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Bundeswehr in Afghanistan : Am Ende einer Reifeprüfung

2002 fährt eine Bundeswehr-Patrouille durch Kabul. Bild: dpa

Der Kampfeinsatz in Afghanistan hat die Bundeswehr stärker verändert als jede andere Auslandsmission. Nach 13 Jahren fällt die Erfolgsbilanz durchwachsen aus.

          Das Kundus, das Oberst Bernd Otto Iben einst kennengelernt hat, gibt es nicht mehr. Aber um zu verstehen, warum der Versuch gescheitert ist, dieses halbwegs sicher und optimistisch erscheinende Afghanistan in die Gegenwart zu retten, warum also die am Sonntag nach 13 Jahren zu Ende gegangene Mission der Internationalen Schutztruppe (Isaf) nicht mehr erreicht hat, als sie erreicht hat, lohnt es sich, mit Oberst Iben noch einmal in sein Kundus zurückzukehren.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Friederike Böge

          Redakteurin in der Politik.

          Es ist Juli 2005, als der Kommandeur des dortigen Feldlagers seinen Dienst antritt, wo etwa 320 deutsche und österreichische Soldaten stationiert sind. Die Lage ist ruhig. So ruhig, dass die Soldaten den Standort scherzhaft als Bad Kundus bezeichnen. Es ist die Zeit, als viele Menschen in Kundus den Deutschen noch zuwinken oder den gehobenen Daumen zeigen, wenn sie auf Patrouille vorbeifahren.

          Vier Jahre später werden deutsche Infanteristen der Gegend im Tal des Kundus-Flusses, die Schauplatz mancher Gefechte geworden ist, den Namen „unser Vietnam“ geben. Doch Kommandeur Iben ist noch ohne Schutzweste am Körper und ohne Sanitätsbegleitung unterwegs. Die „Goldene Stunde“, jene spätere Einsatzregel, nach der ein Soldat im Falle einer Verwundung binnen 60 Minuten eine Krankenstation erreichen muss, gilt noch nicht.

          Spötteln über Brunnenbohrer

          Einmal fährt Iben über den Salangpass 350 Kilometer bis nach Kabul. Und zurück. Ein anderes Mal nimmt die Entwicklungshelferin Sybille Schnehage ihn, den Kommandeur, „unter ihre Fittiche“, wie Iben sagt. Zwei, drei Autostunden von Kundus entfernt besuchen sie ein afghanisches Dorf. „Da gab es keine alten Leute“, sagt Iben.

          Die Lebenserwartung sei so gering gewesen, weil es in dem Dorf kein sauberes Trinkwasser gegeben habe. Also bohrte die Bundeswehr einen Brunnen im Dorf. Über die Brunnen bohrenden Soldaten ist damals viel geschrieben worden, meist in spöttischem Ton. Das ärgert Iben bis heute: „Wenn ich in der Presse lese, dass die Bundeswehr ja doch nur zum Brunnenbauen da war und dass das lachhaft war, kann ich nur sagen, für solche Gesellschaften ist sauberes Trinkwasser eine Überlebensfrage.“

          Diese Einschätzung, dass das Erreichte mit deutschen Maßstäben kaum zu bemessen und deshalb in der Heimat nur schwer zu vermitteln sei, teilt Iben mit anderen deutschen Offizieren, die in späteren Jahren das Kommando in Kundus oder das Regionalkommando Nord in Mazar-i-Sharif übernehmen.

          Die deutsche Armee ist britischer geworden

          Oberst Iben sitzt heute in grauer Uniform in seinem nüchternen Büro in Hannover, wo er das Landeskommando Niedersachsen führt. Fast neun Jahre ist es mittlerweile her, dass er Kundus hinter sich gelassen hat. Aber er hat das Land nie aus den Augen verloren. „Weil ich in Afghanistan die interessanteste Zeit meines Lebens verbracht habe.“ Nicht nur Iben und viele andere Soldaten, auch die Bundeswehr als Ganzes hat dieser verlustreichste Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg nachhaltig verändert.

