Home
http://www.faz.net/-gpf-74nne
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Holm Sundhausen: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943-2011. Ohnmächtig ist der böse Mann allein!

Jugoslawien ging nicht nur wegen seiner Eliten unter, sondern auch, weil sich der Vielvölkerstaat nach Titos Tod einfach selbst überlebt hatte.

© Archiv Vergrößern Tito und John F. Kennedy in Washington Oktober 1963

In seiner Geschichte Jugoslawiens beschäftigt Holm Sundhaussen vor allem eine Frage: Wer ist schuld, dass der Vielvölkerstaat unterging? Die Spurensuche beginnt im Jahr 1943, als Titos Partisanen einen sozialistischen Föderalstaat ausriefen. Der Autor erläutert die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, er schildert Opfer-Diskurse und kommunistischen Vergeltungsterror. Der kriegsmüden Bevölkerung erschien das Zusammenleben in einem neuen Jugoslawien gleichwohl als das kleinere Übel. Das sozialistische Selbstverwaltungssystem deutet er als ein kühnes Experiment, das insoweit gelang, als Nationalitätenrechte, Blockfreiheit, Öffnung nach Westen und Industrialisierung zu Bezugspunkten einer gemeinsamen jugoslawischen Identifikation wurden. Aber auch innere Widersprüche taten sich auf. Verteilungskämpfe und unerfüllte nationale Forderungen schürten Konflikte und vereitelten grundlegende Reformen. Als Tito 1980 starb, war Jugoslawiens Wirtschaft marode.

Die finale Krise des Staates in den achtziger Jahren sieht der Autor in erster Linie durch wirtschaftliche Faktoren wie Schuldenkrise, Fehlinvestitionen und Reformstau verursacht. Dennoch: Jugoslawien hätte mit der Ende 1989 in Gang gesetzten Schocktherapie von Ministerpräsident Ante Markovic noch gerettet werden können, hätte die Politik das Projekt nicht absichtsvoll konterkariert. Entgegenzuhalten wäre (abgesehen von der Überlegung, dass dies möglicherweise gar nicht wünschbar gewesen wäre), dass der Staat bereits seit langem dabei war, sich auch politisch, institutionell und psychologisch zu verflüchtigen und dass die Maßnahmen ganz sicherlich viel zu spät kamen.

Mit seiner zentralen These gibt sich Sundhaussen als Intentionalist der alten Schule zu erkennen: Es waren die Eliten, die in den achtziger Jahren den Staat zugrunde richteten und das Volk manipulierten. Folgt man dem Autor, der ein verbreitetes Narrativ aufnimmt, lag der Ursprung allen Übels in Serbien, wo der Kosovo-Konflikt dräute, alte Feindbilder und nationale Hysterien florierten, und wo sich Slobodan Milosevic 1987 an die Spitze der Parteinomenklatur putschte, um später die Autonomie Kosovos und der Wojwodina abzuschaffen. Danach wollte er eventuell Slowenien aus dem Gesamtstaat herausdrängen, spielte aber auch mit der Option eines Militärputsches. Zu beidem kam es jedoch nicht. Stets trieben ihn keine ideologischen Motive, sondern Psychopathologie und Machtinstinkt. Durch die Kontrolle der Medien und Massenmeetings nahm er die Bevölkerung für sich ein, und Sundhaussen meint, dass dadurch die mentale Grundlage zur Führung eines gerechten Krieges in der Bevölkerung gelegt worden sei. Serbien „an sich“ sei das zentrale Problem gewesen. Doch überall auf der Welt ließen sich Menschen durch manipulative Machenschaften für alles Mögliche begeistern. Große Teile der (serbischen) Gesellschaft hätten unter dem propagandistischen Beschuss ihrer Führer schließlich kollektiv den Verstand aufgegeben.

Nun mag niemand bezweifeln, dass serbische Politik in den achtziger Jahren maßgeblich für die Zerrüttung der Beziehungen zwischen den Republiken verantwortlich war. Aber diese Art der Entdifferenzierung wirkt in einem wissenschaftlichen Werk verstörend. Denn keineswegs war die ganze Gesellschaft einem dumpfen Nationalismus und Hurrapatriotismus verfallen, und das Buch gibt hierauf auch Hinweise. In allen Landesteilen nahm in den 1980er Jahren der Nationalismus zu. Das durch den Zusammenbruch des Sozialismus entstandene Vakuum wurde mit neuen Identitäts-, Deutungs- und Sinngehalten gefüllt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.01.2013, 15:21 Uhr

Kampf für Hongkong

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Demonstrationen in Hongkong stellen die Führung in Peking unzweifelhaft vor eine Herausforderung. Jetzt muss sich erweisen, wie klug und lernfähig sie tatsächlich ist. Mehr 10 13