03.09.2010 · Polens Präsident Bronislaw Komorowski besucht an diesem Freitag Berlin, um Deutsche auszuzeichnen, die in den achtziger Jahren die Solidarnosc unterstützt haben. Mit der F.A.Z. sprach er über sein Deutschlandbild, den Versöhnungsprozess der beiden Nachbarländer und die europäische Integration Polens.
Herr Präsident, wenn Sie an diesem Freitag nach Deutschland kommen, werden Sie zusammen mit Bundespräsident Wulff auch das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin besuchen. Warum?
Für uns steht Sachsenhausen für eine böse Vergangenheit, für eine Zeit, in der dort viele Polen ermordet worden sind, darunter der Kommandant der Untergrundarmee AK, Stefan Grot-Rowecki. Der Besuch in Sachsenhausen ist eine Gelegenheit, unsere gemeinsame Sicht auf unsere schlimme Vergangenheit vorzuführen. Wir demonstrieren zugleich, dass wir diese Vergangenheit hinter uns lassen und uns auf die Zukunft konzentrieren.
Sie gehören der Generation an, die nach dem Krieg noch mit sehr bösen Erinnerungen an Deutschland aufgewachsen ist. Wie hat sich Ihr Bild von Deutschland seither entwickelt?
Es ist schwer, in Polen eine Familie zu finden, die nicht jemanden während der deutschen Besatzung verloren hat. Auch meine Familie hat eine ganze Reihe von Mitgliedern verloren. Dieses negative Bild begann allerdings in den sechziger Jahren zu bröckeln. Der Anfang war die mutige, damals von den Kommunisten unerhört scharf kritisierte Erklärung der polnischen Bischöfe über gegenseitige Vergebung, und die deutsche Antwort darauf.
Sie waren damals vierzehn. Erinnern Sie sich daran?
Selbstverständlich. In allen polnischen Häusern war der Eindruck groß, den diese Erklärung gemacht hat. Es war zugleich ein schwieriger Augenblick für den polnischen Katholizismus, denn viele standen damals vor einer schweren Wahl. Entweder sie schlossen sich der überzeugenden Wegweisung der polnischen Bischöfe an, oder sie folgten den Gefühlen der eigenen Familien, bei denen die Erinnerung an die Opfer noch frisch war. Das war ein Augenblick einer schweren, aber unerhört tiefen Wahl. Die Frauen und Männer, die diese Wahl trafen, haben dann in der antikommunistischen Opposition daran angeknüpft. Die Vertiefung des Versöhnungsprozesses zwischen Polen und Deutschland ist sicher einer der größten Erfolge meiner Generation, der Generation der Solidarnosc. Wir haben die Mehrheit der Polen davon überzeugen können, dass die Deutschen gute Nachbarn sind. Das erforderte Zeit und Mut, aber wir können die Versöhnung heute als einen offensichtlichen Erfolg betrachten.
Sie sind in Niederschlesien geboren. Ihre Familie war das, was wir in Deutschland „Vertriebene“ nennen - Menschen, die im sowjetisch besetzten polnischen Osten ihre Heimat verloren hatten und in die ehemaligen deutschen Ostgebiete gezogen waren. Hat Ihnen dieses Schicksal geholfen, die deutschen Empfindungen zu Vertreibung und Heimatverlust nachzuempfinden?
Das alles hilft mir, zu verstehen, was die Deutschen sagen. Unsere Familie musste alles zurücklassen: ihre Gräber, ihre Häuser, ihr Vermögen, ihre Empfindungen. Alles blieb in Litauen, und ich kam in Niederschlesien zur Welt, in einem Haus, dem anzusehen war, dass die Familie, die hier früher gewohnt hatte und die dann fort musste, eine deutsche Familie gewesen war. Das war mir immer bewusst. Es gab daneben aber auch die Erinnerung an Bronislaw Komorowski, meinen Onkel, der so hieß wie ich und im Alter von 16 Jahren auf deutschen Befehl erschossen worden war. Das alles führte zu einem Klima, in dem wir wussten, dass der Verlust der Heimat ein Unglück ist; zugleich wussten wir, dass diese Lage Folge dieses grausamen Krieges war.
Welche Rolle spielte die Erinnerung an diesen jungen Onkel für Sie?
Er starb für Polen. Er wurde im Untergrund mit der Waffe in der Hand gefasst und erschossen. Die Erinnerung an ihn ist in der Familie immer noch lebendig.
Seither ist vieles anders geworden, zum Beispiel die Bedeutung des Begriffs „polnische Wirtschaft“. Was bedeutet dieses Wort für Sie heute?
Wichtiger ist, was Sie als Deutsche darunter verstehen. Wir wünschen uns, dass Sie unterscheiden zwischen dem, was die „polnische Wirtschaft“ gewesen ist, die wir noch im Kommunismus hatten, und dem, was im unabhängigen, demokratischen Polen seither entstanden ist. Polen hat nach 1989 große Fortschritte gemacht. Das war keine Laune des Schicksals, sondern ein Ergebnis unserer Arbeit und unseres Mutes zu Reformen. Heute ist die „polnische Wirtschaft“ diejenige europäische Volkswirtschaft, die im vergangenen Jahr, glaube ich, als einzige in der ganzen EU wachsen konnte. In diesem Jahr haben wir schon drei Prozent mit Aussicht auf mehr. „Polnische Wirtschaft“, das heißt allerdings auch Bereitschaft zur Zusammenarbeit - auch mit den Deutschen übrigens, mit denen wir einen regen Handel haben.
Polen ist begeistert von Europa. Wie ist es mit Ihnen? Wollen auch Sie immer noch mehr Integration?
