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Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Horst Köhler Nummer eins auf Nummer sicher

10.04.2007 ·  Wie konnte ein fleißiger Ökonom und Spitzenbeamter zum ersten Mann im Staate aufsteigen? Die erste gründliche Biographie über Horst Köhler beschreibt unseren obersten Reformer als Mann, der sein Leben lang das Risiko scheute - und ein Geschöpf Angela Merkels blieb. Von Nils Minkmar.

Von Nils Minkmar
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Auf Seite dreihundertsiebenunddreißig kommt der entscheidende Satz: „Was Merkel von Köhler gewollt hatte, war die Verhinderung Schäubles.“ Bis zum Anhang sind es dann gerade mal noch acht Seiten; alles ist mit dieser knappen Erkenntnis erklärt: Wie es kommen konnte, dass ein fleißiger Ökonom und Spitzenbeamter zum ersten Mann im Staate befördert wurde, obwohl er nie zuvor ein politisches Mandat errungen hat. Wie er, ohne jeden Rückhalt in der Partei, zum CDU-Kandidaten werden konnte; und, am wichtigsten, warum er nun zwischen monarchischen Attitüden und tagespolitischer Holzerei irrlichtert, als hätte ihn die Höhe des Amtes schwindelig werden lassen.

Solch ein Satz - aber das nimmt der Biograph tapfer in Kauf - entzieht dem Buch leider auch seine tragenden Säulen: Wozu hat man, wenn es Frau Merkel nur auf das eine ankam, eigentlich die dreihundert Seiten studiert: den mäßig spannenden Lebenslauf, die ebenso präzisen wie uninteressanten Schilderungen über einen vermuteten Zwist Köhlers mit seinem Stellvertreter beim Internationalen Währungsfonds, schließlich die zahlreichen Zitate von gutmeinenden Weggefährten, die ihn immer gleich beschreiben, fleißig, nett, staucht des Öfteren Mitarbeiter zusammen. Wozu eigentlich? Doch genau diese Durchschnittlichkeit, das ganz und gar nicht Weizsäckerhafte des Mannes, stellt sich bald als das eigentliche Thema des Buches heraus.

Erstaunlicher Aufstieg

Bei aller wissenschaftlichen Objektivität und dem aufrichtigen Bestreben, auch noch die kleinsten Karriereschritte Köhlers mit zeithistorischer Relevanz in Verbindung zu bringen: Es gelingt Gerd Langguth nicht immer, sein Erstaunen darüber zu verbergen, dass es Horst Köhler zum ersten Manne im Staate gebracht hat. Und weil Langguth nicht nur CDU-Abgeordneter war, sondern auch der Autor einer guten Angela-Merkel-Biographie ist, sitzen jene Sätze, in denen Angela Merkels Handeln gedeutet wird, besonders.

Bereits im November 2003 nimmt sie Kontakt mit Köhler auf. Langguth erweckt den Eindruck, sie habe sich schon früh auf ihn festgelegt, während die zahlreichen anderen Unionskandidaten, die sie angeblich unterstützte, etwa Annette Schavan, bloß Verwirrung stiften sollten. Und mit der Aussage, Köhler wolle zurück nach Deutschland, weil seine Wiederwahl als Chef des Internationalen Währungsfonds in Washington gefährdet sei, habe sie, so Langguth, klar geblufft. Köhler - stets auf Sicherheit bedacht - wusste längst, dass er auch eine zweite Amtszeit lang an der Spitze des Währungsfonds bleiben könnte. Merkels Motivation beschreibt Langguth so: „Die Vorstellung, Schäuble als Bundespräsident schon vor ihrer damals längst noch nicht sicheren Kanzlerschaft wieder über sich zu haben, hatte sie nicht mehr losgelassen.“

Ratloses Publikum

Merkel hat - als niemand hinsah - schnell mal die Tischkarten vertauscht. Plötzlich wird einem aber klar, wieso auch noch die kleinsten Phrasen und Aphorismen Wolfgang Schäubles im Land und in den Köpfen widerhallen, mal abstoßen, mal anziehen, während selbst die großen Reden und Auftritte Köhlers (der sicher einen guten Innenminister geben könnte) flach und fade wirken. Das geht bis in die eigenen Reflexe: Warum bleiben, wenn er zur Gala des Deutschen Fernsehpreises im Coloneum von Köln-Ossendorf hereinweht, eigentlich alle sitzen? Keiner macht den Anfang, keiner erhebt sich. Auch auf der Bühne regiert in diesem Moment die Unsicherheit, Horst Köhler hat Mühe mit seiner Rolle. Er soll eine Laudatio halten auf Friedrich Nowottny, zu dessen bester Zeit Köhler noch Beamter war, ihn vielleicht abends im Fernsehen bewunderte. Genau diese Perspektive, die eines Fans mit gutem Erinnerungsvermögen, wählt Köhler für seine Ansprache; aber das langweilt den Saal, in dem viele unter vierzig sind und nicht mehr wissen, wovon die Rede ist. Und die Älteren wundern sich, dass ein Bundespräsident eine Rede auf einen Journalisten hält; umgekehrt würde es hinkommen. Solch ein Auftritt - und das ist vielleicht das ungünstigste Ergebnis für einen Staatsmann - lässt das Publikum ratlos und kalt.

Der Biograph muss freilich irgendein menschliches Interesse an seinem Gegenstand auch beim Leser generieren, da bietet sich - wie im Falle von Gerhard Schröder - der Verweis auf die kleinen Verhältnisse an, aus denen Köhler kam, so dass sich ein märchenhafter Aufstieg erzählen lässt, vom Zeitsoldaten zum kleinen Wirtschaftswissenschaftler, dann zum Beamten und Banker. Sicher bildet sich darin auch die soziale Durchlässigkeit der alten Bundesrepublik ab, der Leser freut sich daran, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Köhler ist kein Freund, kein Nachbar, er ist der Bundespräsident, und politische Spitzenämter sind ein Mittel und kein Zweck: Man muss dort schon irgendetwas wollen, damit die Amtszeit gelingt. Und die Öffentlichkeit muss das auch sehen und überprüfen können.

Ein Mann ohne Eigenschaften

Als Bürger kommt man aber nicht umhin, festzustellen, dass alle Risiken, alle politischen Schlachten und generationenspezifischen Konflikte, die sich in der Herausbildung des Landes ergeben haben, von Köhler mit sicherem Gespür umschifft wurden. Die Ereignisse von 1968 haben ihn weder begeistert noch abgeschreckt, keine Partei, keine Initiative hat es vermocht, ihn für sich einzunehmen. Er war, wie Langguth es aus mehr als hundert Gesprächen mit Freunden, Kollegen, Zeitgenossen destilliert, ein Mann ohne politische Eigenschaften und vor allem lange sehr darauf bedacht, nicht wieder nach unten abzusinken, sein soziales Fortkommen aus einer armen Vertriebenenfamilie auch nachhaltig abzusichern: Mit jedem Wechsel hat er sich finanziell besser- und unter das Patronat eines großen Mannes gestellt. Sein wichtigster Förderer war Gerhard Stoltenberg. Als der vom Amt des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten ins Bundesfinanzministerium wechselte, nahm er seinen fleißigen Köhler mit, der sich aber ein Rückkehrrecht in den Landesdienst plus Beförderung sichern ließ. Später blühte Köhler im Glanze Helmut Kohls. Köhlers stärkste Zeit, befindet Langguth, war die Staatssekretärsphase. Ohne Vorgesetzte drohe er sich zu verlieren. Ein Bundespräsident hat, wie wir wissen, keine Vorgesetzten.

Gerd Langguths Biographie liest sich wie die lange Anmerkung zu einer kurzen Passage des großen amerikanischen Journalisten und Schriftstellers Joe Klein, der als Anonymus den Bestseller „Primary Colors“ über Bill Clinton schrieb. Klein untersucht in seinem jüngsten Buch „Politics Lost“, weshalb Politik kaum noch vermag, die Bürger zu bewegen; warum sie ihnen immer flacher und unwichtiger scheint. Er lenkt dabei den Fokus auf jene vielsagenden, ungeprobten Momente, die er, nach einem berühmten Ausfall von Harry Truman, die „Turnip Day“-Momente nennt: Truman hatte 1948, in einer dramatischen nächtlichen Parteitagsrede, bekanntgegeben, dass er den Kongress aus den Sommerferien zurückbeordern würde, damit die Abgeordneten Gesetze über Bildung und Bürgerrechte beschließen könnten, und zwar „zum 26. Juli, dem Tag, den wir in Missouri den ,Turnip Day' nennen“- den Rübentag; denn da wird gesät. Es war bloß ein Datum, eine Bauernregel, aber dieser Moment hat Truman bei den Journalisten und der Öffentlichkeit unvergesslich gemacht. Laut Klein sind es eben diese nicht einstudierten Momente, in denen ein Politiker auf seine eigene Vergangenheit rekurriert und zugleich etwas völlig Neues wagt, Momente, in denen das Publikum den Atem anhält, die das Wesen der Politik ausmachen.