          Er habe die deutsche Armee „normaler“ gemacht – gemessen an einem Vorbild, das die britische oder die französische Armee liefern, also eine vielfältig einsetzbare Expeditionsstreitmacht zu sein. Das sagt nicht nur Iben.

          Ende einer Ära: Der amerikanische Kommandeur der Isaf-Truppen, John Campbell, holt nach 13 Jahren die Fahne ein.
          Ende einer Ära: Der amerikanische Kommandeur der Isaf-Truppen, John Campbell, holt nach 13 Jahren die Fahne ein. : Bild: AFP

          So sehen es auch Generalleutnant Jörg Vollmer, der 2009 und 2013 Kommandeur der internationalen Truppen für ganz Nordafghanistan in Mazar-i-Sharif ist, und Generalleutnant Hans-Werner Fritz, der ab Juni 2010 das Regionalkommando Nord führt. Sie beide lernen ein anderes Afghanistan als Iben kennen, ein gefährlicheres und misstrauischeres.

          „Wir haben mit unseren Mitteln geholfen, die afghanische Gesellschaft zu verändern“

          In den Jahren 2009/2010 erreicht der Kampf gegen die Taliban einen Höhepunkt, anhaltende Gefechte bestimmen das Bild des Bundeswehreinsatzes. Dennoch fällt ihre Bilanz verhalten positiv aus: „Wir haben mit unseren Mitteln geholfen, die afghanische Gesellschaft zu verändern“, sagt Fritz. Und Vollmer meint mit leicht bitterem Unterton, es würden ja oft die Statistiken belächelt, in denen der Erfolg daran gemessen werde, dass die Schulbesuche von Mädchen in Afghanistan so steil gestiegen seien.

          Aber die Aufgabe der Bundeswehr habe am Ende doch genau darin bestanden: „die Sicherheit zu gewährleisten oder zu erkämpfen, damit diese Mädchen zur Schule gehen können“. Die erzielten Fortschritte würden in Deutschland zu wenig gewürdigt.

          „Ein sicheres Umfeld schaffen“, so lautet Ibens Auftrag 2005. Mit Kämpfen, gar Töten, hat das damals noch nichts zu tun. Es gilt, Vertrauen zu schaffen, die „Herzen und Köpfe“ der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Iben kommt aus dem militärischen Nachrichtenwesen, er weiß, wie wichtig Informantenpflege ist.

          Am Anfang mit Notizblöcken unterwegs

          Der Kommandeur nimmt regelmäßig an Versammlungen von Stammesältesten teil, er weiht Schulen ein und nimmt auf den Sofas der Provinzgouverneure und Polizeichefs Platz. Im Kundus Hotel, der schicksten Adresse der Stadt, finden viele Versammlungen über Themen wie Frauenrechte und Katastrophenschutz statt.

          Der Saal ist voll, die Neugier auf das neue politische System – und wie man davon profitieren könnte – ist groß. Und fast immer sind auch deutsche Soldaten dabei, als seien sie Teil des gesellschaftlichen Lebens. Oberst Iben schärft seinen Soldaten ein, so wenig martialisch wie möglich aufzutreten. „Sonst fällt es dem Gegner leichter, einen zu diffamieren.“ Diese Nähe bringt den Deutschen damals viel Lob ein. All das ändert sich, als die Sicherheitslage schlechter wird.

          Noch aber fahren Ibens Soldaten mit gezückten Notizblöcken durch die Dörfer und befragen die Bewohner nach ihren Bedürfnissen. Wegen ihrer bescheidenen Mittel können sie diese allerdings kaum selbst befriedigen, sondern reichen die Wünsche an die Entwicklungshilfeorganisationen weiter. Die wiederum sind nicht begeistert, dass die Bundeswehr ihnen Ratschläge erteilt, wie die Region entwickelt werden soll.

