Home
http://www.faz.net/-gpf-pzj1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Holocaust Gedenktag Die Mahnung der Zeitzeugen

27.01.2005 ·  60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sind nochmals Überlebende an den Ort des Leidens zurückgekehrt. Ein letzter Blick auf die grausame Vergangenheit, die „niemals vergessen“ werden soll - eine schwierige Aufgabe.

Von Konrad Schuller, Auschwitz
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Am Donnerstag, seinem achtundsiebzigsten Geburtstag, stand Abraham Zelek still vor dem Krematorium Nummer II, das er selbst als Gefangener vor mehr als sechs Jahrzehnten mitgebaut hat. Er blickte in die Flämmchen der ewigen Lichter, die für diesen Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz auf den gesprengten Ruinen entzündet wurden, und beobachtete im sinkenden Licht des Tages, wie weiche, dichte Schneeflocken die Spuren des größten Verbrechens bedeckten, das in den Annalen der Menschheit verzeichnet ist.

Abraham Zelek, ehemals Häftling Nummer 74790 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ist einer von vielen, die am Donnerstag, als der Befreiung des Lagers durch die sechzigste Armee der sowjetischen ersten Ukrainischen Front gedacht wurde, an den Ort seines Leidens zurückgekehrt ist. Gut tausend seiner Leidensgenossen hat die polnische Regierung eingeladen, Zeugnis abzulegen von den Verbrechen, die hier von deutschen Nationalsozialisten begangen wurden. Zeugnis ablegen - das kann die Form der öffentlichen Ansprache im Festakt annehmen, wie bei der jüdischen französischen Politikerin Simone Veil oder dem früheren polnischen Außenminister Wadysaw Bartoszewski. Es kann aber auch privater geschehen, stiller.

Der letzte Blick auf Auschwitz

Man hat am Donnerstag in Auschwitz alte Männer gesehen, die mit erhobenem Haupt laut deklamierend den Stacheldrahtzaun entlangschritten und ihr Bekenntnis, ihre Erinnerung einfach dem Wind anvertraut haben. Schnell herbeieilende Fernsehteams nahmen sie auf. Andere haben durch ihre Anwesenheit ihre Stimme erhoben, um das Versprechen der Überlebenden an die Toten zu bezeugen: „Wir werden euch nicht vergessen.“ Sie standen da an den Gleisen der Selektionsrampe von Birkenau - und schwiegen.

Für viele, die heute gekommen sind, wird es der letzte Blick auf Auschwitz gewesen sein, den Ort, der ihr Leben geprägt und viele Familien ausgelöscht hat. Beim nächsten runden Jahrestag, 2015, wird kaum jemand übrig sein, der aus eigener Anschauung bezeugen könnte, daß an diesen Gleisen wirklich jeden Tag Tausende „selektiert“ wurden, um danach entweder in den sofortigen Gastod oder in ein elendes Leben als langsam zugrunde gehender Arbeitssklave geschickt zu werden. Niemand wird die Hand heben können, um zu beschwören, daß die beiden bizarren Haufen gesprengter Betontrümmer rechts und links vom Gleis - dort, wo am Donnerstag Abraham Zelek stand - wirklich für mehr als eine Million Menschen das letzte waren, was sie auf dieser Erde sahen.

Das Versprechen einlösen

Die Bilder in den Köpfen der Überlebenden werden bis 2015 weitergegeben und ihre Geschichten erzählt sein müssen, wenn das Versprechen, „nie zu vergessen“, auch in kommenden Generationen eingelöst werden soll. Soll Auschwitz, das Zeugnis des totalen Todes, für die Lebenden bewahrt werden, dann muß der Staffelstab der Erinnerung sicher übergeben werden, ohne zu Boden zu fallen.

Wie bewahrt man aber ein Todesmahnmal in einer lebenden Welt? Von Anfang an war es das Dilemma der Gedenkstätte Auschwitz, daß - während sie beharrlich an den Tod von 1,1 Millionen Menschen erinnerte - das Leben in ihr mit aufreizender Unbekümmertheit seine Rechte forderte. Die kleinen Pappeln, welche die Gefangenen in den Jahren des Krieges rechts und links der Lagerstraßen pflanzten, sind Jahr für Jahr gewachsen. Mittlerweile sind manche von ihnen mächtige, charaktervolle Baumriesen, denen es nichts ausmacht, dem Lager im Sommer einen beinah idyllischen Charakter zu geben.

Ein weiterer Weg

Später forderte das Leben vor allem in Form von Zerfallsprozessen seinen Tribut. Wild zernagte das Holz der Baracken, Moos zersetzte den Mörtel der gesprengten Krematorien. Müll und später Graffiti begannen den Teil der Anlagen zu überziehen, der nicht in den Komplex der Gedenkstätte aufgenommen worden war, etwa die zerfallenen Lagerhäuser an der „alten Judenrampe“, wo die Todesauslese stattfand, bevor jenes Stichgleis mit dem weltbekannten Torturm entstand, an dem am Donnerstag die Gedenkfeiern gehalten wurden.

