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Hunzinger-Kredit „Warum, Herr Özdemir?“

22.07.2002 ·  Dutzende E-Mails und Gästebuch-Einträge auf Cem Özdemirs Homepage: Die Enttäuschung über den Grünen und dessen besondere Geschäftsbeziehung ist groß.

Von Thea Bracht
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Für die Grünen ist die Kreditaffäre Cem Özdemirs offiziell geklärt. Dieser habe eingestanden, dass ein Fehler gewesen sei, einen günstigen Privatkredit von PR-Berater Moritz Hunzinger anzunehmen, sagte der Grünen-Bundesvorsitzende Fritz Kuhn. Eingesehen, bereut - erledigt? Während Kuhn die Geschäftsbeziehungen des Schwaben als „politische Eselei“ abtut, bleibt für viele Özdemir-Sympathisanten und Grünen-Wähler mehr als ein „Gschmäckle“ zurück. „Mann Mann Mann, warum, Herr Özdemir?“, lautet eine der freundlicheren Fragen im Gästebuch des Ludwigsburger Grünen, der unter www.oezdemir.de eine eigene Homepage eingerichtet hat.

Schwarzer Montag für die Mitarbeiter im Abgeordnetenbüro Cem Özdemir. Schon wenn sie sich am Telefon melden, klingt ihr „Büro Cem Özdemir“ nach Weltuntergang. Wie viele E-Mails am Wochenende und am Montag zur „Kreditaffäre“ eingetroffen sind, überblickt am Nachmittag niemand.

Sicher, der Schwabe türkischer Herkunft sieht sich regelmäßig mit bösen E-Mails und Gästebuch-Einträgen konfrontiert - vorzugsweise aus dem rechtsextremen Lager. Diesmal aber ist alles anders. Nicht die üblichen Verdächtigen, sondern „seriöse“ Absender verschaffen ihrem Ärger Luft, darunter etliche Grünen-Anhänger und -mitglieder. Während Parteichef Kuhn betont, eine Affäre der Grünen könne aus dem Vorgang Özdemir nicht gemacht werden, sprechen manche Absender von „Hunzingergate“.

Grüne aus Aurich sind sauer

Dass Özdemir Kontakte zum Hunzinger-Unternehmen pflegte, löst zum Beispiel beim Grünen-Kreisverband Aurich Entsetzen aus. Die ostfriesischen Grünen bedanken sich beim „werten Cem“ für die „tatkräftige Unterstützung bei unserem Wahlkampf“. Ebenso ironisch liest sich das Gedicht eines Absenders namens „Albert Einschwein: „Ich bin so naiv, mein Herz ist rein, der Zins ist aber unheimlich klein.“ Als Grüner sei Özdemir nunmehr „unwählbar“. Tobias Schnell frotzelt, er habe gerade mit Moritz (Hunzinger) telefoniert. „Er will mir aber keinen Vorschuss geben. Wie lautet der Zaubersatz?“

Nicht zu Späßen aufgelegt ist dagegen Rainer Strzolka, nach eigenen Angaben seit 20 Jahren Grünen-Wähler. „Nie wieder“ will er der Partei seine Stimme geben. Egal, ob nun ein Abhängigkeitsverhältnis bestand oder nicht: Gerade, weil Özdemir bisher vielen Bürgern als integer galt, ist die Enttäuschung über dessen besondere Beziehung zu Hunzinger riesengroß. Wer es gut mit Özdemir meint, bescheinigt ihm immerhin, er habe ihn bisher für einen „lauteren“ oder „redlichen“ Politiker gehalten. So einer ist Arndt Nellen: „Schade, wirklich schade, Herr Özdemir, wir laufen Gefahr einen wirklich guten Parlamentarier zu verlieren!“

Wenig Verständnis, viel Ironie

Andere sind weniger feinfühlig. Ein anonymer Schreiber wird bitterböse: „Der Volksvertreter, lateinisch: homo corruptionis, unterscheidet sich vom gewöhnlichen Vertreter, lateinisch: homo provisionis, dadurch, dass dieser dem Volk Versicherungen für Geld und jener das Volk mit seinen Versicherungen für dumm verkauft.“

Selten reagiert dagegen jemand so verständnisvoll wie Thomas, der einräumt, selbst vor drei Jahren an einen günstigen Kredit gekommen zu sein - durch gute Beziehungen. Wenn man die Möglichkeit habe, preiswert an einen Kredit zu kommen, dann greife man natürlich zu, schreibt er.

Özdemirs Mitarbeiter beraten noch über eine Strategie, wie sie auf so viel Empörung und Wut angemessen reagieren können, um Vertrauen zurückzugewinnen. Özdemir selbst will vorerst keine Interviews zu diesem Thema mehr geben. Er habe sich am Wochenende und am Montagmorgen ausreichend erklärt, sagt sein Mitarbeiter David Koschel. „Es gibt nichts Neues.“ Immerhin: Im Gästebuch bleibt jeder noch so feindliche Eintrag stehen, wenn er nicht von strafrechtlicher Relevanz ist.

Ein Gutes scheint Özdemirs Fehltritt allerdings zu haben: Die Grünen wollen nach der Bundestagswahl die Fraktionsneulinge über die politischen Regeln beim Umgang mit Beratern wie Hunzinger unterrichten. Özdemir wäre klug beraten, diese Sache persönlich in die Hand zu nehmen. Solche Nachhilfestunden könnten politisch wesentlich wertvoller sein, als Fehler einzugestehen und dem Berliner Rehabilitationszentrum für Folteropfer Geld zu spenden.

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