, nämlich wer denn Wegbereiter und Träger des goldenen Zeitalters werden würde - das Individuum, die Gesellschaft, der (National-)Staat, die Partei oder die Brüder und Schwestern der Internationale?

          Unter der Last solcher nahezu religiösen Ansprüche ist der Weg in die Wirklichkeit zwangsläufig mit Enttäuschungen und Widersprüchen gepflastert. Sie begannen für die SPD schon damit, dass diejenigen, die sie befreien wollte, die Arbeiter und Angestellten, sich im Laufe der Zeit gerne auch von anderen befreien ließen. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass die Heilsbringer der Partei, die Funktionäre, in seltenen Fällen selbst Arbeiter waren. Die meisten waren Kleinbürger, Studenten, Intellektuelle und andere Protagonisten des sozialen Aufstiegs. Der sozialdemokratische Idealtypus aber blieb der Facharbeiter, der es zu etwas bringen sollte, ohne gleich bürgerlich zu werden. Doch dieser Facharbeiter fand seine politische Heimat, je mehr er es zu etwas gebracht und je mehr er etwas zu verlieren hatte, nicht links, sondern immer häufiger auf der rechten Seite, mitunter gar am rechten Rand. Je stärker sich die Industriegesellschaft in eine bürgerliche Dienstleistungsgesellschaft verwandelte und je mehr aus dem Staat ein Sozialstaat wurde, desto größer wurde das Problem. Denn dieser Staat, der eine im Vergleich zur Gründerzeit der SPD geradezu utopisch nivellierte Gesellschaft geformt hatte und in einer „neuen Mitte“ ruhte, weckte die Sehnsucht nach Befreiung und „Deregulierung“ auf ganz neue Weise.

          Dorthin, „wo es anstrengend ist“

          Die SPD, die den „kleinen Mann“ im Unterschied zu CDU und CSU stets für zu schwach und den Staat seit 150 Jahren für das einzig zuverlässige Mittel gehalten hat, um eine gerechte Ordnung zu schaffen, suchte allzu oft einen Ausweg aus diesen Widersprüchen, indem sie sich der Realität einfach verweigerte - das haben die deutschen mit den Sozialdemokraten in anderen Ländern gemein. So war es nach dem Zweiten Weltkrieg in der Opposition gegen Konrad Adenauer. So war es am Ende des „sozialdemokratischen Jahrzehnts“ unter Helmut Schmidt. So war es zum Zeitpunkt der deutschen Einheit mit Oskar Lafontaine. Und so war es am Ende der kurzen, aber heftigen Ära Gerhard Schröders. Die grünen und roten Federn, die sie dabei lassen musste, schafften der SPD zwar neue Koalitionsoptionen. Doch mehr als die Hälfte ihrer stolzen Zahl von mehr als einer Million Parteimitglieder, die sie in der Ära der Friedens- und Ostpolitik Willy Brandts gesammelt hatte, ging verloren.

          So sicher die Realitätsverweigerung, so sicher war der SPD der sich anschließende Revisionismus. Das war immer wieder Anlass für Resignation und Depression, aber auch für Aufbruch und Begeisterung. In der jüngsten Phase ihrer Geschichte löst sich die SPD noch immer von den Illusionen der siebziger und achtziger Jahre, den Verheißungen einer „postmaterialistischen“ Gesellschaft, die nur aus den angenehmen Seiten der Globalisierung zu bestehen schien. Dass die SPD einen Vorsitzenden hat, der seine Funktionäre dorthin schickt, „wo es anstrengend ist, wo es stinkt und brodelt“, fällt nicht umsonst in eine Zeit, in der globale Wirtschafts- und Finanzkrisen auf eine „Reindustrialisierung“ europäischer Volkswirtschaften und auf neue Formen inner- und zwischenstaatlicher Konkurrenz hinauslaufen. Diese Geschichte hat in Deutschland und Europa gerade erst begonnen. Wenn es jemals wieder Visionäre in der SPD geben sollte, denen der Weg alles, das Ziel aber nichts ist, könnte deshalb ihr Schlachtruf sein: Mehr SPD wagen!

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