05.11.2003 · Nach der Entlassung von Brigadegeneral Reinhard Günzel, dem bisherigen KSK-Kommandeur, wird auch in der Unionsfraktion die Kritik an Martin Hohmann lauter. Dem CDU-Abgeordneten wurde bislang lediglich eine Rüge erteilt.
Reinhard Günzel, der bisherige KSK-Kommandeur, der nun von Verteidigungsminister Struck in den Ruhestand versetzt wurde, hat im Heer den Ruf, ein Offizier zu sein, der geradeheraus seine Meinung sagt. Dadurch fiel er bereits kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf, als er in einem Pressegespräch davon abriet, den Terroristenführer Usama Bin Ladin in den afghanischen Bergen mit Spezialkräften zu verfolgen, weil dies „ein Blutbad" werden könnte, denn Spezialeinheiten seien nur mit leichten Waffen ausgerüstet.
Diese Äußerung, die Günzel als Kommandeur ders Kommando Spezialkräfte zu einem Zeitpunkt abgab, als sich der Einsatz seiner Einheit zu dieser Aufgabe noch nicht abzeichnete, erregte damit dennoch die Verärgerung seines damaligen Verteidigungsministers Scharping, der sich ob der Äußerung des Generals „Prüfungen" vorbehielt. Günzel, der aus der Fallschirmjägertruppe hervorgegangen ist und bei der Bundeswehr Geschichte studiert hat, hat sein derzeitiges Kommando 2001 übernommen. Eine weitere Verwendung des 59 Jahre alten Soldaten war nicht vorgesehen.
„Einer unserer besten Leute“
Seine Entlassung hat ein durchweg zustimmendes Echo gefunden. Der CDU-Außenpolitiker und ehemalige Verteidigungsminister Rühe sagte, Struck habe „im Interesse der Bundeswehr richtig gehandelt". Der FDP-Fraktionsvorsitzende Gerhardt nannte die Entlassung "unausweichlich", die Grünen-Fraktionsvorsitzende Sager sprach von einem richtigen Schritt.
Der Verteidigungspolitiker Raidel (CSU), Obmann der Union im Verteidigungsausschuß, griff seinen Fraktionskollegen Hohmann scharf an und legte ihm - wie Politiker von Rot-Grün, wenn auch aus nahezu entgegengesetzten Gründen - den Rückzug aus dem Bundestag oder der Fraktion nahe. Der „Mitteldeutschen Zeitung" sagte er: „Hohmann hat Günzel auf dem Gewissen, die Veröffentlichung des Briefes ist ein persönlicher Vertrauensbruch. Der General war einer unserer besten Leute. Hohmann sollte sich jetzt überlegen, ob er nicht von sich aus geht. Er muß sich jedenfalls an die Nase fassen, was er mit der Veröffentlichung des Briefes angerichtet hat." Günzel sei „beim besten Willen kein Rechtsradikaler, aber „ein Mensch mit Grundsätzen".
Nach den Worten Strucks habe Günzel offenbar nicht damit gerechnet, daß der Brief veröffentlicht werde, was freilich nichts entschuldige. Der Verteidigungsexperte der SPD im Bundestag, Rainer Arnold, forderte in der „Financial Times Deutschland", zu prüfen, wie Günzel mit seiner Einstellung zum General aufsteigen konnte: „Es muß kritisch geprüft werden, wie ein Mensch mit einer solchen Denkstruktur Brigadegeneral wird - gerade in einer Eliteeinheit.“ Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Reinhold Robbe (SPD) : „Wenn wir noch mehr solcher Leute in der Bundeswehrführung finden, dann haben wir ein Problem.“
„Ein ausgezeichnete Ansprache“
In dem Brief in dem Günzel Hohmann für die Übersendung des Vortrags zum Nationalfeiertag dankt, heißt es laut ZDF: „Für Ihren Vortrag zum Nationalfeiertag bedanke ich mich sehr herzlich. Ein ausgezeichnete Ansprache - wenn ich mir dieses Urteil erlauben darf -, wie man sie mit diesem Mut zur Wahrheit und Klarheit in unserem Land nur noch sehr selten hört und liest. Und auch, wenn sich all diejenigen, die sich dieser Auffassung anschließen oder sie gar laut und deutlich artikulieren, von unserer veröffentlichten Meinung sofort in die rechtsradikale Ecke gestellt werden, können Sie sicher sein, daß Sie mit diesen Gedanken der Mehrheit unseres Volkes eindeutig aus der Seele sprechen. Ich hoffe, daß Sie sich durch Anwürfe aus dem vorwiegend linken Lager nicht beirren lassen und mutig weiterhin Kurs halten."
Nach Auffassung Strucks hat Günzel das Ansehen der Bundeswehr beschädigt. Doch versicherte der Minister in Berlin zugleich, bei der "abstrusen Auffassung" Günzels handele es sich um einen Einzelfall, es stelle sich nun nicht generell die Frage nach Antisemitismus in der Bundeswehr. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Gertz, trat im Radio zudem Behauptungen über rechtsextremistische Tendenzen in der KSK-Truppe entgegen.
KSK. Keine Ansammlung von "Rambo-Typen"
Das 1996 gegründete Kommando Spezialkräfte ist eine rund tausend Mann starke Gruppe der Krisenreaktionskräfte der Bundeswehr. Zu seinen Aufgaben gehören vielfältige Einsätze in Krisen- und Kriegsgebieten, etwa das Retten und Befreien von Geiseln, der Schutz von Einrichtungen, das Gewinnen von entscheidenden Schlüsselinformationen oder auch die Abwehr von Terror.
Der KSK-Einsatz gegen Taliban und Al Qaida an der Seite amerikanischer Spezialkräfte ist erst kürzlich still beendet worden. Zuletzt war den Kommandosoldaten vor allem die Sicherung der deutschen Isaf-Kräfte oblegen. Aus Sicherheitsgründen vermeidet es die Bundeswehr tunlichst, das KSK in der Öffentlichkeit zu exponieren. Nur der Kommandeur tritt gelegentlich mit Interviews in Erscheinung. Größter Wert in der Außendarstellung wird darauf gelegt, die Einheit nicht als eine Ansammlung von "Rambo-Typen" erscheinen zu lassen.