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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Indien Schnittpunkt der Weltpolitik

 ·  Die Jahre, in denen Regierungschefs aus aller Welt die neue Großmacht Indien ausriefen, scheinen vorüber. Die Erwartungen an das bald bevölkerungsreichste Land sind groß, doch derzeit ist Indien noch ein Entwicklungsland - mit Potential.

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© dapd Die milliardenschweren Sozialprogramme haben ihre Ziele verfehlt und überwiegend korrupten Beamten genutzt.

Die Jahre, in denen Regierungschefs aus aller Welt die neue Großmacht Indien ausriefen, scheinen vorüber. Die Erwartungen an das bald bevölkerungsreichste Land der Erde haben sich gelegt. Mit Enttäuschung wird registriert, dass das formal demokratische Indien im Wettrennen mit dem autoritären China an Boden verliert. „Indien ist keine Supermacht und wird es auch in absehbarer Zeit nicht werden“ lautet das Resümee einer Studie, die jüngst von der „London School of Economics“ herausgegeben wurde.

Indien hat auf vielen Feldern mehr erreicht, als noch in den neunziger Jahren denkbar erschien. Es ist - nach Kaufkraftparität - zur zweitstärksten und real zur drittstärksten Volkswirtschaft Asiens aufgerückt. Es hat einen festen Platz in der G 20 und spricht bei globalen Fragen ein gewichtiges Wort mit. Militärisch zeigt es sogar mehr Muskeln, als manchen lieb ist: Inzwischen gehört der Atomwaffenstaat zu den drei größten Rüstungsimporteuren und den zehn größten Militärmächten. Zudem hat es - mehr noch als China - eigene „softpower“ entwickelt. Menschen in anderen Teilen der Welt fällt zu Indien mehr ein als zu den anderen Ländern der Region: von Bollywood über die großen indischen Romane bis hin zu Punjabi-Musik und Chicken Tandoori.

Eine Weltmacht wird daraus aber noch nicht. Wer seinen Fuß auf indischen Boden setzt, betritt noch immer ein Entwicklungsland. Der kräftige Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre hat sich in der Gesellschaft nicht sichtbar umgesetzt. Es mangelt nicht nur an Vorzeigeprojekten, die international Maßstäbe setzen könnten, sondern an elementarer Infrastruktur, an Energie und an Wasser, von intakter Umwelt zu schweigen. Der jüngste Zensus gab preis, dass nur jeder zweite Haushalt über eine Toilette verfügt und lediglich drei Prozent der Bevölkerung einen Internetanschluss haben. In den Städten sieht es etwas besser aus, aber von moderner Urbanität sind auch sie weit entfernt. Delhis Stolz, der „Khan-Markt“, ringt Besuchern aus dem pazifischen Asien mitleidiges Lächeln ab.

Das fahle Gesicht des Landes verweist auf einen ungesunden Körper. Die milliardenschweren Sozialprogramme haben ihre Ziele verfehlt und überwiegend korrupten Beamten genutzt. Gemessen am Wirtschaftswachstum - und vor allem im Vergleich zu China -, entkommen zu wenige Inder der Armut. Die sozialen Spannungen nehmen zu und finden ihren dramatischsten Ausdruck in der Rebellion der Maoisten, die mittlerweile ein Drittel des Landes beschäftigt und von Premierminister Singh seit Jahren als Hauptgefahr für die innere Sicherheit bezeichnet wird.

Indiens ethnische und religiöse Vielfalt ist nicht nur ein Quell von Kreativität geworden, sondern auch eine Belastung für den Zusammenhalt des Staates. Partikularinteressen, Ansprüche einzelner Bundesstaaten, selbst einzelner Kasten haben das nationale Gemeinwohl in den Hintergrund gedrängt. Die jüngsten Wahlen im größten Bundesstaat Uttar Pradesh gaben womöglich einen Vorgeschmack auf das Wahljahr 2014. Hält der Trend an, könnte die Nation in zwei Jahren von einer Koalition aus Regionalparteien geführt werden.

Trauriger Weltrekord: Indien hat die schlechteste Luft

Der regierenden Kongresspartei, schon heute eingemauert von Regionalinteressen, fehlt die Kraft zum kühnen Gedanken. Auch der Parteinachwuchs, die Kinder der Nehru-Gandhi-Dynastie eingeschlossen, wirkt ratlos. In ihrem Ringen, die komplizierten Machtverhältnisse auszutarieren und alle Beteiligten auf ihre Kosten kommen zu lassen, hat die Kongresspartei ihre Reformbereitschaft verloren. Die überfällige, lange angekündigte Antikorruptionsbehörde (“Jan Lokpal“) existiert noch immer nicht.

Nicht nur die Lust der Auslandsinvestoren lässt langsam nach. Auch die Stimmung der Inder verschlechtert sich. Das Wachstum rutschte von neun auf unter sieben Prozent, was für ein demographisch explodierendes Land kaum ausreicht, um die nachdrängenden Generationen in den Arbeitsprozess einzugliedern. In der Massenbewegung, die sich um den pseudo-gandhiesken Populisten Anna Hazare geschart hat, zeigt sich ein Unbehagen mit dem Gesamtzustand des Gemeinwesens. Angeklagt werden Verantwortungslosigkeit, Raffgier und kriminelle Praktiken der politischen Klasse, wobei die Klügeren unter den Demonstranten wissen, dass die verhassten Eliten nur ihr Spiegelbild sind. Wie tief der Abgrund klafft, lässt sich in Katherine Boos grandioser Slum-Erzählung „Behind the Beautiful Forevers“ nachlesen, die derzeit in Indien verschlungen wird. Das weltoffene und wettbewerbsfähige Indien gedeiht bislang nur in den Nischen einiger IT-Schmieden und ausgewählter urbaner Subsysteme der Mittelschicht.

In die Bedeutungslosigkeit wird Indien deswegen jedoch nicht mehr zurückkehren. Seine geographische Lage an der Schnittstelle der weltpolitischen Brennpunkte - der islamischen Welt im Westen und China im Nordosten - sichert dem Land eine Sonderstellung in diesem Jahrhundert zu. Untermauert wird sie von Indiens Größe, seiner Bevölkerungsstärke, seinem historischen Anspruch und seinem Potential. Aber bevor Indien seine natürliche Rolle als globale Macht übernehmen kann, wird es sich stärker auf sich selbst besinnen müssen, auf seine gewaltigen inneren Verwerfungen.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

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