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Immigranten Von der Dritten in die Erste Welt

01.05.2006 ·  Bis zu 5.000 Mexikaner versuchen täglich, in das gelobte Land Amerika zu gelangen. Von der militärischen Absicherung der Grenze lassen sie sich nicht abhalten, ihre Möglichkeiten in der Heimat sind zu gering und die in den Vereinigten Staaten zu groß.

Von Matthias Rüb, Tucson/Nogales
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Pastor John M. Fife ist ein Veteran im Grenzkampf. Er trägt Bluejeans mit Ledergürtel und mächtiger Silberschnalle, dazu unverwüstliche Lederstiefel und ein beigeferbenes Oberhemd. „Serving All People of God“ steht auf dem Holzschild vor der „Southside Presbyterian Church“ an der 23. Straße in Tucson im Südosten des Wüstenstaates Arizona.

Neben der Aufschrift sind drei Saguaro-Kakteen, das Wahrzeichen Arizonas, zu sehen. Den Dienst an „allen Menschen Gottes“ in Form eines kräftigen Frühstücks, der Möglichkeit, sich zu duschen und die Haare schneiden zu lassen, nehmen jeden Montag und Freitag zwischen 60 und 120 meist jüngere Männer, dazu eine Handvoll Frauen in Anspruch.

Zwar ist dieses Hilfsprojekt der Presbyterianer-Kirche von Pastor Fife mit dem Titel „Shower Program for the Homeless“ vor allem für die Obdachlosen in Tucson gedacht, einer aufstrebenden Universitäts-, Handels- und Militärindustriestadt samt Luftwaffenstützpunkt von gut einer halben Million Einwohner. Doch die meisten der jungen Männer tragen den Staub der Sonora-Stein-und-Geröll-Wüste auf ihren Kleidern und nicht den Straßenstaub der Großstadt Tucson. Man hört an diesem Morgen kein Wort Englisch in dem lichten Innenhof der Kirche.

Alle 20 Sekunden ein Einwanderer

Tucson ist etwa hundert Kilometer von der Grenzstadt Nogales entfernt, die nördlich wie südlich der amerikanisch-mexikanischen Grenze den gleichen Namen trägt. Und doch trennen Welten Nogales im amerikanischen Bundesstaat Arizona und Nogales im mexikanischen Bundesstaat Sonora. Überhaupt gibt es nirgendwo sonst auf dem Globus eine Landesgrenze, an welcher Erste und Dritte Welt aneinanderstoßen - und das gleich auf einer Länge von mehr als 3.100 Kilometern, von Tijuana an der Grenze zu Südwestkalifornien bis nach Matamoros am äußersten Südostzipfel von Texas.

Wie viele Menschen Tag um Tag, Nacht um Nacht illegal über diese Grenze von Süden nach Norden kommen, wie viele dabei hier in der Sonora-Wüste oder anderswo ihr Leben verlieren, weiß niemand. Pastor Fife schätzt, daß jeden Tag etwa 5.000 Menschen illegal von Mexiko in die Vereinigten Staaten kommen, die meisten sind Mexikaner, der Rest überwiegend Latinos aus anderen Staaten Mittel- und Südamerikas.

Das sind, aufs Jahr gerechnet, gut 1,8 Millionen illegale Einwanderer - alle 15 bis 20 Sekunden einer. „Konservativere“ Schätzungen beziffern die Zahl der geglückten illegalen Einreisen in die Vereinigten Staaten auf 1,4 Millionen jährlich. Ganz genau weiß auch niemand, wieviel illegale Immigranten insgesamt in den Vereinigten Staaten leben; es heißt gemeinhin, es seien elf bis zwölf Millionen, manche glauben, es seien anderthalbmal so viele.

Die Schmuggel-Tarife sind explodiert

Für Pastor Fife ist die Lage dennoch übersichtlich. Das, was er „die Militarisierung der Grenze“ nennt, die Errichtung von Zäunen und Sperranlagen, habe die Zahl der illegalen Immigranten noch nie in der Geschichte signifikant reduziert. Niemand verlasse sein Heimatland freiwillig, und seit man Mitte der neunziger Jahre auf amerikanischer Seite begonnen habe, in Grenzstädten wie San Diego in Kalifornien oder Nogales in Arizona sowie in deren unmittelbarer Umgebung Zäune und Mauern zu bauen, seien die Verzweifelten auf der Suche nach einem besseren Leben im gelobten Land Amerika in die Wüste ausgewichen, wo die Grenze kaum irgendwo auch nur markiert, geschweige denn gesichert ist.