Die Vertiefung der europäischen Integration ist im Interesse Polens, Europas und der polnisch-deutschen Beziehungen. In einer globalisierten Welt fühlen wir uns so sicherer und stärker. Die wachsenden neuen Wirtschaftsmächte fordern uns heraus. Wir können nur mit ihnen mithalten, wenn wir uns integrieren. Ich bin auch überzeugt, dass wir in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik große Integrationserfolge erreichen können. Ich wünsche mir hier viel mehr Tempo und Tiefe. Wir glauben in Polen übrigens, dass wir auch bei der Energiepolitik mehr Integration brauchen. Wir wollen offene Energiemärkte und ein gemeinsames Nachdenken über Energiesicherheit.
Manche in Europa sagen, dass Polen und die neuen EU-Länder sehr gut darin sind, Geld zu verlangen, aber weniger darin, Verantwortung zu übernehmen - etwa in der Klimapolitik.
Das ist viel zu einfach gedacht. Wir dürfen die Unterschiede unserer Entwicklung nicht vergessen. Eine strenge Klimapolitik beeinflusst die wirtschaftlichen Chancen eines Landes. Das ist besonders schwer zu verkraften für die Länder, die noch große Anstrengungen vor sich haben, wenn sie die europäischen ökologischen Normen erfüllen wollen. Wenn wir gemeinsam über Klimaschutz nachdenken wollen, dann müssen wir deshalb auch gemeinsam über gleiche Entwicklungschancen nachdenken. Klar gesagt: Als die Wirtschaft Westeuropas noch keine so strengen Vorschriften hatte, hat sie sich so schnell entwickelt wie nie wieder danach. Wir brauchen Zeit, um nicht unsere Wirtschaft zu beschädigen.
Polen war immer der Anwalt der Länder im Osten: der Ukraine, des Kaukasus, Weißrusslands und Moldaus. Sind die östlichen Hoffnungen verblasst, seit in der Ukraine und in Georgien die demokratische Entwicklung stagniert?
Ich glaube, dass europäische Politik etwas längerfristige Perspektiven braucht. Die Zusammenarbeit mit den Ländern östlich der EU bleibt für uns eine Aufgabe. Wir müssen dabei auf neue Bedingungen reagieren, aber die Aufgabe Polens - und ich glaube, auch Deutschlands - bleibt es, die Bestrebungen der Ukraine zu stärkeren Bindungen an den Westen zu unterstützen.
Sehen Sie diese Länder in der EU?
Ich sehe nicht ein, warum das nicht gehen soll. Das Einzige, worauf es dabei ankommt, ist, dass ein Land alle Beitrittskriterien erfüllt. Und ich sehe nicht den geringsten Grund, auszuschließen, dass die Ukraine das in Zukunft erreichen kann.
Polen und Russland sind sich nach Jahren schlechter Beziehungen zuletzt näher gekommen. Was sollten die nächsten Schritte auf diesem Weg sein?
Es gibt noch viel zu tun - auf beiden Seiten. Symbole zur Bewältigung unserer schwierigen Geschichte sind wichtig, aber wir müssen uns auch um die Gegenwart kümmern. Ganz wichtig ist der Plan, zwischen Polen und dem russischen Gebiet Kaliningrad visafreien Verkehr zu ermöglichen. Wir haben schließlich selbst erfahren, wie die - begrenzte - Möglichkeit der Solidarnosc-Generation, die Welt zu sehen, unsere Mentalität verändert hat. Wir hoffen deshalb auf die Zustimmung der EU zum visafreien Verkehr zwischen Polen und dem Gebiet Kaliningrad.
In Berlin werden Sie Deutsche auszeichnen, die in den achtziger Jahren die Solidarnosc unterstützt haben. Sie waren damals im Untergrund. Wie haben Sie Deutschland damals gesehen - zwischen den Schützenpanzern der DDR und den Päckchen aus dem Westen?
Ich saß damals im Internierungslager, aber meine Frau und meine Kinder hatten dennoch ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Das lag an der Hilfe meiner Freunde, aber auch daran, dass wir wussten, dass es so viel Hilfe und Solidarität für Polen gab. Diese Hilfe erreichte auch die Familien der Internierten.
Auch Ihre?
Auch meine. Vor allem aber kamen Kopiergeräte und Druckmaschinen, unsere Panzerdivisionen in diesem Krieg. Ich habe diese Zeit als eine Periode in Erinnerung, in der trotz allem auch viel Gutes geschehen ist - auch im Verhältnis zu anderen Ländern, wo wir damals ein enormes Kapital der Sympathie angesammelt haben. Nicht nur die Sympathie des Auslands mit unserem Freiheitskampf, sondern genauso die Sympathie der Polen für viele Menschen in Europa, die damals solidarisch waren. Deshalb freue ich mich, dass ich jetzt eine Gruppe von Deutschen auszeichnen kann, die damals uns, den Leuten der Solidarnosc, geholfen haben. Ich freue mich, dass ich das am Reichstag tun kann - dort, wo das Denkmal der Solidarnosc steht, welches der polnische Sejm gemeinsam mit dem Bundestag und seinem Vorsitzenden Norbert Lammert dort aufgestellt hat. Wir erinnern damit an einen ausgesprochen schönen Abschnitt unserer Geschichte und daran, dass unsere Völker auch im Guten verbunden sind. Das Denkmal am Reichstag ist ein Stück der Mauer von jener Danziger Werft, von der damals die Bewegung ausgegangen ist, die dann zum Fall der Berliner Mauer geführt hat. Wir haben dazu alle beigetragen, aber wir Polen werden immer sagen: es begann in Danzig.