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IG Metall Weltbeglückung mit Tarifpolitik

12.07.2003 ·  Sie war der Traum aller Utopisten. Jetzt herrscht Agonie. Ein Nachruf auf die IG Metall.

Von Rainer Hank
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Die IG Metall ist tot. Zuletzt haben ihr fast alle die Sympathie und Gefolgschaft verweigert: der Kanzler, die Politiker, die Bürger - sogar die eigenen Mitglieder. Gewiß wäre es naiv zu mutmaßen, die Gewerkschaft werde sich binnen kurzem selbst auflösen. Aber was immer vom kommenden Herbst an unter dem Namen IG Metall daherkommen wird: es hat nichts mehr zu tun mit seiner Vorgängerorganisation.

Deshalb dürfen jetzt die Nachrufe geschrieben werden, und es darf darin auch ein wenig Pathos Platz haben. Die IG Metall war für die Bundesrepublik im Nachkriegsdeutschland weit mehr als eine Zweckgemeinschaft zur Erhöhung der Löhne und zur Verkürzung der Arbeitszeit. Seit den Anfängen unter Otto Brenner in den fünfziger Jahren war gerade für die Klügsten ihrer Funktionäre die Tarifpolitik immer nur Mittel zum Zweck. Der Zweck selbst mußte aber etwas Höheres, Größeres, Sinnvolleres sein als der bloße Kampf für 5o Pfennig mehr je Stunde. Es waren die Arbeiterführer der Weimarer Zeit, die, verwundet im Widerstand der Nazizeit, mit Hilfe der IG Metall eine irgendwie bessere Gesellschaft suchten. Und es waren, zwanzig Jahre später, die Intellektuellen der Studentenbewegung, die in der IG Metall vom Bündnis mit den Arbeitern schwärmten. Diese merkwürdige Mischung aus Realismus und Utopismus übte auf viele lange Zeit große Anziehungskraft aus.

Eine Heimat

Denn nicht wenigen hat der Dritte Weg der IG Metall gut gefallen. Wem die Soziale Marktwirtschaft zu kapitalistisch, der Sozialismus dagegen zu stalinistisch war, der fand seine Heimat in der Gewerkschaft. Zumal da allen, die diese Ziele verfolgten, nicht die Entbehrungen des Revolutionärs drohten, sondern die Segnungen des Wohlfahrtsstaates winkten. Das ist eines der Geheimnisse des gewerkschaftlichen Erfolgs: Ihre Führer kämpften für die Balance von Kapital und Arbeit, ihre Funktionäre träumten von der organisierten Gegenmacht der "abhängig Beschäftigten" gegen den Einfluß der Unternehmen - doch die reale Wirkung solch linker Utopie war eine grandiose Maschine wohlfahrtsstaatlicher Umverteilung, von der lange Zeit viele zu profitieren schienen.

Solange nämlich die IG Metall ihre Lohnführerschaft darauf beschränkte, den Produktivitätsgewinn des Wirtschaftswunders gleichmäßig an alle Metallarbeiter zu verteilen, war ihr Tun zwar egalisierend, aber immerhin nicht beschäftigungsschädlich. Solange es Wohlstand für alle gab bei andauernder Vollbeschäftigung. Seit aber - es muß in den frühen siebziger Jahren gewesen sein - die gewerkschaftlichen Verhandlungsführer das Tempo der Einkommensverbesserung weit über das Besserungsmaß der Arbeitsergebnisse in den Betrieben steigerten und sie zugleich mit anmaßendem Wissen zum Zwecke einer vermeintlichen Humanisierung der Arbeitswelt die Arbeitszeit verkürzten, mußten sie wachsende Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen, ohne - bis heute - eigenes Verschulden daran anzuerkennen. Im Gegenteil: Über teure Programme zur Arbeitslosenunterstützung und Frühverrentung brachte es die IG Metall dazu, daß die Opfer ihrer Lohnpolitik weich fielen und nicht gegen die Gewerkschaft aufmuckten.

Hirnrissige Idee

Doch jetzt ist es raus. Die hirnrissige Idee, in Ostdeutschland das westdeutsche gewerkschaftliche Beglückungsprogramm der achtziger Jahre zu wiederholen, gebar für alle die Erkenntnis, daß die IG Metall für gar keine Utopie mehr gut ist - keine linke, keine wohlfahrtsstaatliche und auch sonst keine. Sichtbarer Ausdruck dafür ist die Handlungsunfähigkeit des Gewerkschaftsvorstands. Es herrschen Agonie und Paralyse, es herrscht der Ausnahmezustand Carl Schmitts, denn es fehlen der IG Metall die Institutionen, die von oben das Chaos wieder ordnen könnten. Keiner hat die Mehrheit.

Das ist in der Regel die Stunde von Putschisten oder Exilanten. Es geht darum, zu welcher neuen Gestalt die IG Metall aus diesem Ausnahmezustand findet. Heute kann das noch keiner wissen. Jetzt versuchen offenbar die Betriebsräte und Gewerkschafter der großen Automobilkonzerne, das Heft in die Hand zu nehmen. Sollten die Chefs der Autokonzern-Betriebsräte die Macht übernehmen und einen IG-Metall-Vorstand von ihren Gnaden krönen, könnten sich bald amerikanische Verhältnisse in der deutschen Metallindustrie ergeben: Dort organisieren die United Automobile Workers UAW noch immer eine starke Gewerkschaftsmacht, während die übrige Metallindustrie weitgehend gewerkschaftsfrei ist. Aber es kann auch anders kommen, und Jürgen Peters betreibt mit den Methoden, die er früher in Gewerkschaftsschulen gelehrt hat, die Demontage - und die IG Metall vermodert. So oder so heißt es also heute Abschied zu nehmen von einem deutschen Mythos der Nachkriegszeit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.07.2003, Nr. 28 / Seite 8
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Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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