In jüngster Zeit hat das Leben einen weiteren Weg gefunden, Auschwitz langsam und beharrlich zurückzufordern: Tausende von Besuchern ritzten heimlich Botschaften in die Zaunpfähle und Barackenwände: das verpflichtende „never forget“ natürlich, die häufigste Inschrift, aber auch die alte ewiggleiche Botschaft aller Zaunritzer: Name, Stadt, Tag oder „Daniel und Sylwia“, von einem Herzen umfaßt, in Baracke 9, Bauabschnitt B1B, gleich unter dem in Fraktur geschriebenen Nazi-Befehl: „Sauber sein ist deine Pflicht.“ Das Leben treibt sein unbekümmertes Wesen, will vom Sterben nichts wissen, selbst hier nicht. „Niemals vergessen“, das ist ein Paradoxon, wenn es sich auf die Erinnerung der Lebenden an den unumschränkten Tod bezieht - ist doch gerade das Vergessen die letzte, endgültige Konsequenz des Sterbens.

Unterschiedliche Konzepte

Die Institution, welcher die Aufgabe zugefallen ist, mit diesem Paradoxon täglich umzugehen und den Lebenden das Zeugnis des Todes zu bewahren, ist das vom polnischen Staat betriebene „Staatliche Museum Auschwitz in Oswiecim“. Umsichtig und undogmatisch versieht es seine Aufgabe, konfrontiert mit gegensätzlichen Forderungen, sorgfältig bemüht, allen gerecht zu werden.

Unterschiedliche Konzepte stehen gegeneinander. Da gibt es die einen, welche fordern, den „Friedhof Auschwitz“ dem Gang der Zeit zu überlassen, den langsamen Verfall des Lagers nicht aufzuhalten zu suchen und die menschlichen Überreste würdig zu bestatten - etwa die erschütternden Haare der ermordeten Frauen, die unmerklich zu entfärbten Filzbergen zusammengewachsen sind.

„Schlag ins Gesicht für alle“

Andere wollen das Gegenteil: Der französische Historiker Jean-Claude Pressac zum Beispiel verlangt, zumindest eine der gesprengten Gaskammern samt Krematorium wieder aufzubauen, als „Schlag ins Gesicht“ für alle, die Auschwitz immer noch leugnen. Der Auschwitz-Überlebende Mel Mermelstein hat der Museumsverwaltung kürzlich vorgeschlagen, die Ruinen der Tötungsanlagen mit einer transparenten Kuppel zu bedecken. Das Museum zögert mit seinen Entscheidungen. „Wir scheuen uns, die Überreste zu berühren“, sagt etwa der Leiter der Forschungsabteilung, Franciszek Piper: „Wir scheuen uns vor den Gaskammern.“

So hat man in den vergangenen Jahren stets versucht, so wenig wie möglich einzugreifen. Die wie ein Kartenhaus eingestürzten Ruinen der gesprengten Krematorien hat man schon vor längerer Zeit durch ein diskretes System von Stahlträgern vor der endgültigen Einebnung durch Frost und Regen zu bewahren versucht. Dennoch liegen die Trümmer geradezu atemberaubend schutzlos unter offenem Himmel. Jeder kann sie berühren, und oft genug kommt es vor, daß Überlebende, dem verständlichen Drang des Erinnerns folgend, ein Steinchen, ein Mörtelstück mitnehmen - und gerade damit das Geschäft des Auslöschens vorantreiben.

Symbolische Unmöglichkeiten

Das Museum greift nicht lautstark ein bei solchen Fällen. „Wir bitten die Leute dann höchstens ganz leise, das Stück doch lieber dazulassen, als Zeugnis für alle anderen“, sagt Andrzej Kacorzyk von der Bildungsabteilung. Auch die sich ausbreitenden Ritzwerke an den Baracken läßt man bestehen. Nur antisemitische Parolen - auch die gibt es immer wieder - werden diskret entfernt. Das zerfallende Haar in einer Glasvitrine versucht man durch Desinfektion zu erhalten, ein scharfer chemischer Geruch erfüllt deshalb die Luft in den Ausstellungsräumen. Doch auch hier stößt die Museumsverwaltung überall auf symbolische Unmöglichkeiten: Ausgerechnet durch „Desinfektion“ soll das Denkmal wider den Tod am Leben erhalten werden. Zyklon B, das Mordgas der Krematorien, war ein Insektenvertilgungsmittel.

Das eindrücklichste Bild von der Beharrlichkeit des Lebens in Auschwitz hat am Donnerstag abend Abraham Zelek geboten. Gerade noch in Betrachtung der Ruine vor ihm versunken, drehte sich der alte Herr plötzlich um und rannte auf den nächstbesten Passanten zu. Gestikulierend, lachend, weinend, immer aber redend, faßte er ihn am Arm, erzählte seine Geschichte, in den Sprachen, deren er mächtig ist, polnisch, hebräisch, englisch und natürlich deutsch. Er entblößte seinen Unterarm und zeigte seine Tätowierung wie ein Beweismittel. Er erzählte von den Bautrupps, zu denen er 1942 gehörte, als das Krematorium II errichtet wurde. Er erzählt von seiner Familie, von der niemand überlebte. Dann wandte er sich ab und verschwand in der Dunkelheit, immer noch lachend, weinend, redend.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

Jüngste Beiträge

Konfrontation

Von Markus Bickel

Mit dem Urteil gegen Mubarak hat sich Ägyptens Justiz noch lange nicht von dessen jahrzehntelanger Herrschaft befreit. Seine Söhne und Sicherheitsbeamte gingen straffrei aus. Das wirkt wie ein Zugeständnis an eine Restauration der alten Herrschaft. Mehr