          Wahlen bringen die alten Kräfte an die Macht

          Zivil-militärische Zusammenarbeit ist damals ein heikles Thema. So weigert sich das Entwicklungshilfeministerium (BMZ) jahrelang, den Bau einer Brücke in den Distrikt Chardara zu finanzieren, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, man richte die eigene Entwicklungsstrategie nach den strategischen Bedürfnissen des Militärs aus. Im BMZ hat man andere Vorstellungen, es kommt zu einem Wildwuchs an Projekten. „Mission Creep“ nennt Iben das. Kinderprojekte, Frauenprojekte, Theater, Radio, politische Bildung. „Wir hätten es einfach bei den Basics belassen sollen“, glaubt Iben. Infrastruktur und Wirtschaftsförderung. „Viele wollten diesen westlichen Fortschritt gar nicht.“

          Schon zu Ibens Zeit gibt es erste Anzeichen dafür, dass Unzufriedenheit und Enttäuschung in der Bevölkerung zunehmen. Zu groß sind die Erwartungen, die die versprochenen Millionen geweckt haben.

          In diese Zeit fällt auch die erste demokratische Parlamentswahl in der Geschichte des Landes, die vom Westen als Erfolg gefeiert wird. Dabei bringt sie mehrheitlich ehemalige Kriegsfürsten oder ihre Angehörigen ins Parlament. All jene, die auf ein „neues Afghanistan“ gesetzt haben, sehen sich getäuscht. Auch die Bundeswehr muss bei diesem Spiel mitspielen.

          Starke Taliban führt zum Umdenken

          So muss sie etwa völlig veraltete Waffen entgegennehmen, die ein Warlord medienwirksam abgibt – als Voraussetzung für seine Kandidatur. „In solchen Ländern kommen sie gar nicht darum herum, mit den Kräften umzugehen, die die Macht haben“, sagt Iben. In Kundus herrscht zu jener Zeit ein Polizeichef, über den Schreckensgeschichten im Umlauf sind. „Das haben die Leute auch gesehen, dass wir mit so einem zusammenarbeiten“, sagt Iben. Das Isaf-Mandat sieht die Zusammenarbeit mit staatlichen Partnern vor. Doch die gibt es kaum in einem Staat, der von Drogenbaronen und Milizenchefs durchsetzt ist.

          Als größtes Versäumnis in dieser Zeit erweist sich die schleppende Umsetzung der Sicherheitssektorreform, die den Aufbau von Polizei, Armee und Justiz, die Entwaffnung und den Antidrogenkampf umfasst. Deutschland übernimmt zunächst die Verantwortung als „lead nation“ für den Aufbau der Polizei, doch außerhalb der Polizeiakademie in Kabul gibt es zu Ibens Zeit nur eine Niederlassung mit zwei deutschen Polizisten in Kundus und zwei weiteren in Faisabad.

          Nötig wären Hunderte Polizeiausbilder, die später von den Vereinigten Staaten gestellt werden. Amerika, das zunächst die Verantwortung für den Aufbau der Armee übernimmt, verlagert nach der Invasion im Irak 2003 einen großen Teil seiner Ressourcen dorthin. Erst nach dem Wiedererstarken der Taliban ab 2006 werden erhebliche Anstrengungen unternommen, die afghanischen Sicherheitskräfte auszubilden.

          „Wir haben am Anfang wahrscheinlich viel Zeit verloren“, lautet das rückblickende Urteil von Generalleutnant Vollmer, der 2009 seinen ersten Einsatz als Kommandeur im Norden Afghanistans hat. Die Sicherheitslage hat sich inzwischen rapide verschlechtert. Tausende paschtunische Flüchtlinge sind aus Pakistan nach Nordafghanistan zurückgekehrt und fordern nun ihr von der Nordallianz besetztes Land zurück.

          In ihrem Schatten sickern immer mehr Propagandisten der Taliban in den Norden ein. Als die Kämpfe der Briten und Amerikaner gegen die Taliban im Süden heftiger werden, weicht ein Teil der Aufständischen in den Norden aus. Da die Nato zudem eine zweite Nachschubroute über den Norden einrichtet, steigt die strategische Bedeutung der Region. Die Bundesregierung muss derweil Forderungen der Verbündeten abwehren, deutsche Soldaten auch in den Süden Afghanistans zu schicken.

          Wendepunkt: Selbstmordattentat in Kundus

          Ein erster Wendepunkt ist der 19. Mai 2007, als beim ersten Selbstmordanschlag in Kundus drei deutsche Soldaten getötet werden. In der Folge zieht sich die Bundeswehr immer stärker hinter die Mauern ihres Feldlagers zurück. Die Distanz zwischen den Soldaten und der Bevölkerung wächst. Im Oktober 2007 unterstützen Bundeswehrsoldaten erstmals einen umfassenden Kampfeinsatz, die Operation „Harekate Yolo II“.

          2009 fallen erstmals Bundeswehrsoldaten im Gefecht, erstmals töten Bundeswehrsoldaten Dutzende Feinde. In Kundus haben die Taliban ihren Aktionsradius bis vor die Tore des deutschen Feldlagers ausgedehnt.

          Vollmer hat das Kommando über die alliierten Truppen im Norden an jenem 4. September 2009, an dem in Kundus Oberst Georg Klein den Befehl gibt, zwei von Taliban gekaperte Tanklastwagen durch einen Luftangriff zu zerstören. Bei diesem Angriff am Kundus-Fluss verlieren bis zu 142 Afghanen ihr Leben, darunter auch Kinder.

          Paschtunen gegen Nichtpaschtunen, Milizen gegen Taliban

          In Deutschland wird dieser Tag von vielen als deutlichstes Zeichen für das Scheitern des deutschen Afghanistan-Einsatzes empfunden. Und bei der Truppe? „Das ist ein Vorgang, der für uns alle abgeschlossen ist“, sagt Vollmer bestimmt. Er erinnert an die Untersuchung, die vom Isaf-Oberkommando anschließend veranlasst wird, und an die Nachforschungen, die die Bundeswehr selbst anstellt. Nach allen Ergebnissen habe Klein in der Lage, in der er sich befunden, und mit dem Wissen, welches er gehabt habe, nachvollziehbar gehandelt.

          Vollmer sagt, er glaube nicht, dass der Luftangriff auf die Tanklaster die Einstellung der afghanischen Bevölkerung gegenüber der Bundeswehr ins Feindselige wendete, eher im Gegenteil. Tatsächlich treffen die deutschen Soldaten in diesen Tagen auf Bewohner und Regierungsmitarbeiter, die ihnen wie früher anerkennend den gehobenen Daumen zeigen.

          Darin zeigt sich die komplexe Konfliktlage in Kundus, in der viele Nichtpaschtunen – und ein Gouverneur, der den Tod seines Bruders rächen will – ein härteres militärisches Vorgehen gegen jene paschtunischen Dörfer verlangen, in denen die Taliban Unterschlupf gefunden haben. Komplexer wird die Lage noch dadurch, dass die afghanische Regierung mit Hilfe amerikanischer Spezialkräfte frühere Milizen aus dem Bürgerkrieg reaktiviert, um sie gegen die Taliban kämpfen zu lassen.

          Eroberungen laufen besser als Befriedung

          Der Luftschlag am Fluss beschleunigt derweil den Strategiewechsel der deutschen Militärs: Die Befugnisse der Bundeswehr werden geändert. Der Gebrauch von Waffen bleibt nicht mehr länger auf den Schutz der eigenen Soldaten beschränkt, Gewalt darf gegen die Aufständischen auch offensiv eingesetzt werden, darf auch dazu dienen, Gebiete aus den Händen der Taliban zurückzuerobern.

          Ein Jahr später, im Frühsommer des Jahres 2010, steht Generalleutnant Fritz als Kommandeur im afghanischen Norden die größte Streitmacht zur Verfügung, die in all den Jahren des Einsatzes aufgeboten worden ist: 5000 Bundeswehrsoldaten, 5000 Amerikaner, 1500 Kräfte anderer Nato-Staaten und befreundeter Nationen (unter ihnen Kroaten, Ungarn, Norweger, auch Mongolen und Georgier).

          Bild: F.A.Z.

          Die Amerikaner haben außerdem eine Flotte von Kampf- und Transporthubschraubern mitgebracht. „Das war schon ein Game-Changer“, sagt Fritz rückblickend, dieser Aufwuchs an Truppen habe die militärischen Spielregeln gegen die Aufständischen verändert. Die Verstärkung erlaubt es dem Regionalkommandeur Nord, „offensiv in die Fläche zu gehen“, wie er es formuliert, also gezielt Gebiete in den Blick zu nehmen, aus denen Aufständische vertrieben werden sollen.

          Die Rückeroberung – an der auch immer stärker Soldaten der afghanischen Armee beteiligt werden – funktioniert oft besser als die anschließende dauerhafte Befriedung durch die afghanische Polizei.

          Haubitzen gegen die Taliban

          Dass sich die Berichte über Verluste häufen, dass vor allem die afghanischen Streitkräfte diese Einsätze mit viel Blut bezahlen, will Fritz nicht als Zeichen einer immer prekärer werdenden Sicherheitslage verstanden wissen. Er nimmt es bloß als Indiz dafür, dass die weißen Flecken auf der Lagekarte Afghanistans schrumpften; und er kleidet das in den Satz: „Der Jäger weiß erst, welches Wild im Wald ist, wenn er hineingeht.“

          In der Zeit, in der Fritz das Regionalkommando führt, rüstet auch die Bundeswehr auf. Deutsche Panzerhaubitzen werden auf einen Hügel bei Pul-i-Khumri gehievt, von dem aus sich das wichtigste Straßendreieck im Norden Afghanistans einsehen lässt. Mit der Haubitze werden Mörserstellungen der Taliban beschossen, die zuvor ihrerseits immer wieder versucht hatten, den Verkehr auf der Straße zu unterbinden.

          Es habe in den Kreisen der Bundeswehrführung „anfangs eine gewisse Skepsis geherrscht“, ob die stärkste Artilleriewaffe aus dem Arsenal der Bundeswehr in den afghanischen „Stabilisierungseinsatz“ geschickt werden solle. „Aber als klar war, wir können die erfolgreich einsetzen, da haben diese Zweifel aufgehört“, berichtet der damalige Regionalkommandeur.

          Das scharfe Ende des Soldaten-Lebens

          Darin steckt die zweite Erfahrung der Bundeswehr in Afghanistan: Nachdem sie erfahren hatte, wie es ist, selbst zum Ziel tödlicher Aggression zu werden, machte sie nun erstmals die Erfahrung, andere als Ziel zu begreifen und zu töten. Beides habe eine deutliche Wirkung auf die Soldaten der Bundeswehr gehabt: das Wissen, die eigene Gesundheit und das Leben einsetzen zu müssen, und die Gewissheit, anderen das Leben zu nehmen. Fritz sagt: „In Afghanistan haben wir das scharfe Ende unseres Berufes erreicht.“

          Und Generalleutnant Vollmer, der nach 2009 noch einmal 2013 für ein ganzes Jahr als Regionalkommandeur nach Mazar-i-Sharif zurückkehrte, um den Abzug der Bundeswehr aus Kundus und anderen Standorten zu vollziehen, urteilt: „Aus Afghanistan kommt jetzt eine andere Bundeswehr zurück; mental und ausstattungsmäßig.“ Er will das gar nicht martialisch verstanden wissen, sondern sieht die Kampferfahrungen als eine weitere Kompetenz einer gut geschulten Armee an: Die Herausforderung für die deutschen Soldaten habe darin bestanden, „dass sie immer wieder umschalten mussten zwischen hochintensiven Gefechten und der Rolle als Helfer und als Mentor“.

