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Informationspolitik Das Chaos im Vatikan

07.02.2009 ·  Papst Benedikt XVI. entscheidet viele Dinge alleine. Er ist ein brillanter Theologe. Doch als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation musste er sich nur um die Reinheit der Lehre kümmern. Einen Sinn für das Mögliche hat er dadurch nicht entwickelt.

Von Daniel Deckers, Frankfurt
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Es ist Mittwoch, der 28. Januar, als zu früher Stunde in der Apostolischen Nuntiatur in Berlin ein Anruf eingeht: Ob der Botschafter des Heiligen Stuhls in Deutschland zu einem Gespräch über die Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalisten-Bischöfe zur Verfügung stehe? Der Botschaftsmitarbeiter überlegt nicht lange: „Wenden Sie sich nach Rom. Wir haben keine Informationen, die über das bereits Bekannte hinausgehen.“ Nachfrage: „Es geht nicht um Bischof Williamson, sondern um die Folgen der Entscheidung des Papstes für die katholische Kirche in Deutschland wie für die nicht wenigen Einrichtungen der Pius-Bruderschaft in Deutschland . . .“ Schweigen. Dann: „Wir haben keine . . .“ So ist es wohl.

So dürfte es aber nicht sein, jedenfalls nicht seit der Reform der vatikanischen Kurie durch Papst Paul VI. im Jahr 1967: Damals machte der Papst aus dem Staatssekretariat eine Oberbehörde, die nach Art eines vereinigten Kanzler- und Auswärtigen Amts für die Koordination der Abläufe in der Kurie in Rom ebenso verantwortlich war wie für den Kontakt mit den päpstlichen Botschaften und den Regierungen in aller Welt.

Dauer-Rivalität von Glaubenskongregation und Staatssekretariat

Gerade im 20. Jahrhundert waren aus dem Staatssekretariat immer wieder mächtige Männer hervorgegangen: Pius XII. (1876–1958) war vor seiner Wahl zum Papst im Herbst 1939 mehr als zehn Jahre Kardinalstaatssekretär, Paul VI. (1897–1978) hatte die Jahre zwischen 1922 und 1954, von einem kurzen Aufenthalt in Warschau abgesehen, ununterbrochen im Staatssekretariat gedient, und Agostino Casaroli (1914–1998), der wegen seiner Ostpolitik nicht unumstrittene, insgesamt aber einflussreichste Vatikan-Diplomat der Nachkriegszeit, wurde 1979 unter Johannes Paul II. für elf Jahre Kardinalstaatssekretär.

Joseph Kardinal Ratzinger hatte sich mit dem Kardinalstaatssekretariat nie leichtgetan. Als Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre musste er das auch nicht, schließlich ist die Rivalität von Glaubenskongregation und Staatssekretariat, von Dogma und Diplomatie, nicht nur so alt, wie es beide Behörden gibt, sondern für die Kirche lebensnotwendig: Die einen wachen über die Reinheit der Lehre, die anderen sorgen dafür, dass der Sinn für das Mögliche nicht verlorengeht.

Ungleichgewicht der Kräfte

Also stritt Kardinal Ratzinger in der Auseinandersetzung über die Beteiligung der katholischen Kirche an der gesetzlichen Schwangerenberatung nicht nur gegen die Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz, sondern auch gegen Kardinalstaatssekretär Sodano, der wiederum seinen piemontesischen Landsmann und langjährigen Weggefährten Giovanni Lajolo zum Nuntius in Deutschland gemacht hatte.

Als aus Kardinal Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde, waren die Tage der Piemontesen gezählt. Doch anstatt das Gleichgewicht der Kräfte im Vatikan wiederherzustellen und einen Diplomaten an die Spitze des Staatssekretariats zu stellen, machte der Theologieprofessor Benedikt einen seiner langjährigen Mitarbeiter in der Glaubenskongregation zum mächtigsten Mann in der Kurie: den diplomatisch unerfahrenen Kirchenrechtler Tarcisio Bertone. Seitdem ist im Vatikan nicht mehr viel so, wie es einmal war.

Rat in den Wind geschlagen

Nicht nur Nuntien, auch Bischofskonferenzen und selbst die Pressestelle des Vatikans erfahren wichtige Vorgänge im Vatikan mitunter eher aus den Medien als aus dem Staatssekretariat, Abstimmungen zwischen den einzelnen Kurienbehörden sind die Ausnahme. Böser Wille ist dabei nicht am Werk. Der Salesianer-Kardinal liebt im Gegensatz zu Papst Benedikt das Reisen und ist nur selten in Rom.

