Home
http://www.faz.net/-gpf-6wcfo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Hoffnungen für 2012 Der gordische Knoten

2011 ist vorüber, ein vielschichtiges, unbegreifliches Jahr. Groß ist die Sehnsucht, 2012 möge endlich die Wende kommen, die wieder Klarheit in unser Leben bringt. Eine gefährliche Illusion.

© AFP Vergrößern Was wird 2012 bringen? Die Probleme aus dem Vorjahr schleppen wir jedenfalls mit

Noch 356 Tage hat diese Welt. Am 21. Dezember 2012, dem Tag der Wintersonnenwende, wird der Maya-Gott Bolon Yokte vom Himmel steigen, er wird Vulkanausbrüche, Erdbeben und Flutwellen mit sich bringen, dann ist Weltuntergang. So will es eine alte indianische Prophezeiung. Zum Trost: Die paar Maya, die in Südamerika noch ihr Dasein fristen, glauben selbst überhaupt nicht, dass die Welt dann untergeht, sie gehen nicht anders ins Jahr 2012 als in die Jahre zuvor.

Für sie ist die Apokalypse ohnehin nur eine westliche Projektion auf ihre Astronomie. In dem Indianerkalender sieht der Westen also, was er in sich selbst spürt. Über kommende ökonomische Katastrophen, zusammenbrechende Systeme, über Klassen- und Kulturkämpfe wurde bei uns 2011 tatsächlich viel geredet. Die Probleme des vergangenen Jahres haben sich auch nicht aufgelöst, wir schleppen sie ins neue mit wie eine Grippe, die man nicht loswird. 2011 hatte etwas Erschütterndes. Wer kann sich an ein Jahr erinnern, in dem es derart Schlag auf Schlag kam, in dem so häufig Ratlosigkeit herrschte? NSU, Syrien, Libyen, Ägypten, Tunesien, Fukushima, Oslo, Guttenberg, Wulff, Sintflut in Bangkok, London im Chaos, Lampedusa, Stuttgart, Atomkraft-Moratorium, Nordkorea, Südsudan, Pakistan, Irak, Iran, Euro-Krise. Das war alles 2011.

Alles kriegen wir mit, kaum etwas verstehen wir

Alles kriegen wir mit und ahnen, dass vieles mit vielem zusammenhängt, aber leider in einer solchen Art und Weise, dass es kaum einer versteht. Die Welt wirkt wie eine hochkomplizierte Maschine, die heißläuft. Fieberhaft ziehen die Politiker an den Hebeln, die sie in die Hände kriegen, flicken Löcher, aus denen Dampf entweicht, und alle hoffen, dass das helfen wird. Da liegt der Gedanke doch nahe, dass den vielen kleinen und großen Crashs bald der totale Zusammenbruch folgen muss. Wir reagieren nur noch, immer in letzter Sekunde. Wir sind mit den sich täglich häufenden Notfällen derart beschäftigt, dass wir über Strategien zu langfristigen Problemen kaum nachdenken können. Das muss uns ja irgendwann, bald, alles einholen. Dann kommt Bolon Yokte.

In Wirklichkeit sind das morbide Gedankenspiele. Sie finden Nahrung in einer unglaublich komplexen Gegenwart, aber sie sind gefährlich. Denn sie verführen dazu, den ganzen Kram hinschmeißen zu wollen, sich zurückzulehnen und dabei zuzugucken, wie diese ganze komplizierte Welt zum Teufel geht. Ernsthaft wünscht sich wohl niemand den Weltuntergang, aber der Gedanke an eine Katastrophe, nach der alles anders ist und neu, hat etwas Reizvolles. 1914 sind die Leute auch singend und feiernd in den großen Krieg gezogen, weil sie hofften, dass nach diesem Gewitter in ihren Köpfen wieder Klarheit herrschen würde, eine verloren geglaubte Einfachheit.

Hoffen auf den großen Schlag

Wenn ein System zu kompliziert wird, muss man es zerschlagen. Wenn etwas krankt, soll man es nicht zu heilen versuchen, sondern kurzen Prozess machen. Das ist eine primitive Philosophie, die nicht nur die menschliche Fähigkeit leugnet, sich durch Nachdenken aus der Patsche helfen zu können, sondern auch so tut, als ob man die ganze Landkarte kennen muss, um zu wissen, was direkt vor der eigenen Nase liegt. Es ist die Philosophie Alexanders in der Geschichte vom Gordischen Knoten, den keiner entheddern konnte, bis er kam und mit einem einzigen Schlag seines Schwertes alle Verstrickungen durchtrennte, die für den Geist zu viel gewesen waren.

Die Welt ist der gordische Knoten, im vergangenen Jahr hat er sich noch enger, noch verwirrender zusammengezogen. Manches droht darin zerrieben zu werden, die Idee eines einheitlichen und solidarischen Europas zum Beispiel, oder die von der sozialen Gerechtigkeit. Es wäre fatal, wenn diese Ideen verloren gingen. Wie lockert man also die Seile? Indem man sich vor den Knoten setzt, mühselig daran rumfriemelt und versucht zu begreifen, wie die Seile laufen. Denen, die das für uns tun, muss man genau auf die Finger schauen und aufpassen, ob sie klug und mit Gefühl vorgehen.

Geschichte wird durch Fortwursteln gemacht

Ein Jahr wie 2011 macht es einem leicht, sich nach einer einfacheren Welt zu sehnen oder zu glauben, dass diese zu raffiniert und trickreich geworden ist, um überleben zu können. In Wahrheit aber hat es wohl nie eine Zeit gegeben, in der alles klar und eindeutig war, in der man genau wusste, wo man steht, was zu tun ist, was passieren wird. Eher ist es doch so, dass selbst mit gehörigem Abstand kaum zu verstehen ist, warum die Dinge kamen, wie sie kamen. Immer gab es viele Gründe, Absichten, Unwägbarkeiten. Geschichte wird durch Fortwursteln gemacht.

Das aber ist unglamourös und mühsam. Sich zu wünschen, damit aufhören zu können, heißt jedoch tatsächlich, sich nach einer Katastrophe zu sehnen. Der Wunsch fußt in dem Irrtum, aus dem Nichtverständnis eines Ganzen folge die Sinnlosigkeit aller seiner Bestandteile.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Das System Putin

Von Reinhard Veser

Der Schuldspruch im Falle Yukos ist ein vernichtendes Urteil über den russischen Staat. Er beleuchtet ein System, in dem staatliche Institutionen nur noch Instrumente in den Händen einiger weniger Mächtiger sind. Mehr 47 43

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden