06.01.2010 · Es fehlt nicht an Stimmen, die den „Burdsch Khalifa“, das (vorläufig) höchste Gebäude der Erde, mit dem Turmbau zu Babel vergleichen. Und tatsächlich: Die Frage, wozu man ein „Haus“ braucht, das sich 828 Meter in den Himmel reckt, ist nur allzu berechtigt.
Von Wolfgang Günter LerchEs fehlt nicht an Stimmen, die den „Burdsch Khalifa“, das (vorläufig) höchste Gebäude der Erde, mit dem Turmbau zu Babel vergleichen. Und tatsächlich: Die Frage, wozu man ein „Haus“ braucht, das sich 828 Meter in den Himmel reckt, ist nur allzu berechtigt. Ist die Errichtung eines solchen Monsters, das so elegant aussehen mag, wie es will, nicht Ausdruck eines wahnhaften Strebens nach einer Größe, die nur äußerlich ist, zudem vielleicht auf Sand gebaut; einer Größe, deren blendender Glanz so schnell zerrinnen mag, wie er entstand? Gerade Dubai ist von der Finanz- und Wirtschaftskrise besonders getroffen worden, so sehr, dass der – wirklich reiche – Nachbar Abu Dhabi einspringen musste, um das „Entwicklungsprojekt“ der Vereinigten Arabischen Emirate insgesamt zu sichern.
Freilich: In dem Teil der arabischen Welt, der sich vor allem dank der enormen Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport rasch entwickelt hat und mehr und mehr zum Zentrum einer arabischen Moderne wird, ahmt und holt man, wenn man ehrlich ist, nur nach, was andernorts begonnen wurde. Ist den Golf-Arabern nicht recht, was seinerzeit den Amerikanern billig war, als sie das Empire State Building erbauten? Wer „brauchte“ damals wirklich ein solches Gebäude? Fortschritt, so scheint es auch anderswo zu sein, ist ohne Auswüchse nicht zu haben. Westliche und ostasiatische Länder waren Vorbild bei jenem „altius, citius, fortius“, das da sichtbar wird.
Der Turm hat etwas Erschreckendes
Gleichwohl hat der Burdsch Khalifa etwas Erschreckendes. Das liegt an der Geschwindigkeit, in der nicht nur er, sondern die gesamte Skyline dieses Wüstenemirats entstanden sind. Mögen New Yorks Wolkenkratzer ebenso Zeichen einer gewissen modernistischen Hybris gewesen sein, so war ihre Errichtung doch Teil einer ökonomischen Entwicklung, die sich über viele Generationen stetig vollzog. Dort, wo der Burdsch Khalifa sich erhebt, war vor drei oder vier Jahrzehnten – nichts.
Auch anderswo, in Lateinamerika oder im östlichen Asien, ist das Tempo der Modernisierung und Globalisierung mancherorts ein Problem; doch die arabisch-muslimische Welt scheint besonders darunter zu leiden. Wie nimmt man Anteil an der Moderne, ohne sich als Kultur in ihr zu verlieren? Am Golf wäre sie ohne ein Heer asiatischer Heloten in diesem Tempo nicht zu bewältigen. Mit der äußerlichen Verwandlung ins Futuristische, die man wünscht, sogar fördert und deren Annehmlichkeiten man genießt, kontrastiert herb die traditionell islamische Lebensweise; die allerdings wird von den Herrschenden häufig nur nach außen hin eingehalten.
Am Golf hat man sich dafür entschieden, technologisch und ökonomisch aggressiv zu modernisieren, religiös und gesellschaftspolitisch aber nur ganz langsam und von „oben“ weitgehend gelenkt voranzukommen. Die Geschwindigkeit ist in den einzelnen kleinen Staaten zwischen Kuweit und Maskat unterschiedlich. Am besten scheint diesen Prozess bisher Oman bestanden zu haben, doch auch in den anderen Golf-Emiraten gibt es weniger Verwerfungen als in vielen anderen Teilen der islamischen Welt.
Als eine selbstbewusste Religion, die sich zudem als das Ende und den Abschluss der monotheistischen Offenbarung versteht, muss der Islam es als eine Art Skandalon empfinden, dass er in den vergangenen Jahrhunderten so in Rückstand geraten ist. Das Aufholen und die eigenständige Gestaltung der Moderne werden ihn in den kommenden Jahrzehnten – in Auseinandersetzung mit dem Westen, aber auch ganz generell mit einer multipolar werdenden Welt – in Atem halten. Der Ausgang der umfassenden Gärung, der den Islam zwischen Marokko und den indonesischen Inseln erfasst hat, ist offen, wobei gegenwärtig die islamistischen Kräfte in der Vorderhand sind.
Gesellschaftliche Unterdrückung und ökonomische Ineffizienz
Allerdings ist diese Auseinandersetzung differenziert zu betrachten: Gerade in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land, gibt es ermutigendere Zeichen als etwa in Pakistan oder Afghanistan. In Iran haben sich die islamischen Revolutionäre von einst längst selbst entzaubert – durch gesellschaftliche Unterdrückung und ökonomische Ineffizienz. In Algerien hat der Bürgerkrieg der neunziger Jahre, in dem die islamischen Integristen in den Hintergrund gedrängt wurden, furchtbare Wunden geschlagen. Weitaus mehr Muslime als „Ungläubige“ sind dem Terror zum Opfer gefallen, insbesondere im Irak, wo Amerika durch seinen Krieg die latenten Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten freisetzte. Momentan sind – neben Pakistan und Afghanistan – Somalia und der Jemen die größten Brandherde.
In den Vereinigten Arabischen Emiraten, vor allem in Dubai, aber auch in Qatar und Bahrein setzt man darauf, dass eine Modernisierung von langsamen gesellschaftlichen Reformen begleitet werden muss. Gerade das rasche Tempo der Veränderung erheischt andererseits einen festen Pol, den der traditionelle Islam den Menschen zu bieten vermag. In Dubai, so hört man, kehre man zudem nach den jüngsten bedrohlichen Verwerfungen der Krise auf den Boden der Tatsachen zurück. Immerhin.