          Inzwischen besteht die Hauptaufgabe der deutschen Soldaten darin, die afghanischen Sicherheitskräfte zu schulen und zu beraten. Deren gezielter Aufbau wird ab 2009 massiv erweitert, gleichzeitig mit der Offensive, deren Beginn Kommandeur Fritz damals erlebt. Die Stärke der afghanischen Truppen, die ihren Hauptstützpunkt im Norden auch in Mazar-i-Sharif haben, vervielfacht sich in diesem Zeitraum; der kommandierende General des afghanischen Militärkorps, Zalmai Wesa, wird zum vertrauten Partner der Deutschen; fast täglich steht dem Afghanen ein deutscher Offizier als Berater zur Seite.

          9617 Tote in 11 Monaten

          Die traditionelle Händlerstadt Mazar boomt in dieser Zeit, auch dank erheblicher deutscher Mittel, mit denen etwa ein neuer internationaler Flughafen gebaut wird. Die relative Sicherheit der Stadt, die mit eiserner Faust von Gouverneur Atta Mohammad Noor, einem ehemaligen Kommandeur der Nordallianz, geführt wird, zieht Investitionen aus dem ganzen Land an. Deutschland errichtet ein Generalkonsulat in Mazar und signalisiert damit, dass die Unterstützung für Afghanistan auf Dauer angelegt ist.

          In der diesjährigen Kampfsaison – die Afghanen sind inzwischen allein für die Sicherheit verantwortlich – geraten die afghanischen Sicherheitskräfte stärker denn je unter Druck. Mehr als 4600 afghanische Polizisten und Soldaten werden in diesem Jahr nach Nato-Angaben getötet – deutlich mehr als die Zahl der gefallenen internationalen Soldaten seit 2001.

          Auch im Norden, in Kundus etwa, vor allem aber im Süden und Osten des Landes gelingt es den Taliban zwischenzeitlich auch, jenseits ihrer Kerngebiete ihren Einfluss auszudehnen und zahlreiche Distrikthauptstädte zu belagern. Erstmals seit Jahren treten sie wieder in Großformationen von mehreren hundert Kämpfern an. In verlustreichen, zum Teil Monate andauernden Kämpfen werden sie von den afghanischen Sicherheitskräften anschließend wieder zurückgedrängt. Die Gefechte fordern erstmals mehr zivile Opfer als etwa Selbstmordattentate oder Sprengfallen. Nach UN-Angaben steigt die Zahl der in dem Konflikt getöteten und verletzten Zivilisten in den ersten elf Monaten des Jahres auf 9617 – der höchste Wert seit Beginn der Erhebung 2009.

          Jetzt müssen die Afghanen ran

          Generalleutnant Vollmer zieht dennoch eine positive Sicherheitsbilanz: „Es hat seither nicht einen einzigen Tag oder eine Stunde gegeben, in denen die Hauptverkehrsstraßen des Nordens unterbrochen worden wären.“ Die Straßenverbindungen zwischen Kabul und den nördlichen Grenzübergängen sind nicht nur für die Isaf und die afghanischen Sicherheitskräfte, sondern für die afghanische Wirtschaft überlebenswichtig.

          Und Vollmer fährt fort: „Nicht ein einziger Distrikt ist dauerhaft in die Hand von Aufständischen gefallen, in den großen Städten gab es nie einen Zwischenfall, der das Leben ernsthaft unterbrochen hat.“ Und der einstige Regionalkommandeur sieht auch die Zukunft optimistisch: „Die afghanische Bevölkerung hatte noch nie bessere Voraussetzungen als heute.“ Jetzt müssten „die Afghanen selbst daraus etwas machen“.

          Quelle: F.A.Z.

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