19.11.2009 · Erst sind Waffenlager der schiitischen Hizbullah-Miliz in die Luft gegangen, dann hat die israelische Marine einen Tanker mit Waffen aufgebracht: Die Libanon-Schutztruppe Unifil fürchtet eine neuerliche Eskalation.
Von Markus BickelErst ist es nur ein Mann, dann sind es zwei, dann drei. Ort des Geschehens ist Haret Hreik im Süden Beiruts, die Hochburg der Hizbullah. „Was machen Sie hier?“ fragt der Anführer der Gruppe, der auf einem Motorroller als erster angeprescht kam, und drängt uns an eine Häuserwand. „Zeigen Sie Ihre Papiere!“ Der Hinweis, man habe gerade den Sprecher der Hizbullah, der schiitischen „Partei Gottes“, im nur wenige Straßen entfernten Pressebüro der Organisation getroffen, interessiert den Mann mit der Marlboro-Schachtel in der Brusttasche des karierten Hemdes nicht; auch die CDs mit Reden des Hizbullah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah im Rucksack machen keinen Eindruck auf ihn.
Stattdessen sucht er im Speicher der Digitalkamera nach Fotos und verbindet das mit der Warnung, im Einflussgebiet der Hizbullah niemals zu fotografieren. Beim Durchblättern des Reisepasses fragt er misstrauisch: „Waren Sie schon einmal in Israel?“ Erst der Blick auf das Akkreditierungsschreiben des libanesischen Informationsministeriums besänftigt den Mann; er reicht die Papiere zurück. „Hier gibt es nie Probleme“, sagt er beschwichtigend - und will zum Abschied nur noch wissen, wo es als nächstes hingehe.
Waffen für einen Monat Krieg
Die Nervosität des im Süden Beiruts allgegenwärtigen Sicherheitspersonals der Hizbullah hat einen Grund: Im Frühjahr flog ein israelischer Spionagering auf, der die Nasrallah-Organisation mehr als zwanzig Jahre bespitzelt hatte. Viele Verdächtige wurden verhaftet, unter ihnen ranghohe Militärs und Polizeioffiziere. Im Juli dann ging im Südlibanon ein mutmaßliches Waffenlager der Anfang der achtziger Jahre von Iran gegründeten Parteimiliz in die Luft. Im Oktober detonierte ein zweites Lager nahe der israelischen Grenze.
Anfang November schließlich fing die israelische Marine vor Zypern den mit Waffen beladenen deutschen Tanker „Francop“ ab, die angeblich über Syrien der Hizbullah geliefert werden sollten. Nach israelischen Angaben hatte die „Francop“ unter anderem 9000 Mörsergeschosse und 3000 Katjuscha-Raketen geladen, dazu mehr als 20.000 Granaten und gut eine halbe Million Patronen Munition für kleinere Waffen. Damit hätte die Hizbullah im Falle eines Krieges einen ganzen Monat lang gegen Israels Streitkräfte bestehen können. Es war der bislang größte Waffenfund Israels in der Region.
Zwar wird in den israelischen Sicherheitsbehörden die Zerschlagung des Spionagenetzes im Libanon als schwerer Rückschlag gewertet. Es sei nun schwieriger, mögliche Gefahren an der Nordgrenze aufzuklären. Doch muss die Hizbullah mit weiteren Unterwanderungsversuchen rechnen - auch wenn westliche Geheimdienste das über Jahrzehnte weitgehend erfolglos versucht haben. Gerade die Sprengung der beiden Waffendepots im Grenzgebiet zu Israel im Juli und Oktober zeigt, dass die Versuche der israelischen Terrorabwehr, ihren Einfluss im Libanon zu wahren, nicht aufgehört haben. „Alles deutet darauf hin, dass wir daran beteiligt waren“, sagte ein israelischer Diplomat dieser Zeitung. Ziel solcher Aktionen sei es, der Hizbullah klarzumachen, dass keiner ihrer Schritte unverfolgt bleibe.
Gefüllte Waffenlager
Knapp dreieinhalb Jahre nach Ende des zweiten Libanon-Krieges ist es der in der neuen Regierung mit zwei Mitgliedern vertretenen Organisation offenbar trotzdem gelungen, ihre Waffenvorräte auf den Stand vor dem Krieg zurück zu bringen. Rund tausend Katjuscha-Raketen hatten Nasrallahs Milizionäre während der 34 Tage dauernden Kämpfe im Sommer 2006 auf den Norden Israels gefeuert. Westliche Sicherheitsleute vermuten, dass die Miliz inzwischen wieder über 40000 Raketen verfügt, darunter in Iran produzierte vom Typ Zelzal, Fajr-3 und Fajr-5 sowie Flugabwehrgeschosse. Der Libanon sei stark genug, um die gesamte israelische Armee zu zerstören, brüstete sich Nasrallah Anfang November in Beirut.
„Die Situation im Süden wird immer besorgniserregender“, heißt es deshalb bei der Libanon-Mission der Vereinten Nationen (Unifil), die damit betraut ist, die im August 2006 in UN-Sicherheitsratsresolution 1701 vereinbarte Waffenruhe zu sichern. Die rund 12 000 Soldaten starke internationale Truppe hat ihre Patrouillen im Grenzgebiet südlich des Flusses Litani verstärkt. Seit dem Gaza-Krieg Anfang des Jahres wurde Israel schon fünfmal vom Südlibanon aus beschossen, zuletzt im Oktober.
