23.08.2009 · Siebzig Jahre nach dem sowjetischen Pakt mit Hitler hat in Russland der staatlich geförderte Kult um den Sieg ohne Fragezeichen und die Rechtfertigung von Stalins Politik wieder Konjunktur. Die kritische Beschäftigung mit den Kriegsursachen wird indessen immer weniger gern gesehen.
Von Michael Ludwig, MoskauSolange die Spreu nicht vom Weizen getrennt und die Heldentaten des Volkes nicht klar den Verbrechen des Regimes gegenübergestellt würden, werde auch der „Molotowcocktail“, zusammengemixt aus Mythen der Stalin-Ära, nicht aufhören, in den Köpfen der russischen Landsleute Unheil zu stiften, mit der Folge, dass jede Verurteilung des Stalinismus als Beleidigung von Millionen im Kampf um die Befreiung Europas Gefallener empfunden werde.
Das war Klartext in der russischen Zeitschrift „Itogi“, nachdem das offizielle Russland, wie es die Duma verkörpert, erbost gegen die Gedenktagsempfehlung der Parlamentarischen Versammlung der OSZE von Anfang Juli protestiert hatte. Die OSZE-Parlamentarier hatten vorgeschlagen, den 23. August, den Tag, an dem Hitler und Stalin einen Nichtangriffspakt schlossen und in einem geheimen Zusatzprotokoll die Aufteilung Ostmitteleuropas in Interessensphären vereinbarten, zum europäischen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus zu machen.
Die Russen verbaten sich jede Gleichstellung mit dem Nationalsozialismus. Das russische Außenministerium forderte eine neue Resolution, in welcher der entscheidende Beitrag der Sowjetunion bei der Niederwerfung des Nationalsozialismus gewürdigt werden müsse. Als ob es zuvor darum gegangen wäre, die russischen Opfer des Kriegs herabzusetzen oder den Nationalsozialismus zu entlasten, und nicht vielmehr um die Frage der Spießgesellenschaft des braunen und des roten Diktators, darum also, dass Stalin im Schatten Hitlers, dessen faktischer Verbündeter er während der ersten beiden Jahre des Zweiten Weltkriegs war, mit Waffengewalt daranging, das Sowjetimperium um neue Länder und Gebiete zu vergrößern.
Das offizielle Russland blieb dabei, in der historisch-politischen Debatte nicht zwischen dem von Stalin einst regierten Land sowie dessen Menschen einerseits und dem verbrecherischen Diktator andererseits zu unterscheiden und Kritik am Stalinismus als gegen Russland gerichtet auszulegen.
Millionen Opfer beim Terror gegen das eigene Volk
Dabei hatte kein Geringerer als der Leiter des Amtes für die auswärtigen Beziehungen der russischen orthodoxen Kirche, Bischof Ilarion, in der Zeitschrift „Expert“ deutliche Worte mit Blick auf Stalin und dessen verhängnisvolle Rolle gefunden. Stalins Terror gegen das eigene Volk vor dem Krieg habe Millionen Opfer gekostet. Der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ - so wird in Russland der Abschnitt des Zweiten Weltkriegs bis zur Kapitulation des „Großdeutschen Reiches“ bezeichnet, der mit dem Überfall Hitlers auf den einstigen Spießgesellen bei der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, Josef Stalin, im Juni 1941 begann - sei deshalb ein Wunder gewesen. Vollbracht habe dieses Wunder indes allein das Volk, dessen Kraft weder Hitler noch zuvor Stalin hätten brechen können.
Auf Äußerungen wie diesen ließe sich sicherlich eine länderübergreifende Plattform für eine gemeinsame Erinnerungskultur aufbauen, in der sich Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion keineswegs in die Ecke gestellt sehen müsste. Äußerungen wie die Ilarions oder in „Itogi“ gelten aber inzwischen wieder als Nestbeschmutzung. Das ist die Folge von jahrzehntelanger Erziehung und einer Rückkehr zu der sowjetzeitlichen Sicht auf den Krieg in der Führung in neuester Zeit.
Leugnen war ein wichtiger Bestandteil der Selbstdarstellung
In der Zeit des Umbruchs am Ende der Sowjetära war das anders, als die Leugnung der Existenz eines Geheimprotokolls zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt endlich aufgegeben wurde. Das Leugnen war ein wichtiger Bestandteil der Selbstdarstellung der Sowjetunion als durch und durch friedliebender Staat und wurde erst aufgegeben, als sich angesichts der bereits veröffentlichten Ausbeute aus Archiven nichts mehr leugnen ließ. Dann allerdings verurteilte der Kongress der Volksdeputierten der Sowjetunion im Dezember 1989 schließlich den Hitler-Stalin-Pakt und das Geheimprotokoll unumwunden als rechtswidrig und von Anfang an ungültig.
