30.08.2006 · An den Hochschulen fehlen Geld und Professoren, um den fast 80.000 zusätzlichen Studienanfängern in fünf Jahren zu begegnen. Jetzt sollen „Lecturer“ die Lehre aufrechterhalten und „E-Learning“ das Präsenzstudium ergänzen.
Von Heike SchmollUm dem Ansturm von fast 80.000 zusätzlichen Studienanfängern in fünf Jahren zu begegnen, setzen die Bundesländer neben der Hilfe des Bundes - eine Milliarde Euro - auf zusätzliche Maßnahmen an den Hochschulen. Mit einer Erhöhung von Lehrdeputaten (der Lehrverpflichtung von Professoren), der Einführung von ausschließlich mit der Lehre beschäftigten „Lecturern“ und Seniorprofessoren sowie „E-Learning“ über das Internet als Ersatz für das Präsenzstudium wollen die Bundesländer in den kommenden Jahren die steigende Anzahl Studierender bewältigen.
Allein 2011 werden in Deutschland 79.048 Plätze für Studienanfänger, 2013 noch 68.291 fehlen. Die Lage entspannt sich erst 2020, dann werden es noch 15.054 Plätze zu wenig sein. Ein Überangebot an Plätzen für Studienanfänger bieten auch in den Jahren 2012 bis 2014 (doppelte Abiturjahrgänge) nur Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Finanzierung der Spitzenuniversitäten ungeklärt
Einige Länder sehen sich ohne Hilfe des Bundes nicht in der Lage, ihr Angebot an Studienplätzen auszubauen. Der Bund allerdings will die Länder nur dann unterstützen, wenn sie sich zur Hälfte an den Kosten beteiligen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will bis 2010 etwa eine Milliarde Euro für den Hochschulpakt zur Verfügung stellen, wovon das meiste Geld für die Stärkung der Forschung benötigt wird. Dazu werden aber weitere Mittel für die Lehre gebraucht. Das Ministerium hält die Einstellung von etwa 3000 „Lecturern“ für realistisch, wobei diese deutlich mehr Semesterwochenstunden zu leisten hätten als heutige Hochschullehrer. Zu einem späteren Zeitpunkt, heißt es dort, könnten sie reguläre Professorenstellen besetzen.
Ungeklärt ist darüber hinaus die Finanzierung der Spitzenuniversitäten, die aus der Exzellenzinitiative hervorgegangen sind, vom Jahr 2012 an. Dann sollen diese Hochschulen die Kosten aus ihrem eigenen Etat tragen, wozu keine der auserwählten Einrichtungen in der Lage sein wird. Vielmehr werden die Länder deren Etat aufstocken müssen und Mittel und Stellen aus dem Haushalt der anderen Hochschulen nehmen.
Doppelbesetzungen könnten Lücken schließen
Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Wintermantel, hat deshalb allein für das Jahr 2013 einen Mehrbedarf von 3,4 Milliarden Euro für die Hochschulen gefordert. Bei diesen Kosten ist eine deutlich verbesserte „Betreuung“ der Studierenden noch nicht berücksichtigt, sondern nur eine Minimalbetreuung. Nur die nötigen Bauinvestitionen an den Universitäten könnten damit beglichen werden, aber kein Inflationsausgleich oder die notwendige Korrektur der bisherigen Unterfinanzierung.
Um auch in den nachfragestärksten Jahren eine ausreichende personelle Ausstattung der Hochschulen sicherzustellen und gleichzeitig Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu schaffen, hat die HRK Vorzieh-Professuren nach dem Fiebiger-Modell vorgeschlagen. Eine befristete Doppelbesetzung der nach 2015 freiwerdenden Professuren könnte die Lücke schließen, meint die HRK. Dazu empfiehlt sie neue Personalkategorien wie den „Lecturer“.
Ein Professor für 60 Studenten
Wie knapp die Personaldecke unter den Lehrenden schon jetzt ist, zeigt sich an der Freien Universität in Berlin, die nach der Vorrunde der Exzellenzinitiative als Spitzenhochschule vorgeschlagen ist. Dort lehren ursprünglich für das Bachelor-Studium vorgesehene Lehrkräfte im Masterstudium. Die Universität begründet dies mit mangelnden Kapazitäten. Diese Praxis widerspricht freilich dem Ziel des Bologna-Beschlusses, eine bessere Betreuungsrelation zu sichern. Auf einen Professor kommen inzwischen bundesweit durchschnittlich 60 Studenten.
