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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Holocaust-Mahnmal Fast wie ein wogendes Getreidefeld

02.05.2005 ·  Weder schwarzer Kitsch noch pathetische Pädagogik: Ein Gang durch das Denkmal für die ermordeten Juden Europas des New Yorker Architekten Peter Eisenman, das am 10. Mai eröffnet wird.

Von Thomas Schmid, Berlin
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Nur einer wie er konnte es im Angesicht ehemaliger KZ-Häftlinge so scharf formulieren.

Als am 10. April in Weimar der Befreiung des benachbarten Konzentrationslagers Buchenwald gedacht wurde, sagte der spanisch-französische Schriftsteller Jorge Semprun, von 1943 bis 1945 selbst Häftling im Lager: „Wir wissen es alle, daß diese Gedenkfeier die letzte sein wird, an der Zeugen jener Erfahrung teilnehmen werden.

In zehn Jahren wird es keine unmittelbare Erinnerung mehr geben, kein direktes Zeugnis, kein lebendiges Gedächtnis: Das Erlebnis jenes Todes wird zu Ende gegangen sein.“ Da buhten einige im Saal.

Letzte große Gedenkfeiern mit Überlebenden

Niemand wird sich mehr daran erinnern, die Erfahrung dieses Todes wird die Welt verlassen haben. Darin steckt, nicht nur für Überlebende der Shoah, eine grausame Provokation: Wenn keiner mehr erzählen kann, reißt unwiderruflich ein Faden. Keine Geschichtspädagogik kann ihn neu knüpfen, und wer weiß, ob sich die in 20 oder 30 Jahren Geborenen je für jenen fernen verbrecherischen Plan interessieren werden, das jüdische Volk völlig auszulöschen.

Wenn es keine Zeugen mehr gibt, spricht diese Geschichte nicht mehr. Also muß man sie anders gegenwärtig halten. Es fügt sich daher nicht schlecht, daß das Holocaust-Denkmal in den ehemaligen Berliner Ministergärten kurz nach den wohl letzten großen Gedenkfeiern mit Überlebenden der Shoah eröffnet werden wird.

„Die Monumentalisierung der Schande“

Nein, pompös ist das Denkmal nicht und auch kein Stein des Anstoßes. Ob man von den hohen rückseitigen Fenstern des Hotels Adlon, von den für DDR-Verhältnisse noblen Plattenbauten an der Seite oder vom Passagierballon eines Fernsehsenders von oben auf das fast fertiggestellte Holocaust-Denkmal blickt: Das Feld mit den 2711 Stelen hat nichts Größenwahnsinniges und nichts Drohendes. Sanft ins Regierungsviertel hineingeschmiegt, wirkt es fast zierlich. Frühlingssonne fällt auf das matte Grau der Stelen.

Nichts von dem ist Wirklichkeit geworden, wovon Martin Walser in seiner Paulskirchenrede 1998 düster dräute: „In der Diskussion um das Holocaust-Denkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Albtraum. Die Monumentalisierung der Schande.“ Nein, dem Granitgrau zum Trotz: Leicht ist das Ganze, ein wenig heiter auch. Man wird, ist zu ahnen, wohl wirklich gerne hingehen.

Bis dahin war es ein weiter Weg, und was am Ende herausgekommen ist, hat keiner der Akteure so gewollt. Genau das ist nicht der geringste Vorzug des Stelenfeldes: Es ist von Privatleuten angeregt worden, hat sich in einer langen öffentlichen Debatte immer wieder verändern müssen, wurde zu einer Staatsangelegenheit und hat Künstlern wie Politikern Zugeständnisse abverlangt. Und es ist am Ende wirklich etwas herausgekommen.

Mahnmal ohne Segen

Lea Rosh, die 1988 die Idee hatte, wollte ursprünglich dem Kanzler der „Wende“, der zumindest als ein Verharmloser deutscher Geschichte galt, ein steinernes Memento vor die Füße werfen. Doch ausgerechnet Kohl wurde später - in einem eigentümlichen, vom Geist des Kuhhandels nicht freien Bunde mit Ignatz Bubis, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland - einer der verläßlichsten Förderer des Vorhabens, Lea Rosh hat es verwundert festgestellt.

Einigen Eingriffen, die der wuchtige Machtpolitiker unbekümmert wagte, ist es zu verdanken, daß einige Peinlichkeiten - etwa eine maßlose Übergröße des Monuments - korrigiert wurden. Der monströse Kitsch der ersten Entwürfe ließ dann auch die Linke erschrecken: Sie sah ein, daß eine erklärtermaßen gegen die „normalen“ Deutschen in die Berliner Erde gesenkte Grabplatte ein Mahnmal ohne Segen bliebe.

Geist der Freiwilligkeit

Und das „steinerne Getreidefeld“, der am Ende siegreiche Entwurf des New Yorker Architekten Peter Eisenman, brachte mit seinem Verzicht auf Belehrung und klare Aussage einen heilsamen Streit zwischen „Ästheten“ und „Mahnern“ in Gang.