Gewiß, die Grenzschützer würden heute vielleicht jeden zweiten Illegalen beim Versuch des Grenzübertritts festnehmen - und nicht jeden zehnten wie noch in den achtziger Jahren. Dennoch sei die Zahl der illegalen Immigranten weiter gestiegen, sagt Pastor Fife. Nach Angaben der amerikanischen Behörden wurden 2005 mehr als 1,1 Millionen Menschen beim illegalen Überschreiten der mexikanisch-amerikanischen Grenze gefaßt - und selbst die offiziellen Statistiken gehen davon aus, daß auf jeden Aufgegriffenen mindestens ein anderer kommt, der ungesehen über die Grenze schlüpft.

Pastor Fife spricht von einer „tragisch gescheiterten Politik“. Nicht nur seien die Tarife für die skrupellosen Menschenschmuggler explodiert - von einst 250 Dollar pro versuchten Grenzübertritt auf jetzt bis zu 2.000 Dollar, zu zahlen im voraus und natürlich ohne Erfolgs- oder auch nur Überlebensgarantie. Auch die Zahl der Verdursteten in der Wüste nehme stetig zu: allein in Arizona von 173 im Jahre 2002 auf 279 drei Jahre später.

Wasserstationen in der Wüste

Die Schmuggelbanden setzten ihre „Kunden“ oft genug mitten in der Wüste ab und überließen sie ohne ausreichend Wasser und mit groben Richtungsangaben ihrem Schicksal. „Die Dunkelziffer der Toten ist hoch“, sagt Fife, „denn die Wüste schafft rasch Ordnung: Geier und Kojoten beseitigen die Leichen, das Weidevieh zernagt und frißt die Knochen.“

Deshalb haben 30Kirchen und konfessionelle Stiftungen im Sommer 2000 die Organisation „Menschliche Grenzen“ gegründet, die seither 73 Wasserstationen an jenen Stellen in der Sonora-Wüste eingerichtet hat, an welchen immer wieder Verdurstete registriert worden waren. Tausende Freiwillige füllen die Behälter regelmäßig mit leicht chloriertem Trinkwasser auf, warten die Anlagen und schaffen auch den Müll weg, der sich an den Wasserstationen sammelt.

Man versteht rasch, wenn man auf der Autobahn „I 19“ in Richtung Süden nach Nogales fährt, warum es so gefährlich ist, sich von der Grenze zu Fuß auf den Weg nach Tucson, dem ersten Anlaufpunkt der meisten illegalen Immigranten, oder wenigstens zu einem Dorf in Grenznähe zu machen: Auf den etwa hundert Kilometern gibt es außer ein paar Kleinstädten und Ortschaften nichts als Geröll und Sträucher.

Terroristen, Waffen, Drogen und Flüchtlinge

Es gibt in Nogales zwei Grenzübergänge: ein ausladendes Abfertigungs- und Zollgelände für die bis zu 1.300 Lastwagen pro Tag vor den Toren der Stadt; und einen zweiten, recht beengten mitten in Nogales für Autos und Fußgänger, der rund um die Uhr geöffnet ist. Dort werden jeden Tag durchschnittlich etwa 14.000 Autos auf elf Fahrspuren und dazu mehr als 30.000 Fußgänger abgefertigt. An beiden Übergängen von Nogales zusammen kommen jeden Monat gut 1,4 Millionen Menschen legal über die Grenze - als Lastwagenfahrer, zum Einkaufen, zum Arbeiten im grenznahen Pendelverkehr.

Beiderseits der Dennis-DeConcini-Grenzabfertigungsstelle im Herzen von Nogales erhebt sich eine gut vier Meter hohe Mauer aus Metallplatten. Andy Adame ist Offizier der Zoll- und Grenzschutztruppen, und er sagt, was fast alle Grenz- und Zollbeamten an der mexikanischen Grenze sagen:

Trotz der hitzigen Debatte über die Einwanderungspolitik und die illegale Immigration sei heute die Sicherung der Grenze gegen das Einsickern von Terroristen und gegen den Schmuggel von Massenvernichtungswaffen die Hauptaufgabe der Grenzschützer. Man vernachlässige aber auch die klassischen Aufgaben nicht - den Kampf gegen Menschen- und Drogenschmuggel, sagt Adame und führt durch die Arrestzellen der Grenzstation Mariposa westlich von Nogales. Etwa zwei Dutzend meist junge Männer und ein paar Frauen werden soeben „abgefertigt“.

Ordnungswidrigkeit statt Straftat

Zuerst kommen die im Laufe des Tages im Einsatzbereich Nogales aufgegriffenen Grenzverletzer in die Eingangszelle. Von dort aus werden sie einzeln zu einem Pult geführt, wo ihre Fingerabdrücke elektronisch abgenommen und danach mit den in einer zentralen Datenbank gespeicherten Abdrücken von 43 Millionen Personen abgeglichen werden, die entweder straffällig geworden sind oder schon zuvor als Grenzverletzer registriert wurden.