Die BA/MA-Studiengänge verschärfen die Situation zusätzlich. Inzwischen ist die Überlast der Studiengänge erheblich gestiegen. Lag die Auslastung im Jahre 1995/96 noch bei 109 Prozent, liegt sie im Jahr 2004/2005 bei 139 Prozent. Vor einer weiteren „Untertunnelung“, die wie die Hochschulsonderprogramme in den neunziger Jahren mit Sonderprogrammen finanziell gesichert werden müßte, sieht der Wissenschaftsrat „die Ausbildungsstandards in einer nicht mehr verantwortbaren Weise gefährdet“. So hat bei der Einführung des BA/MA-Systems keine tragfähige Kalkulation vorgelegen.
Länder bereiten sich unterschiedlich vor
Soll in den nächsten Jahren wenigstens die wenig zufriedenstellende Betreuungsrelation von einem Professor für 60 Studenten gewahrt bleiben, wären allein im Jahre 2014 (doppelte Abiturjahrgänge) 8000 zusätzliche Stellen nötig, im Jahr 2020 wären es noch 4000 zusätzliche.
Nach einer Umfrage der Zeitschrift „Forschung und Lehre“ unter den Bundesländern bereiten sich die Wissenschaftsministerien auf unterschiedliche Weise auf den Studentenansturm vor. Baden-Württemberg will bis 2012 insgesamt 16.000 zusätzliche Studienplätze bereitstellen, wofür das Land 300 Millionen Euro zusätzlich bezahlt, aber erwartet, daß die Hochschulen davon die Hälfte als Eigenanteil erbringen. Die Einnahmen aus Studiengebühren seien eine „echte Zusatzeinnahme der Hochschulen“ und würden nicht mit staatlichen Zuschüssen für die Hochschulen verrechnet, begründet das Land seine Haltung.
Vorteilsausgleich gefordert
Brandenburg will notfalls die Studienkapazitäten weiter ausbauen. Bremen will die Studiendauer noch mehr verkürzen, indem es die „gestufte Studienstruktur“ einführt. Zudem will das Land die Lehrkapazität erhöhen, E-Learning anbieten und außerdem prüfen, ob ein Teil der Stellen für Wissenschaftler in die Personalkategorie „Lecturer“ umgewandelt werden kann. Auch Mecklenburg-Vorpommern will den Mittelbau durch „Lecturer“ verstärken.
Niedersachsen spricht ebenfalls von höheren Lehrkapazitäten und einer Ausweitung des Mittelbaus sowie dem Einsatz von „Lecturern“. Nordrhein-Westfalen erwartet vom Bund, daß er die Länder finanziell nicht alleine lasse, und setzt seine Hoffnungen auf den Hochschulpakt, der nur für Länder gilt, die sich verpflichten, keine weiteren Studienplätze abzubauen. Rheinland-Pfalz hat im Programm „Wissen schafft Zukunft“ zusätzliches Geld für Lehrpersonal zur Verfügung gestellt. Falls der Vorteilsausgleich nicht angenommen werde, will Mainz ein gebührenfreies Erststudium nur noch Studierenden mit Hauptwohnsitz im eigenen Land anbieten.
Das Saarland kann die Hochschulausgaben nicht steigern und muß mit einer stärkeren Auslastung der vorhandenen Kapazitäten leben, erwägt deshalb Seniorprofessuren und einen weiteren Ausbau des Mittelbaus, der in den siebziger Jahren in allen Bundesländern gestrichen wurde. Sachsen will sich um Studienanfänger aus anderen Ländern bemühen und plädiert gemeinsam mit Rheinland-Pfalz für einen Vorteilsausgleich nach Schweizer Vorbild. Schleswig-Holstein plant eine Erhöhung des Lehrdeputats und will Professoren künftig entweder für Forschung (reduzierte Lehrverpflichtung) oder für Lehre (erhöhte Lehrverpflichtung) einsetzen. Thüringen rechnet nicht mit einer Zunahme der Studienanfänger. Hamburg und Hessen wollten den zuletzt verschobenen Beratungen des Hochschulpaktes nicht vorgreifen und Berlin, Bayern und Sachsen- Anhalt hatten sich nicht geäußert.
(Siehe auch: Kommentar: Zu Lasten der Studenten)
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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