14.11.2003 · Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, hat die Entscheidung, Degussa weiter am Bau des Holocaust-Mahnmals zu beteiligen, als „unbefriedigend“ bezeichnet: „Dies hinzunehmen, fällt uns außerordentlich schwer.“
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat die Entscheidung, das Chmeiunternehmen Degussa weiter am Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin zu beteiligen, als „unbefriedigend“ bezeichnet. „Dies hinzunehmen fällt uns außerordentlich schwer“, erklärte Zentralrats-Präsident Paul Spiegel am Freitag in Berlin.
Die am Donnerstag abend getroffene Entscheidung der Stiftung für das Mahnmal gehöre „aber anscheinend unvermeidlich zum Prozeß der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit“. Der Zentralrat respektiere die Entscheidung. Ein Ausschluß von Degussa hätte möglicherweise das ganze Projekt zum Scheitern gebracht, unterstrich Spiegel. Durch die Beteiligung von Degussa würden die Gefühle einzelner Shoa-Überlebender verletzt. Die Debatte darum müsse als Teil der Denkmalskontroverse dokumentiert werden, forderte Spiegel. Degussa hatte 42,5 Prozent an der Degesch besessen, die das Giftgas Zyklon B für die Vernichtungslager geliefert hatte,
Ohne formale Abstimmung
Das Kuratorium hatte sich mehrheitlich entschieden, den Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas unter den bisherigen Bedingungen mit allen bislang beauftragten Firmen fortzusetzen. Der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung für das Mahnmal, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), hatte nach der Sitzung des Gremiums in Berlin mitgeteilt, die Entscheidung sei im Kuratorium ohne formale Abstimmung gefallen.
Das Denkmal dürfe nicht Teile der Gesellschaft ausschließen, sagte Thierse zur Begründung. Außerdem wäre die Finanzierung in Gefahr geraten, wenn das Denkmal ohne Degussa-Beteiligung errichtet werden sollte. Ein Ausschluß von Degussa hätte zu erheblichen Mehrkosten geführt. Es habe lange und sehr ernsthafte Diskussionen in den Kuratorium gegeben.
Bau wird fortgesetzt
Am Montag soll die Produktion und Beschichtung der 2700 Stelen wieder aufgenommen werden, aus denen das Denkmal bestehen wird. Der Generalunternehmer reagierte erleichtert auf den Entschluß des Stiftungskuratoriums, nach dreiwöchiger Bauunterbrechung mit allen bislang beteiligten Firmen weiterzubauen, also auch mit Degussa und Bayer. Von Degussa stammen ein Betonverflüssiger für das Fundament und der Graffitischutz der Stelen. In den Stelen ist nach Angaben von Thierse, außerdem ein Produkt von Bayer verarbeitet, eines Nachfolgeunternehmens der IG Farben. Auch der Architekt Peter Eisenman begrüßte die Entscheidung
Als wichtig wurde von Teilnehmern der Kuratoriumssitzung der Beitrag Michael Blumenthals angesehen, der das Berliner Jüdische Museum leitet. Blumenthal habe deutlich gemacht, daß die Einstellung zur Beteiligung belasteter Firmen am Mahnmal nichts damit zu tun habe, ob man persönlich zu den Hinterbliebenen der Opfer der Judenvernichtung gehört. Blumenthal habe gesagt, er könne nicht für alle Juden sprechen. Ihm persönlich widerstrebe die Beteiligung belasteter Firmen am Bau des Mahnmals nicht, zumal Degussa sich um die Aufarbeitung seiner historischen Verstrickung bemühe.
„Politisch-moralisches Projekt“
Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner, bekräftigte seine Haltung, daß die Degussa nicht am Mahnmalbau mitwirken sollte. Er werde jedoch andere Entscheidungen respektieren. Spiegel und sein Stellvertreter Korn nahmen an der Sitzung nicht teil. Thierse habe argumentiert, daß „ein bißchen Degussa" am Mahnmal nicht möglich sein werde. Wenn man, was vergaberechtlich riskant sei, belastete Firmen ausschließe, werde das Mahnmal wohl nicht gebaut werden. Dem hätten sich im Laufe der Debatte die meisten angeschlossen. Es sei in der langen Geschichte des Mahnmalbaus nicht einmal gefordert worden, bestimmte Firmen von der Beteiligung an diesem „politisch-moralischen Projekt“ auszuschließen.
Thierse sagte, die Entscheidung sei im Respekt vor denen gefallen, „die aus existentiellen emotionalen Gründen die Beteiligung solcher Firmen nicht gutheißen können". Die Kontroverse wird im „Ort der Information" unter dem Stelenfeld dokumentiert.
Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, zeigte sich nach der Entscheidung erleichtert und besorgt zugleich. Es sei wichtig, daß das Mahnmal gebaut werde, sagte sie und fügte hinzu: „Für mich ist die Vorstellung fürchterlich, daß jüdische Menschen und Nachkommen von Holocaust-Opfern nicht zu diesem Denkmal kommen. Ich hoffe, daß sich das verwächst.“