Obwohl nicht die Hizbullah, sondern sunnitische Terrorgruppen oder palästinensische Organisationen hinter dem Beschuss vermutet werden, hält man das im Unifil-Hauptquartier im südlibanesischen Grenzort Naqura für eine beunruhigende Entwicklung: Auch im Frühjahr 2006 hatten Raketenangriffe israelische Gegenschläge provoziert - und die Spannung an der Grenze erhöht. „Wenn die Hizbullah einen Vergeltungsschlag für Mugnijeh ausführt, zwingt sie Israel dazu zu reagieren“, warnte Israels Armeechef Gabi Ashkenazi vergangene Woche; Imad Mugnijeh war Hizbullah-Militärchef und wurde im Februar 2008 in der syrischen Hauptstadt Damaskus bei einem Autobombenanschlag getötet. Die Vereinten Nationen wiederum kritisierten Israel wegen der anhaltenden Aufklärungsflüge seiner Luftwaffe über dem Libanon: Damit verstoße das Land gegen UN-Resolution 1701.
Rache für Mugnijeh?
Israel verteidigt die Luftüberwachung. Schließlich sei die von Nasrallah angekündigte Rache für den Mord an Hizbullah-Militärchef Imad Mugnijeh noch immer nicht verübt worden. Im Februar 2008 war Mugnijeh, den das amerikanische Federal Bureau of Intelligence (FBI) über Jahre vor Usama bin Ladin auf seiner Fahndlungsliste führte, in Damaskus bei einem Autobombenanschlag getötet worden. Kenner israelischer Undercover-Operationen wie der in einem Netzwerk ehemaliger und aktiver israelischer Geheimdienstler organisierte israelische Autor Ronen Bergman gehen davon aus, dass Israel den Anschlag verübte. Ein Sprecher der amerikanischen Regierung sagte seinerzeit, die Welt sei ohne Mugnijeh ein besser Ort als vorher.
Fachleute wie Bergman betrachten den Mord an Mugnijeh als Teil von Israels geheimem Krieg gegen Iran. Teheran wiederum dürfte daran gelegen sein, die Hizbullah in diesem Kampf zu instrumentalisieren - auch durch Anschläge wie sie Mugnijeh in den neunziger Jahren auf israelische und amerikanische Einrichtungen in Lateinamerika und Nahost organisierte. „Es geht nicht um die Frage, ob, sondern wann und wie“, heißt es etwa in Sicherheitskreisen in Berlin. Der so genannte Externe Sicherheitsapparat (Esa) der Hizbullah, den Mugnijeh fast zwei Jahrzehnte in enger Abstimmung mit der Führung in Teheran leitete, sei jederzeit in der Lage, Operationen gegen israelische Geschäftsleute und Botschaften im Ausland durchzuführen.
Angeblich soll ein Anschlag auf die diplomatische Vertretung Israels in Baku, der Hauptstadt Aserbeidschans, bereits vereitelt worden sein - das behauptet zumindest die israelische Seite, was von europäischen Geheimdienstlern jedoch bezweifelt wird. Auch die Aufdeckung eines Hizbullah-Rings in Ägypten Anfang des Jahres, der angeblich israelische Touristen im Visier hatte, schreibt sich die israelische Terrorabwehr zugute. Vor einem ägyptischen Gericht wird nun geklärt, inwieweit die Gruppe tatsächlich im Auftrag Nasrallahs tätig war. So viel scheint klar: Der Tanker „Francop“ wurde in einem ägyptischen Hafen mit seiner explosiven Fracht beladen, ehe er Anfang des Monats von der israelischen Marine gestoppt wurde - ein Zutun Hizbullah-Verbündeter vor Ort gilt als wahrscheinlich.
Unifil schaut zu bei Waffenschmuggel
Dass die israelische und nicht die deutsche Marine die Fracht abfing, wirft allerdings Fragen auf: Seit August wird der multinationale Marineverband (MTF 448) der Unifil vom deutschen Flottillenadmiral Jürgen Mannhardt geführt; das MTF-Führungsschiff, die Fregatte „Schleswig-Holstein“, legt regelmäßig im zypriotischen Limassol an - unweit jener Stelle also, an der die „Francop“ aufgebracht wurde.
„Außerhalb unseres Verantwortungsbereichs“, heißt es im Verteidigungsministerium in Berlin, das darauf verweist, der Unifil sei es nur innerhalb des 110 mal 43 Seemeilen großen MTF-Operationsgebietes entlang der libanesischen Küste erlaubt, Schiffe zu stoppen. Doch das durch den israelischen Zugriff aufgedeckte Schema - Umladung iranischer Waffentransporte in Ägypten, Umfahrung der Unifil-Gewässer vor Zypern - dürfte der deutschen Unifil-Führung bekannt sein: Fragt sich nur, wie oft seit Beginn ihres Einsatzes 2006 sie die Augen schloss? Die Propagandaabteilung der Hizbullah jedenfalls hat so leichtes Spiel. In einer Presseerklärung verneinte sie „jegliche Verbindung zu den Waffen, die der zionistische Feind auf dem 'Francop'-Schiff beschlagnahmte“.