30.10.2006 · Auf der Frankfurter Buchmesse wurde nach mehrjähriger Vorarbeit eine Bibelübersetzung in „gerechter Sprache“ präsentiert. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hatte das Werk großzügig gefördert. Heike Schmoll kommentiert.
Von Heike SchmollZu den wesentlichen Errungenschaften der Reformation gehört, Kinder das Lesen und Schreiben in den Lateinschulen gelehrt zu haben. Denn das Lesen war der einzige Weg, den Gläubigen aus der Vormundschaft der Kirche zu befreien. Die Bibel sollte jeder selbst lesen können. Er sollte sie in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit verstehen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden, und nicht mehr von kirchlichen Deutungen abhängig sein.
Die Voraussetzung dazu war, daß auch die Wissenschaft aus der Vormundschaft kirchlicher Autoritäten entlassen und unabhängiger wurde. Deshalb war Luthers reformatorischer Protest im akademischen Milieu entstanden und zunächst ein universitätsgeschichtliches Ereignis. Erst im Schutzraum einer tendenziell freien Wissenschaft konnten sich Anfänge einer hermeneutisch-kritischen Methode entwickeln, der die Aufklärung zum Durchbruch verhalf. Dazu gehört, die Widersprüche in der Bibel offenzulegen, sie zu benennen und sie aus ihrer Entstehungsgeschichte zu verstehen.
Die Berichte über die grundlegenden Ereignisse im Alten und im Neuen Testament stammen nicht unmittelbar von Augenzeugen. Keines der Evangelien darf mit historischer Wahrheit verwechselt werden; es sind literarische Textkompositionen. Nur so läßt sich die reformatorische Einsicht verstehen, die Bibel interpretiere und kritisiere sich selbst. Das heißt nicht, daß jeder Text unmittelbar verständlich wäre, aber daß er in einem Zusammenhang mit anderen Texten steht, die möglicherweise erst seine Bedeutung erschließen oder ihn in ein anderes, häufig kritisches Licht rücken.
Luthers Sprachschöpfungen
Um die Bibel unter das Volk zu bringen, hat Luther sie auf der Wartburg übersetzt. Dabei hatte er die lateinische Bibel (Vulgata) vor sich liegen, daneben das griechische Neue Testament des Erasmus, der auch eine weitere lateinische Übersetzung bot. Auf einsprachige Wörterbücher konnte er nicht zurückgreifen, vielmehr mußte er laufend sprachschöpferisch tätig werden. „Feuereifer“, „Denkzettel“, „Herzenslust“ oder „Morgenland“ gehören zu Luthers Sprachschöpfungen. Im Unterschied zu früheren Übersetzungen versuchte Luther nicht, den lateinischen Stil nachzuahmen. Die in nur elf Wochen geschaffene Übersetzung des Neuen Testaments ist nicht die erste. Sie hat aber in nachschöpferischer Weise versucht, dem biblischen Original treu zu bleiben und doch dem Volk aufs Maul zu schauen. Das heißt nicht, daß sich die Übersetzung umgangssprachlich angebiedert hätte. Luther hörte den einfachen Leuten zu und übersetzte dann so, daß sie verstanden und sich verstanden fühlten.
Nicht selten kam es vor, daß er und die ganze Gruppe Wittenberger Gelehrter, die später mit ihm das Alte Testament übersetzten, drei oder vier Wochen um ein einziges treffendes Wort rangen. Sie suchten so lange, bis der Text sich fließend las. Weil die Bibel und ihre Auslegung, die Predigt zu den grundlegenden Quellen der Reformation gehören, bekräftigte Luther, „das Wesen des Wortes ist es, gehört zu werden“. Sprachrhythmus und Sprachmelodie klingen in seiner Bibel wider. Sie machen die Texte eingängig.
Dem Sinn dienen und folgen
„Nicht der Sinn den Worten, sondern die Worte dem Sinn dienen und folgen sollen“ - das war eine von Luthers Maximen beim Übersetzen. Die vor kurzem erschienene „Bibel in gerechter Sprache“ verkehrt dieses Prinzip ins absurde Gegenteil. Sie läßt die Texte gar nicht erst zu Wort kommen. Dabei werden auch Unterschiede zwischen Judentum und Christentum nivelliert, selbst philologische Fehlentscheidungen in Kauf genommen. Die Bibel in gerechter Sprache scheint grundsätzlich nicht mit kritischen und mündigen Lesern zu rechnen und sie zu einem selbständigen Urteil befähigen zu wollen. Das läuft Luthers Anliegen diametral entgegen. Vieles klingt wie eine Verbesserung deutscher Übersetzungen, nicht wie eine Übersetzung aus dem Hebräischen oder Griechischen. Damit wird genau der Text, der aus der Bevormundung befreien soll, selbst zum Mittel der Entmündigung. Das ist das Anstößige, Skandalöse dieser Übersetzung.
Der Gesinnungskult feministischer Randgruppen und Gleichmacher läßt sich nicht allein damit erklären, daß Protestanten immer in der Gefahr stehen, einer weltlichen Autorität den religiösen Kredit zu geben, den sie dem Papst einst verweigert hatten. Das eigentlich Erschreckende ist nicht, daß viele Spendenfreudige diese Bibelübersetzung wollten, sondern daß einige Kirchenleitungen in Deutschland (allen voran die hessische), aber auch in Österreich und der Schweiz und nicht wenige Vertreter der akademischen Theologie ein solches Vorhaben unterstützen. Denn die Bibel in gerechter Sprache wird vermutlich schneller wieder verschwinden als die verbreitete Unklarheit ihrer Unterstützer über elementare Einsichten der Bibelauslegung und Hermeneutik. Sie zeigt sich hier in aller Deutlichkeit.
Gerechter Trivialjargon
Ist es wirklich so schwer, einzusehen, daß der kulturelle und historische Hintergrund der Bibel fremd ist und ihre Sprachen heute nur noch in veränderter Form gesprochen werden? Fehlt es an philologischem Handwerkszeug und elementarer Übersetzungstechnik? Bibellesen bleibt anspruchsvoll und Bibelauslegen auch. Es ist mit harter Arbeit verbunden. Wie bei antiken Texten sollte das Fremde zwar möglichst verstehbar sein, aber doch als Fremdes erkennbar bleiben und nicht dem vermeintlich Eigenen assimiliert werden.
Vor allem aber hat die Auslegung immer eine dienende Funktion. Sie muß das Ziel haben, sich überflüssig zu machen, dann stehen „die gemeiniglich größeren Worte des biblischen Textes unter den kleineren Buchstaben des Kommentars da, wie Paläste unter Hütten, wie Riesen unter den Zwergen“ (Herder). Wenn sich alle Theologen dieser Aufgabe verpflichtet sähen, brauchte niemand eine Bibel in gerechtem Trivialjargon.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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