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Veröffentlicht: 06.09.2014, 15:12 Uhr

Sexismus im Internet Geh doch zu Hause du alte Sch...


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Politikerin betreibt Dokumentation des Hasses

Jetzt ist die Bundestagsabgeordnete sechzig Jahre alt, sie sieht zwar immer noch sehr gut aus, ist aber nicht mehr Zielscheibe für sexistische Anfeindungen. Sie sagt: „Heute richten sich die Briefe und Mails weniger gegen mich als Frau in der Politik. Aber aggressiv sind sie manchmal immer noch. Gerade wenn jemand meine politischen Entscheidungen nicht gutheißt.“

Landtag Rheinland-Pfalz © dpa Vergrößern Auch Landespolitikerin Julia Klöckner kennt die Schattenseiten ihres Bekanntheitsgrades: „In meinem Land müssen Frauen ruhig sein.“

Halina Wawzyniak von der Linksfraktion im Bundestag lässt den Hass auf ihrer Seite stehen, „zu Dokumentationszwecken“. Auf ihrer Seite bei Twitter schrieb jemand: „Du dumme Fotze“, ein anderer: „Du hässliches Viech du“. Wawzyniak betreibt auch einen Blog, unter einem ihrer Beiträge steht: „Und euch beiden Hexen, Ihnen und Frau Wagenknecht, für Sie beide würde ich persönlich das Hölzlein an der Reibfläche entlangführen um den Scheiterhaufen zu entzünden auf dem Ihr beide Furien im reinigenden Feuer des Antikommunismus lebendig verbrennen sollt.“

Halina Wawzyniak sagt, dass viele Kolleginnen solche Internetkommentatoren sofort blockierten. Sie würde „ihre vier Fans“, die sich immer wieder melden, inzwischen kennen. Die Kommentare schaltet sie trotzdem frei, weil sie zeigen will, wie Politikerinnen öffentlich beleidigt werden.

Morddrohungen im Briefkasten – vor allem Politikerinnen werden belästigt

Oft filtert das Büro den Dreck aus dem Posteingang heraus, bevor die Abgeordneten ihn überhaupt sehen. Einige Frauen wenden jedoch Energie auf, um selbst zurückzuschlagen. Dorothee Bär stellt den Angreifer, indem sie den beleidigenden Tweet selbst noch einmal veröffentlicht, so dass der Sender unter Beschuss gerät.

Und sie antwortet auch. Sachlich, aber hart. „Da bin ich gnadenloser geworden.“ Morddrohungen bekam sie auch schon, eine davon lag unfrankiert im Briefkasten ihres Wohnhauses in Bayern. Sie sagt dazu: „Steigt die Bekanntheit als Politikerin, steigt auch die Zahl der Irren, die sich zu Wort melden.“

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Manche Schreiber stört es schon, dass es überhaupt Frauen in der Politik gibt. So schildert es die CDU-Politikerin Julia Klöckner. Als sie kürzlich vor antisemitischen Parolen in Deutschland warnte, kamen Kommentare von Männern mit vermutlich muslimischem oder arabischem Hintergrund: „In meinem Land müssen Frauen ruhig sein.“ Oder: „Bei uns wäre es nicht möglich, dass eine Frau eine solche Position hat.“

Hochschlafen und Schönheitsbonus – Reduktion auf das Äußerliche

Frauen tragen in der deutschen Politik immer noch keine High-heels – anders als in Frankreich oder Amerika. Denn wer zu gut aussieht, dem wird vorgeworfen, nur deshalb Karriere zu machen. Bei Katja Suding, Vorsitzende der Hamburger FDP-Bürgerschaftsfraktion, wurde spekuliert, ob sie das Direktmandat ihrem wehenden Haar auf dem Wahlplakat verdankt. Der Linken Nicole Gohlke wurde nachgesagt, sie hätte den guten Listenplatz nur, weil sie jemandes Günstling sei.

Und bei Katrin Albsteiger von der Unionsfraktion im Bundestag hieß es, sie sei gegen die Frauenquote, weil sie mit den Männern in der Partei ins Bett wolle. „Es trifft mich, wenn man mich im Internet als dummes Blondchen bezeichnet“, sagt sie. „Ansonsten gehen mir solche Kommentare nicht allzu nahe. Man muss auch mit offenen Haaren eine Bundestagsrede halten dürfen.“

Eine bekannte FDP-Politikerin bekam gleich mehrere E-Mails mit derselben Abwandlung eines Guido-Westerwelle-Spruchs: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Schlampe vögelt.“ Ihr Mitarbeiter konnte einen Absender identifizieren und rief dort an. Ein Mann meldete sich. Er behauptete, er wisse von keiner E-Mail. „Aber Sie haben doch gerade eben eine E-Mail an uns geschickt“, sagte der Mitarbeiter. „Das muss mein Sohn gewesen sein“, antwortete der Mann.

Die Frau bekam noch Schlimmeres zu lesen. „Man sollte Sie mit Ihren Schamlippen ans Stadttor tackern.“ Wenn sie unterwegs ist, schaut sie sich die Leute auf der Straße an und fragt sich, wer von denen ihr wohl solche Sachen schreibt.

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Quelle: wahlrecht.de
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