Auch der Papst ist kein Mann der Verwaltung oder eines kollegialen Führungsstils, sondern ein Theologe, dem niemand im Vatikan das Wasser reichen kann oder mag. Die „Regensburger Rede“ mit dem brisanten Mohammed-Zitat machte Benedikt mit sich alleine aus, ebenso die „Karfreitagsfürbitte“: Mochten kluge Kurienkardinäle dem Papst nach der Wiederzulassung des „alten“ lateinischen Messritus raten, die mit den Aussagen des II. Vatikanischen Konzils unvereinbare „Karfreitagsfürbitte“ für die Juden aus dem Jahr 1962 durch die seit 1972 allgemeinverbindliche Fürbitte zu ersetzen, so schlug der Papst diesen Rat in den Wind und verfasste eine dritte Version. Diese wurde dann durch eine Nota des Staatsekretariats veröffentlicht – als ob diese Behörde jemals die Liturgie der Kirche hätte ändern dürfen.

Präsident der Kommission „Ecclesia Dei“ glaubhaft ahnunglos

Wie ernst es um die Kommunikation und die Regierungsführung im Vatikan steht, zeigte sich bei der Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft. Dass dem Präsidenten der Kommission „Ecclesia Dei“, die seit 1988 mit den Kontakten zu den Anhängern des 1991 verstorbenen Bischofs Marcel Lefebvre betraut ist, die im Internet dokumentierten antisemitischen Ausfälle des britischen Traditionalisten-Bischofs Williamson verborgen geblieben sein sollen, ist glaubhaft: Der kolumbianische Kurienkardinal Darío Castrillón Hoyos sah die Feinde der Kirche immer schon eher links als rechts stehen. Castrillón wird im Sommer mit der Vollendung des 80. Lebensjahres sein letztes Amt in der Kurie aufgeben müssen – was läge da näher, als die Laufbahn mit der von Papst Benedikt ersehnten Annäherung der Pius-Bruderschaft zu krönen?

Unüberhörbar war indes ein Wutanfall des Präfekten der Bischofs-Kongregation. Unter dem Eindruck des verheerenden Echos auf die Aufhebung der Exkommunikation Williamsons geriet Kardinal Giovanni Battista Re über die Ahnungslosigkeit der Kommission „Ecclesia Dei“ und ihres Präsidenten in Rage. Re und seine Mitarbeiter bearbeiten täglich Akten über Bischofskandidaten, die auf intensiven Nachforschungen über das Denken und Tun der Aspiranten auf ein Leitungsamt in der Kirche beruhen. Wäre es da unmöglich gewesen, ein Dossier über die vier katholischen Bischöfe in spe Fellay, Tissier de Mallerais, de Galarreta und Williamson zu erstellen?

Wöchentliche Unterredung ohne Unterrichtung

Als Präfekt der Bischofskongregation hat Re das seltene Privileg, den Papst im Wochenrhythmus zu einer Unterredung aufsuchen zu dürfen. Doch weder bei jenen Gelegenheiten noch aus dem Staatssekretariat und erst recht nicht aus der Kommission „Ecclesia Dei“ scheint dem Italiener bedeutet worden zu sein, er möge in diesem Sinne tätig werden. Also geschah nichts. Das Dekret über die Aufhebung der Exkommunikation unterzeichnete Re dennoch.

Dann gäbe es noch die Kongregation für die Glaubenslehre, die alte Inquisitionsbehörde. Ratzinger hat sie von 1982 bis 2005 geleitet, kennt alle ihre Mitglieder und hat viele Berater berufen. Dass sich nach der Wahl des Präfekten zum Papst in diesem Gefüge viel verändert haben könnte, ist ausgeschlossen. Die Überprüfung theologischer Veröffentlichungen aus aller Welt geschieht weiterhin eher mit kafkaesker Routine als durch heißblütige Recherche, selbst Dokumente zu aktuellen Fragen der Bioethik wollen Jahre reifen, ehe sie längst Bekanntes zusammenfassen.

Für Warnungen war es zu spät

Zu seinem Nachfolger an der Spitze dieses gewichtigen Amtes machte Benedikt im Sommer 2005 einen Kardinal aus Kalifornien. Sollte William Levada dereinst in die Vereinigten Staaten zurückkehren dürfen, würde nicht nur er seinem Leben in Rom und dem Arbeiten an der Kurie keine Träne nachweinen. Gut möglich also, dass der Papst-Präfekt die Causa „Pius-Bruderschaft“ nicht einmal mit Levada ausgemacht hat, sondern nur mit demjenigen in Rom, der die politische Theologie der Traditionalisten am längsten und besten kennt: sich selbst.

So wurden nicht nur Nuntien, Kurienkardinäle und Vorsitzende von Bischofskonferenzen erst kurz vor deren Veröffentlichung von der Entscheidung des Papstes in Kenntnis gesetzt. Genauso erging es in Rom dem Sprecher des Papstes, dem italienischen Jesuiten Federico Lombardi. Für eine Warnung vor Bischof Williamson und seinen Ansichten über die Ermordung der europäischen Juden war es am Samstagmittag zu spät.

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Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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