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Iglu-Studie Zwischen Panik und Schulterklopfen

02.12.2007 ·  Die jüngsten Bildungs-Studien lassen deutsche Schüler besser aussehen. Nicht nur die Grundschüler schneiden besser ab, sondern auch die 15-Jährigen. Doch strukturell ist in den Grundschulen in den letzten fünf Jahren nicht viel passiert. Über den richtigen Weg wird weiter gestritten.

Von Cornelia von Wrangel
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„Wir sind wieder wer“ - so klingt es in Deutschland, seit in dieser Woche bekannt wurde, dass die deutschen Schüler, die Fünfzehnjährigen ebenso wie die Viertklässler, im internationalen Vergleich höhere Plätze erklommen haben. Wobei die erste Botschaft lautete, Deutschlands Grundschüler können besser als noch vor ein paar Jahren lesen - viel besser offensichtlich als erwartet. Denn sonst wäre die Erleichterung der Bildungspolitiker und Lehrerverbände nicht so laut ausgefallen.

Die russischen Kinder sind nach der internationalen Iglu-Studie zur Lesefähigkeit die Besten im Lesen. Die Russen haben tatsächlich überall in dem großen und weiten Land so gute Schulen? Das verblüfft - jedoch nur auf den ersten Blick. Denn die Russen haben einfach viele Kinder zu den Tests nicht zugelassen. Vermutlich die Schlechtleser. Allerdings: Die meisten Länder schlossen sieben bis acht Prozent der Schüler aus, was die Aussagekraft der Rangfolge nicht gerade steigert. Mit 0,7 Prozent war Deutschland da ehrlicher.

Auf den zweiten Blick

Trotzdem hat die Studie, an der 35 Staaten und zehn Regionen teilnahmen, die deutschen Grundschüler in Europa an die Spitze gerückt. Sie schlugen sogar die Schweden und die Niederlande. Wer an die Diskussion über die Sprachdefizite der Migrantenkinder denkt, an die Zusammensetzung vieler Klassen, mag dieses gute Gesamtresultat kaum glauben. Es ist ein Lob für die Grundschullehrer, die ohnehin als die flexibelsten unter Deutschlands Pädagogen gelten. Sie haben offenbar ihre Lektion gelernt, schließlich kommt es immer noch auf den Unterricht an, ob Schüler etwas können oder nicht.

Die Einzelergebnisse aber zeigen, dass die Grundschulen bei der Lösung struktureller Schwierigkeiten in den vergangenen fünf Jahren kaum weitergekommen sind. Und dass sie allein nicht leisten können, was da noch geschehen muss. Nach wie vor hängt eine bessere Leistung der Schüler von ihrer Herkunft ab, davon, ob sie eben aus einer ausländischen oder sozial schwachen, bildungsfernen Familie stammen oder aus einem gebildeten Elternhaus. Nach wie vor spiegeln sich diese Faktoren auch bei der Wahl für die weitere Schule wider, selbst wenn die Leistungen des Arbeiterkindes gleich gut oder sogar besser sind als jene des Akademikerkindes. Den Kindern aus benachteiligten Schichten trauen ihre Eltern das Abitur nicht zu und - leider - die Lehrer auch nicht. Ganz neu ist das alles aber nicht.

Nach der Panik

Neu ist hingegen, dass Deutschlands Fünfzehnjährige auch aufgeholt haben. Die Pisa-Studie 2006 mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaft, die dritte ihrer Art, bescheinigt den deutschen Schülern zum ersten Mal deutlich bessere Ergebnisse als im OECD-Durchschnitt, gibt ihnen den Rang 13 von 57 Teilnehmerländern. Vor drei Jahren lagen sie auf Platz 18, und es hatten nur vierzig Staaten mitgemacht. Der Jubel ist groß, auch wenn man bisher nur das „Ranking“ kennt und noch nichts über die Stärken und Schwächen der deutschen Schüler im Einzelnen weiß. Die hierfür aufschlussreichen Ergebnisse werden am Dienstag vorgestellt.

Dafür streiten sich die Fachleute und die Politiker schon jetzt darüber, ob die Leistungen im Test 2006 mit der im Jahr 2003 unmittelbar vergleichbar seien. Der Leiter der deutschen Studie, Manfred Prenzel, hat das inzwischen längst bestätigt. Was soll sonst auch das Ganze? Dennoch haben die Erstellung und Auswertung von Schulleistungstests ihre eigenen Gesetze. Kritik an Pisa gibt es deswegen seit der ersten Untersuchung im Jahr 2000, die Deutschland in den bekannten Schockzustand versetzte. Sie füllt Bibliotheken. Pisa misst Lernvoraussetzungen, Kompetenzen der Schüler, lebensnahe Aufgaben zu lösen, und nicht, ob verinnerlicht wurde, was die Lehrpläne vorschreiben. Ob diese Methode fragwürdig ist oder nicht - der „Pisa“-Schock hat gesessen, hat den Blick auf die Schwachstellen des deutschen Schulwesens gelenkt, aber auch die Stärken der Schüler dargestellt. Selten zuvor haben Politiker, Wissenschaftler, Lehrer und Eltern so viel über Bildung gesprochen. Eine andere Frage ist, ob jeder schulpolitische Schritt danach sinnvoll und nicht einer gewissen Hysterie geschuldet war.

In jedem Fall wird die Veröffentlichung der vollständigen Pisa-Studie - auch sie berücksichtigt den sozialen Hintergrund der Schüler, die Motivation, Lernmethoden und Unterstützung durch die Lehrer und die Eltern - wieder eine Debatte entfachen. Und alle werden sich bestätigt fühlen: die Gegner und Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems, der verkürzten Gymnasialzeit und von mehr Ganztagsschulen. Nach der Panik darf nun aber nicht das Schulterklopfen kommen - weil Deutschlands Schüler doch wieder mithalten können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.12.2007, Nr. 48 / Seite 14
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