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Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: RWE-Chef Großmann „Laufzeitverlängerungen um 20 Jahre am besten“

05.09.2010 ·  Bundeskanzlerin Merkel will an diesem Sonntag mit den Fachministern die Laufzeiten für Kernkraftwerke festlegen. RWE-Chef Großmann hält 20 Jahre für angemessen - ein Gespräch über Sicherheit und die lange Leitung zum Ökostrom.

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Herr Großmann, wie viel Laufzeit-Verlängerung hätten Sie denn gerne für Ihre Atommeiler?

Das wird die Politik entscheiden, und die Wirtschaft wird mit dieser Entscheidung klarkommen.

Der Bund hat Szenarien mit verschiedenen AKW-Laufzeitverlängerungen durchrechnen lassen. Die Unterschiede sind nicht prägnant. Da könnte man die Kernkraft ja auch schnell abschalten.

Grundsätzlich begrüßen wir, dass die Bundesregierung ein ganzheitliches Energiekonzept beschließen will. Eine solche Rahmensetzung hat es zuletzt in den 80er Jahren gegeben.

Aber welchen Schluss ziehen Sie aus den Laufzeit-Szenarien?

Eine Laufzeitverlängerung um bis zu 20 Jahre, so EWI und Prognos, führt zu den volkswirtschaftlich günstigsten Ergebnissen. Sie bremst nicht den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die haben gesetzlich Vorrang. Zugleich dämpft die Laufzeitverlängerung die Preise für CO2-Zertifikate und Strom. Gerade für die deutsche Industrie sind diese Unterschiede existentiell.

Wo liegen die Probleme?

Damit die erneuerbaren Energien die Hälfte der Stromerzeugung übernehmen, ist ein völlig neues intelligentes Hochspannungsnetz erforderlich. Das ist, als wollte man alle Autobahnen in Deutschland 16-spurig machen.

Und das ist schwierig?

Ja, wenn die Prozesse nicht beschleunigt werden. Wer günstigen Strom aus erneuerbaren Energien will, muss auch Übertragungsleitungen von den Windparks im Norden nach Süden und Westen akzeptieren. Die Bevölkerung stellt sich quer.

Noch scheint der Strom ganz gut zu fließen.

Die Engpässe bei den Netzen drohen nicht nur, sie sind bereits Realität. Im Jahr 2005 wurde ein Neubaubedarf von 850 km Hochspannungsleitung festgestellt, der bis 2015 erfolgen muss. Seitdem haben wir in der Hälfte der Zeit erst zehn Prozent der erforderlichen Leitungen – 90 km – bauen können. Außerdem müssen wir schnell lernen, Strom zu speichern.

Warum ist die Speicherung von Strom so wichtig?

Damit Wind- und Sonnenenergie konventionelle Kraftwerke ersetzen können, muss der Strom gespeichert werden für die Zeiten, in denen kein Wind weht und keine Sonne scheint.

Das machen Pumpspeicherkraftwerke.

Derzeit die einzige großtechnische Lösung zur Speicherung mit hohem Wirkungsgrad. Man pumpt Wasser noch oben und lässt es bei Flaute, wenig Sonne und Stromüberschüssen nach unten über Turbinen laufen, die Strom erzeugen.

Das klingt doch gar nicht so schwierig.

Allerdings müssten wir in Deutschland – wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter voranschreitet – bildlich gesprochen einen See in der Größe des Bodensees 800 Meter nach oben legen, damit er beim Herunterfließen genug Strom erzeugt, um alle konventionellen Kraftwerke zu ersetzen. Mit anderen Worten: Ohne die verfügbare Regelenergie aus den vorhandenen Kohle- und Kernkraftwerken bräuchten wir 70 mal so viel Speicherkapazität wie heute vorhanden, um zehn Tage Windstille zu überbrücken. Also: Jetzt nicht den Ast absägen, auf dem die Erneuerbaren sitzen.

Die Bevölkerung ist gegen Kernkraft und Kohleverstromung. Warum beharren Sie so auf diesen Energiequellen?

Zum einen sieht RWE wie die anderen Versorger die Zukunft ebenfalls in den erneuerbaren Energien. Zweitens ist die Bevölkerung gar nicht so sehr gegen Kernkraft, weil sie preisgünstig ist.

Wie bitte?

Umfragen zeigen, dass es viele Menschen gibt, die für eine Laufzeitverlängerung sind, wenn die daraus fließenden Erlöse zielgerichtet in den Ausbau der Energie-Infrastruktur und die erneuerbaren Energien gesteckt werden.

Diese Gesellschaft hat die Kernkraft in Deutschland zum Auslaufmodell gemacht.

Das hat sie und das darf sie. Die Energiewirtschaft darf und muss darauf hinweisen, dass zurzeit unsere deutsche Industrie ohne konventionelle Kraftwerke noch nicht funktionieren kann.

Die Energiewirtschaft hatte 50 Jahre Zeit, die Frage der Atommülllagerung zu organisieren, hat es aber nicht geschafft. Da muss man sich über Widerstand nicht wundern.

Die Endlagerung scheint mir weniger ein technisches Problem zu sein, als ein politischer Streitfall. Die anstehende Genehmigung von Schacht Konrad ist schon mal ein wichtiger Schritt. Wir müssen das Problem gemeinsam lösen. Der gesamte radioaktive Abfall, ob er von Kernkraftwerken, Forschungsinstituten oder aus Krankenhäusern kommt, muss sicher eingelagert werden. Die Aufgabe stellt sich übrigens, ob wir nun die Laufzeit der Kernkraft verlängern oder nicht.

Wäre es nicht viel stressfreier, den Strom einfach zu importieren? Unsere Anzüge sind doch auch Importware und sehen prima aus.

Wirklich? Aber dann müsste Deutschland mit dem Energiemix leben, den das Ausland beschließt. Und dort wird keine Rücksicht genommen auf deutsche Kritiker und Demonstranten. Außerdem hat Deutschland ausgewiesene Energieexpertise, die wir global vermarkten können. Dieser Vorteil würde schnell schwinden. Und wie sähe es dann mit der Versorgungssicherheit aus?

Die Bundesregierung will zusätzliche Teile ihres Gewinns abschöpfen. Sind Sie mit der Brennelementesteuer einverstanden?

Wir haben immer gesagt, dass wir bereit sind, die Mehrerlöse der Laufzeitverlängerung mit der Politik zu teilen. Das sagt auch der Koalitionsvertrag. Der Weg wird politisch entschieden. Von jeher findet der Staat Mittel, seine fiskalischen Ziele durchzusetzen. Da fügt man sich halt. Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit, sagt Schiller.

Wäre es nicht die beste Lösung gewesen, die zusätzlichen Laufzeiten zu versteigern?

Das ist eine höchst kreative Idee, die angesichts der engmaschigen gesetzlichen Vorgaben beim Betrieb eines Kernkraftwerks unrealistisch ist. Sie können Kernkraftwerke mit einer eingeschworenen Mannschaft nicht einfach verleihen. Ein Reaktor ist kein Fahrrad.

Sieht RWE den Klimawandel überhaupt noch als Bedrohung?

Wieso?

Führende Leute Ihres Konzerns weisen darauf hin, dass die globale Temperatur in den letzten zehn Jahren gar nicht gestiegen ist, obwohl die Treibhausemissionen zunehmen.

Wir können nur auf Daten der internationalen Institutionen zurückgreifen. Hiernach zeigt sich tatsächlich kein Anstieg, mit Ausnahme des letzten Jahres. Aber der Klimawandel findet statt. Ich möchte ihn als Herausforderung bezeichnen. Das Wort Bedrohung lähmt Kräfte und spornt nicht an. Seit ich bei RWE an Bord bin, werden wir praktisch in allen Bereichen grüner, internationaler, robuster und stecken viel Geld in die Forschung.

Sie tun, was Sie können.

Nur nicht ironisch werden. Wir wissen, weder RWE allein noch Deutschland können den Klimawandel stoppen. Global steigen die Treibhausgas-Emissionen. Dass China, Indien oder die Vereinigten Staaten einer Begrenzung der CO2-Emissionen zustimmen, ist unwahrscheinlicher geworden. Wir brauchen also dringend – und das ist auch eine Schlussfolgerung der Energieszenarien – ein international abgestimmtes Vorgehen beim Klimaschutz unter Einschluss der Kernenergie.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Deutschland sollte seine Mittel und Intelligenz nicht nur darauf setzen, globalen Klimawandel zu stoppen. Wir sollten unseren Gehirnschmalz auch darauf verwenden, wie wir bei uns Klimafolgen managen, mildern und vielleicht sogar von ihnen profitieren können, zum Beispiel durch Entwicklungen zum Einsatz von CO2 als Rohstoff – ob aus Kohlekraftwerken oder industriellen Prozessen.

Sie wollen RWE umbauen und das Unternehmen in die europäische Rechtsform SE umwandeln. Ist das Ziel ein Abschied von Deutschland und von den deutschen Kommunen, die große Anteile an RWE halten?

Klares Nein. Ich freue mich über die kommunalen Aktionäre der RWE, die mit einer Sperrminorität am gesamten Konzern beteiligt sind. Das soll noch lange so bleiben. Der vom Vorstand geplante Umbau zielt nicht auf die Eigentümerstruktur, sondern wird interne Prozesse weiter straffen und Verwaltungskosten kürzen. RWE wird weiter wachsen, aber nicht in den Holdings und Zentralen, sondern durch bessere Produkte und Dienstleistungen nahe am Kunden. Kern unseres Wachstums ist unser Handelsbereich, der alle Unternehmensbereiche kommerziell optimiert. Schon aus diesem Grund können wir keine unterschiedlichen Eigentümerstrukturen zwischen Deutschland und dem übrigen europäischen Geschäft haben.

Der Energieriese

Es gibt ja auch gute Nachrichten in diesen Tagen für den großen (2,05 Meter) Jürgen Großmann, der für sein Gewicht zu klein ist. Die 1000 Tage Dürre, in denen der 58-Jährige keinen Tropfen Alkohol anzurühren seiner Frau versprochen hat, liegen hinter ihm. Der Eigentümer von Weingütern und einem Restaurant spricht den geistigen Getränken wieder zu. Vor dem Vorstandsvorsitzenden liegen dagegen Unannehmlichkeiten wie die Brennelementesteuer. Seit 2007 hat Großmann RWE einen radikalen Umbau verordnet, der noch nicht zu Ende ist: Am Ende soll ein schlankeres, schnelleres, grünes und internationaleres Unternehmen stehen.

Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Quelle: F.A.Z.
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