Nach gegenwärtiger Rechtslage ist der illegale Grenzübertritt eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat und bleibt mithin für die Aufgegriffenen, die hier zu 90 Prozent Mexikaner sind, folgenlos - sieht man von der Abschiebung mit Bussen nach Nogales auf der mexikanischen Seite der Grenze ab. Roberto, dem gerade die Fingerabdrücke abgenommen werden und der nur seinen Vornamen nennen will, gibt zu, immer wieder zum Arbeiten über die Grenze zu schlüpfen: Er habe Frau und zwei Kinder im Alter von sechs und neun Jahren zu versorgen, sagt er, in seiner Heimatstadt in Mexiko - auch deren Namen will er nicht nennen - gebe es nicht genug Jobs.

Er trägt eine Baseballmütze mit der Aufschrift „Arizona“, dazu Jeans, T-Shirt und Turnschuhe. Diesmal wird sein Aufenthalt in den Vereinigten Staaten nur ein paar Stunden dauern. Die nächste Station für Roberto ist die Abschiebezelle, wo diejenigen auf den Abtransport warten, die schon erkennungsdienstlich behandelt worden sind. In den Arrest- und Diensträumen herrscht die geschäftige und zugleich ruhige Atmosphäre eine Kontors. Fast alle Grenz- und Zollbeamten sprechen Spanisch, wenigstens das Nötigste.

Eine Reisetasche voller Haschisch

Grenzschutzoffizier Rob Riffin, den wir auf seiner Nachtschicht begleiten, spricht sogar fließend Spanisch. Es geht in Richtung Osten „ins Feld“, in allradgetriebenen Jeeps auf unbefestigten Wegen entlang der Grenze, in stetigem Funkkontakt mit den anderen Streifen und der Einsatzzentrale. Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt gibt es keine Mauer aus Stahlplatten mehr, die seit 1999 vom Ingenieurkorps des Heeres zum Schutzwall gegen den Menschenstrom zusammengeschweißt wurden, sondern nur noch einen vielleicht hüfthohen, an Holzpfosten festgenagelten Stacheldraht, der zudem an mehreren Stellen bis auf Kniehöhe heruntergedrückt wurde:

Hier kommt man buchstäblich mit einem Hüpfer über die Grenze. Es dauert nicht lange, bis Riffin an einer bekannten Schmuggelstelle in einer Talsenke eine verdächtige Bewegung zu erkennen glaubt. Als der Grenzschützer zu der Talsenke gelangt, wird die im Strauchwerk verborgene Reisetasche voller Haschisch rasch ausfindig gemacht und ordnungsgemäß beschlagnahmt.

Es soll nicht die einzige „Ausbeute“ der vielleicht vierstündigen Patrouillenfahrt bleiben. Auf dem Rückweg zur Einsatzzentrale am DeConcini-Grenzübergang macht Riffin an einem tiefen, betonierten Abwassergraben halt, der parallel zum hier wieder aus Stahlplatten bestehenden Grenzzaun verläuft. Die Kanalisationssysteme der beiden Städte sind miteinander verbunden, und wenn es längere Zeit nicht geregnet hat, ist auch dieser „Übergang“ beliebt. Mit dem Instinkt des erfahrenen Grenzwächters leuchtet Riffin mit seiner Taschenlampe in den mehr als mannshohen Abwassertunnel unter einer Brücke - und macht tatsächlich im Dunkel einige Gestalten aus.

Respekt und Höflichkeit

Riffins energischen Rufen folgend, schälen sich nach und nach sechs junge Männer, drei Mädchen und eine hochschwangere Frau aus dem Schwarz der Kloake. Es fällt kein lautes Wort, der Vertreter des amerikanischen Staates behandelt die mexikanischen Grenzverletzer, deren Lage beklemmend genug ist, mit Respekt und Höflichkeit. Riffin bietet ihnen Wasser an, warnt sie vor Infektionen durch die Kloake und fragt die Schwangere, ob sie in ein Krankenhaus gebracht werden möchte.

Die Frau lehnt ab - und wird darauf mit den Mädchen der sogenannten Voluntary Return zugeführt, der sofortigen „freiwilligen Rückkehr“ ohne erkennungsdienstliche Behandlung. Bald kommt ein weißer Kleinbus und bringt sie zum nahen Grenzübergang. Die jungen Männer werden in die Grenzstation Mariposa zur üblichen Behandlung gebracht und dürfen dort die Nacht verbringen.

Für Grenzwächter Riffin geht eine Schicht ohne besondere Vorkommnisse zu Ende. Als Sisyphos sieht er sich nicht. „Möglicherweise probieren sie es nach dem vierten gescheiterten Versuch nicht noch einmal“, sagt er. „Irgendwann wirkt es vielleicht doch abschreckend, wenn wir die Grenze immer besser absichern.“ Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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