Das Zustandekommen von Pakt und Geheimprotokoll vom August 1939 sei eine Folge der Alleinherrschaft einer Person, und das Geschäft mit Hitler sei eine Verletzung der außenpolitischen Grundsätze des Parteigründers Lenin gewesen. Das ging gegen Stalin, war aber wohl auch der Versuch, das Ansehen der noch führenden „Partei Lenins“ zu retten. Das Bild von der Sowjetunion als unschuldigem Opfer einer „wortbrüchigen Aggression“ durch Hitler-Deutschland war indes auf jeden Fall zu Bruch gegangen. Darauf hätte man neue Beziehungen zu den Ländern in der Nachbarschaft aufbauen können, die unter Stalins Joch geraten waren. Ansätze dazu gab es unter Präsident Jelzin. Heute gilt die Sowjetisierung Ostmitteleuropas indessen bereits wieder als die seinerzeit richtige Politik, jedenfalls in einem Geschichtslehrbuch über die neueste Geschichte Russlands, das auf Anweisung und mit Hilfe der russischen Behörden entstand und verbreitet wird.
Der Nichtangriffspakt wurde in der Sowjetunion immer als unvermeidbare Folge der westlichen Appeasement-Politik gegen Hitler und als taktischer Schachzug Stalins gerechtfertigt, der einen Krieg Hitlers gegen die Sowjetunion habe hinauszögern wollen, um das Land darauf vorbereiten zu können, was der „Führer des sowjetischen Volkes“ nach dem Urteil vieler Historiker allerdings unterließ und deshalb Volk und Armee dem Angreifer unvorbereitet auslieferte.
Stalin selbst, dem durchaus eine gewisse Furcht vor den heimkehrenden Frontsoldaten nachgesagt wird, hatte unmittelbar nach dem Krieg „viele Fehler“ der Regierung eingestanden, zugleich aber schrieb seine Propagandamaschine den Sieg der Einheit von Volk und Führer zu. Ein Jahrzehnt später, 1956, wurde im Präsidium der KPdSU gefordert, in Nikita Chruschtschows Abrechnung mit dem toten Stalin auch die Schuld des „Generalissimus“ an der militärischen Katastrophe des Jahres 1941 aufzunehmen. Das hätte bedeutet, die Debatte über die Kriegsursachen und Stalins Rolle freizugeben.
Die Forderung fand jedoch keine Zustimmung. Aber erst unter Generalsekretär Leonid Breschnew, der Chruschtschow 1964 ablöste, setzte schließlich ein, was russische Sozialwissenschaftler, wie Lew Gudkow, die „Sakralisierung des Siegs“ genannt haben. Der Staat setzte dabei alle verfügbaren Mittel zur Formung des Geschichtsbildes ohne lästige Fragezeichen und zu dessen Zementierung in den Köpfen der Menschen ein. Stalins Verdienste am Sieg wurden wieder ganz offen herausgestellt. Jede mögliche Kritik am Feldherrentalent des Diktators oder gar an der Kumpanei mit Hitler wäre so von vornherein in den Geruch des Verrats an den Gefallenen geraten. Um ganz sicherzugehen, wurde auch die Memoirenliteratur der Kriegsgeneration entschärft.
Mit Putin Rückkehr zur alten sowjetischen Bewertung
Der staatlich geförderte Kult um den Sieg ohne Fragezeichen hat wieder Konjunktur. Die kritische Beschäftigung mit den Kriegsursachen wird indessen immer weniger gern gesehen, und hinter dem retuschierten offiziellen Bild vom Sieg lugt Stalin wieder deutlicher als dessen Konstrukteur hervor. Die Debatte über die geheimen Abmachungen zwischen Hitler und Stalin sei abgeschlossen, sagte Putin vor vier Jahren kurz und bündig und kehrte im gleichen Atemzug zur alten sowjetischen Bewertung des Nichtangriffspaktes mit Hitler zurück. Die Sowjetunion habe schließlich die Sicherheit an den Westgrenzen garantieren müssen.
Präsident Medwedjew ging noch weiter. Er berief eine Kommission ein mit dem Ziel, Geschichtsfälscher zu entlarven, die Geschichte (des Zweiten Weltkriegs) zum Nachteil der russischen Interessen umschreiben. In der Duma wurde über Strafmaßnahmen gegen Sünder nachgedacht. Nach dem Urteil im Nürnberger Prozess stehe fest, hieß es, dass Nazi-Deutschland den Krieg entfesselt habe. Wer daran rüttele, etwas anderes behaupte und dadurch Russland in den Dreck ziehe, mache sich strafbar und müsse die Folgen tragen. Die russische Akademie der Wissenschaften übernahm die Rolle eines Transmissionsriemens und forderte in einem Schreiben die zeitgeschichtlichen Institute auf, nach Geschichtsfälschern zu fahnden. Die Institute lieferten Material. Die Initiatoren des Schreibens bestreiten zwar, dass dem Denunziantentum in „vaterländischer Absicht“ - wieder - Tür und Tor geöffnet werden solle. Aber eines der Mitglieder der Präsidentenkommission beklagte öffentlich, dass der russische Staat darauf dringe, die Geschichte zum Instrument der großen Politik zu degradieren. Das gab es schon einmal - in der langen sowjetischen Nacht einer gefesselten Geschichtswissenschaft.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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