31.10.2003 · Manfred Köhler
Nicht viele deutsche Manager können davon berichten, von alten Frauen in der Ukraine aus Dank weinend umarmt worden zu sein. Michael Jansen hat das erlebt, wenn er sich wieder einmal auf einer Reise davon überzeugte, daß die früheren Zwangsarbeiter des "Dritten Reiches" auch wirklich die ihnen zugesagte Entschädigung erhalten. Eineinhalb Millionen Menschen haben in den vergangenen Jahren Geld von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" bekommen, weil sie im Krieg verschleppt und zur Arbeit für die Deutschen gezwungen worden waren. Mit Jansen steht ein Industriemanager in historischer Mission an der Spitze der Stiftung: Bevor er im September 2000 zu ihrem Vorsitzenden gewählt wurde, war er Generalbevollmächtiger der Degussa AG, zuständig für internationale Konzernaufgaben.
Es war kein Zufall, daß ein Mann der Degussa diese Aufgabe übernahm. Der Konzern, der 2001 seinen Sitz von Frankfurt nach Düsseldorf verlegte, beschäftigt sich seit einigen Jahren ausführlich mit seiner Vergangenheit, zu der auch die Beteiligung in Höhe von 42,5 Prozent an dem Unternehmen Degesch zählt, deren Schädlingsbekämpfungsmittel ZyklonB zur Ermordung von Juden in Auschwitz sowie anderen Konzentrationslagern der Nationalsozialisten mißbraucht wurde.
Bedauern über Entscheidung
Jansen hofft, daß in der Frage, ob ein Produkt seines früheren Arbeitgebers die Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals vor Schmierereien schützen soll, das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: "Wenn der Bundestag entschieden hat, ein Mahnmal zu bauen, kann man nicht Teile der heutigen Gesellschaft ausschließen." Der Leiter der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Steinbach, forderte gestern eine Aufhebung des Baustopps, ebenso das Unternehmen Geithner Bau, das das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas errichtet. Andernfalls, so hieß es, drohten der Firma wie auch der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" große wirtschaftliche Schäden. Hingegen bekräftigte die Vorsitzende des Fördervereins für das Mahnmal, Rosh, man dürfe sich über die Argumente von Holocaust-Opfern nicht hinwegsetzen. Auch der Berliner Bausenator Strieder (SPD), der Kuratoriumsmitglied ist, meinte, die Degussa könne am Bau nicht beteiligt werden, wenn Hinterbliebene der Judenvernichtung dies als belastend empfinden sollten. Das Stiftungskuratorium wird voraussichtlich am 13. November zu einer Sondersitzung zusammentreten.
Die Degussa selbst hatte am Dienstag Bedauern über die Entscheidung des Stiftungskuratoriums geäußert und hervorgehoben, den 48000 Mitarbeitern des Konzerns, unter denen auch Angehörige des jüdischen Glaubens seien, lasse sich dies nur schwer erklären. Das Unternehmen, das wegen eines wiederholten Umbaus des Konzerns ohnedies nur noch wenig mit der gleichnamigen Firma der vierziger Jahre verbindet, sieht sich in ein falsches Licht gerückt. Eine Sprecherin verweist darauf, daß man sich auf verschiedene Weise mit seiner Vergangenheit auseinandersetze. 1997 beauftragte die Degussa den Historiker Peter Hayes von der Northwestern University in Evanston, Illinois, mit der Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte im Nationalsozialismus, dessen Buch in einem Jahr veröffentlicht werden soll; der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Ralf Banken arbeitet zudem an einer Geschichte der Devisenbewirtschaftung in den Jahren vor 1945 - ein besonders heikles Kapitel, weil Gold und damit auch Raubgold aus jüdischem Besitz, das unter anderem von der Degussa verarbeitet worden war, einen wichtigen Devisenbringer der Nationalsozialisten darstellte.
Gründungsmitglied der Stiftungsinitiative
Zudem zählte die Degussa 1999 mit elf anderen Unternehmen zu den Gründungsmitgliedern der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft, die unter einigen Mühen 2,5 Milliarden Euro für die Entschädigung der früheren Zwangsarbeiter aufbrachte. Jansen berichtet schließlich, schon drei Jahre zuvor habe es das Unternehmen auf jüdischen Wunsch hin gefördert, das Bremer Schulklassen auf dem alten jüdischen Friedhof im polnischen Lodz Grabsteine wieder aufgestellt und die Gräber gepflegt hätten.
Es sind nur wenige Konzerne in Deutschland, die sich hinsichtlich der Beschäftigung mit ihrer Geschichte in einem Atemzug mit der Degussa nennen lassen. Die Volkswagen AG zählt dazu, die schon in den achtziger Jahren unabhängige Historiker mit der Aufarbeitung der Zwangsarbeit in ihren Werken beauftragte, Bertelsmann und BASF. Als vorbildhaft haben sich auch die Frankfurter Großbanken erwiesen, die ganze Historikerkommissionen beauftragten, anhand der eigenen Archivalien wissenschaftliche Darstellungen zu verfassen. Der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe attestiert der Degussa, zu einem kleinen Kreis von zehn, zwölf Firmen in Deutschland zu zählen, die die Erforschung der eigenen Geschichte im Nationalsozialismus offensiv betrieben hätten: "Es ist kein Unternehmen, das ein Interesse daran hat, irgend etwas zu verschweigen."
Generationswechsel in Führungsetagen
Lange genug hat es freilich auch bei der Degussa gedauert. Die Degesch-Beteiligung war zwar niemals vergessen worden, doch erst in den neunziger Jahren rekonstruierten Historiker, daß die Degussa als größte deutsche Edelmetall-Scheideanstalt seinerzeit Gold und Silber aus dem Besitz jüdischer Bürger schied, sogar Zahngold von Ermordeten, daß sie außerdem von "Arisierungen" profitierte und schließlich Zwangsarbeiter einsetzte. Jansen führt die Offenheit der vergangenen Jahre bei der Degussa wie auch bei anderen Unternehmen auf einen Generationswechsel in den Führungsetagen zurück: Zunächst hätten noch jene das Sagen gehabt, die die Konzerne auch im "Dritten Reich" geführt hätten, doch auch die zweite Generation sei noch befangen gewesen. Hinzu kam, daß auch in den Konzernvorständen bemerkt wurde, wie sehr es dem Ansehen eines Unternehmens schadet, wenn es sich seiner Geschichte verschließt. Am Beispiel der Degussa AG läßt sich indes dieser Tage erfahren, daß auch mit Offenheit ein Freispruch nicht zu erlangen ist.