Um ein Haar wäre - der ehemalige Kulturminister Naumann wollte es so - das bedeutungsoffene, ja fast bedeutungslose Stelenfeld um ein komplettes geschichtsdidaktisches Belehrungszentrum ergänzt worden, das Eisenmans Kunstwerk zum Ornament einer gewaltigen Erziehungsanstrengung herabgewürdigt hätte. Doch dann kam der Schritt ins Freie: Aus dem anklagenden Mahnmal wurde ein Denkmal, das an die Opfer erinnert. Ein Denkmal, das den Geist der Freiwilligkeit atmet.

„Wozu noch Welt?“

Es wird in dem Denkmal keine Führungen geben. Unter der Erde befindet sich am Rande des Feldes ein schlichtes Informationszentrum, das die Kühle des Denkmals insofern fortführt, als es in bewußter Personalisierung Informationen über die Opfer nur bereitstellt. Da genügt es, wenn in einem Raum in langsamer Abfolge jeweils ein Name eines Ermordeten und seine Lebensdaten an die vier Wände projiziert werden: Desider Weinheber, 1924-1942; aus dem Lautsprecher ist unterdessen ein kurzer, sich auf Daten beschränkender und ganz auf Pathos verzichtender Lebenslauf zu hören.

In einem anderen Raum leuchtet aus dem Boden ein Zitat des aus Mähren stammenden Schriftstellers und Journalisten Oskar Rosenfeld, der die Chronik des Ghettos von Lodz mitverfaßt hat und im August 1944 in Auschwitz ermordet wurde: „Wenn so etwas möglich war, was gibt es dann noch? Wozu noch Krieg? Wozu noch Welt?“

Das Informationszentrum hat nichts Mächtiges, es ist wie versteckt. So kommt es dem trapezförmigen Stelenfeld nicht in die Quere. Leichthin betritt man die Wege: so viel Stein, doch kaum Schwere; so viel Grau, doch keine Trostlosigkeit. Eine wohlkalkulierte Unordnung herrscht hier. Sieht man genau hin, neigen sich die mächtigen, kantigen Stelen mal dahin, mal dorthin, sie haben größere und kleinere und manchmal kaum wahrnehmbare Schrägen. Die Stelen bilden ein Gesamt, jede von ihnen aber ist ein Unikat.

Steinerner Garten für alle

Erst auf die Mitte zu werden die Stelen höher, man taucht in den Steinwald ein. Fühlt man sich anfangs, auf die noch flachen Stelen herabblickend, sicher, kommt leises Unbehagen auf, wenn die Schritte zwischen den hohen Stelen ein wenig zu hallen beginnen. Doch das verliert sich schnell wieder, denn es geht wieder nach oben, nach draußen. Mitten in der lauten Berliner Stadtlandschaft gelegen, ist das Stelenfeld doch auch entrückt. Der Ort der Besinnung hat aber nichts Sakrales, der Besucher ist nicht weggeschlossen.

Und wenn man die Wellen und Schrägen des Feldes durchläuft, versteht man, warum der erfindungsreiche Eisenman auch von einem wogenden Getreidefeld gesprochen hat. Der strenge Stein hat etwas Mahnendes, hat etwas von einem Friedhof, und die flachen Stelen am Rande wirken mitunter wie lose abgestellte Sarkophage. Dennoch ist das Ganze ein Ort ohne Schwere, ohne schwarzen Kitsch, fast ein locus amoenus, ein steinerner Garten für alle.

Eine „Kranzabwurfstelle“, ein „Reichsopferfeld“ wird daraus wohl nicht werden. Ein deutsches Nationaldenkmal aber überraschenderweise doch. Daß hier nicht stolz unserer Helden, sondern der sechs Millionen ermordeter Juden - doppelt so viele Menschen wie Berlin heute Einwohner hat - gedacht wird, macht das Stelenfeld dennoch nicht zu einem düsteren Ort, an dem das falsche Pathos der Zerknirschtheit das Sagen hätte. Dazu ist es zu unabgeschlossen. Es strahlt eine Ruhe ohne volkstrauerhafte Düsternis aus.

Höchst übersichtliches Labyrinth

So still, wie es jetzt noch ist, wird das Denkmal nicht bleiben. Die Stelen, die manchmal wie Tempelsäulen wirken, bilden auch ein Labyrinth, das mit seinen gerade gezogenen Schächten zugleich höchst übersichtlich ist. Kinder werden hier spielen wollen, Verstecken zum Beispiel. Das abrupte Auftauchen und Verschwinden, das Vorbeihuschen von Menschen wird eine unwirkliche Atmosphäre erzeugen.

Und es wird sich zeigen müssen, ob das Wagnis des L'art pour l'art, welches die Denkmalbauer eingegangen sind, aufgehen wird: Ob die Bedeutung, die ganz lose an das Feld geheftet ist, haften bleiben wird. Oder ob - schon in fünf oder zehn Jahren - die Leute darauf gestoßen werden müssen, daß dieses Kunstwerk mehr sein sollte als eine aparte Unterbrechung des tourismusflirrenden Alltags im Berliner Regierungsviertel.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.05.2005, Nr. 17 / Seite 3
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