Ideen und Innovationen?

„Wähler kümmern sich selten um Inhalte, sie schwitzen nicht über den großen Fragen. Aber sie haben sehr genaue Antennen für Posen (. . .) Wenn man möchte, dass sie ein Risiko eingehen, sollte man besser selbst schon mal eins eingegangen sein.“ Ausgerechnet Risiken hat Köhler, der mit dem Gestus ins Amt kam, dem Land mehr Freude am Wagemut einzubleuen, aber stets umsichtig vermieden. Der rote Faden in Langguths Buch ist die Erörterung der Bezüge Köhlers - ob er sich also von Amt zu Amt bessergestellt habe oder nicht; und ob ihm später im Ruhestand noch das Geld für den Frack bewilligt werden wird. Das ist okay, so denken wir alle, kein Einzelfall; aber gerade dem amtierenden Staatsoberhaupt solch eine schwäbische Rechenfreude attestiert zu sehen, lässt das Herz des lesenden Bürgers nicht gerade höher schlagen. Mehr Ideen und Innovation wagen - wer wäre in Deutschland nicht dafür? Aber der Zusatz „so wie unser Bundespräsident Horst Köhler“ fällt dem Hörer seiner Reden dann nicht mehr ein.

Weil es keine gemeinsame Geschichte der Wähler mit Köhler gibt, ist jede seiner Handlungen nur aus dem Augenblick zu interpretieren, da kann nicht sehr viel herauskommen. Der Veteran auch der Bundespräsidentenbeobachtung, Jürgen Habermas, wusste schon, warum er damals nicht in die Euphorie über die Seiteneinsteiger Köhler und Schwan einstimmte, sondern bemerkte, dass der Bürger ein Recht darauf habe, auch öffentliches Wirken in einer Gesamtschau nachzuvollziehen. Weil wir die Mühen der Union mit der Migration kennen - das Mantra, Deutschland sei kein Einwanderungsland, die Gastarbeiter würden bald wieder abreisen -, können wir ermessen, welche Leistung Schäubles wohlpräparierter Islamgipfel war. Weil wir Schröders linkssozialdemokratische Herkunft kennen, konnten wir ermessen, was ihn die Durchsetzung der Reformagenda gekostet hat. Weil wir die ökopazifistische Geschichte der Grünen mitverfolgt haben, können wir ermessen, welchen Schritt Joschka Fischer tun musste, um seine Partei zu den Nato-Einsätzen gegen Serbien und in Afghanistan zu bewegen.

Horst wer?

Zu Köhler kann einem nichts einfallen. Weil Köhler seine Defizite kennt und weil er vor allem seine Kür in der Berliner Wohnung eines - die Älteren werden sich erinnern - Guido Westerwelle vergessen machen muss, stellt er, wenn es darauf ankommt, den Regler extrem laut. So wie hier, in seiner Ansprache zur Auflösung des Bundestages: „Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie dagewesenen kritischen Lage.“

Man bekommt noch heute eine Gänsehaut; aber die Wähler entschieden sich trotzdem für eine komplizierte, langsame große Koalition statt für die hier implizit empfohlenen Handkantenschläge einer christliberalen Reformtruppe. Der vorsichtige Langguth urteilt besonders streng: „Köhlers Ansehensverlust begann nicht erst, wie manche meinen, mit dem Zustandekommen der Großen Koalition, sondern bereits mit seiner von vielen Millionen Menschen beachteten Rede zur Parlamentsauflösung.“ Dieser Rede, dieser spektakulären Eröffnung folgte dann weiter nichts, denn Köhlers Macht, die aus dem Wohnzimmer kam, reicht kaum darüber hinaus.

Die Geschichte von Köhlers Präsidentschaft hat - so uns nicht irgendein nationaler Notstand ins Haus steht - Angela Merkel geschrieben. Sie hat Kohls Ärger mit Weizsäcker studiert und daraus gelernt. Heute ist sie die mit Abstand beliebteste Politikerin, und Köhler ist wieder der, der er zu Anfang war: Horst wer?

Gerd Langguth: „Horst Köhler“. dtv 2007, 413 Seiten, 15 Euro

Quelle: F.A.S:
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