22.08.2009 · Der Hitler-Stalin-Pakt holte die Bessarabien-Deutschen „heim ins Reich“. Jubelnd machten sie sich auf - es folgten Enttäuschung und Leid.
Von Ute SchmidtInfolge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages vom 23. August 1939 und seines geheimen Zusatzprotokolls wurden zwischen 1939 und 1941 mehr als eine halbe Million Deutsche aus dem Baltikum, aus Wolhynien, Galizien, Bessarabien und der Bukowina ausgesiedelt. Die staatlich organisierte Umsiedlung war eine Vorform der Vertreibungen und ist zu den Zwangswanderungen des 20. Jahrhunderts zu rechnen.
Die Deutschen aus Bessarabien waren, aus Württemberg und Preußen stammend, nach 1812 als deutsche Kolonisten vom russischen Zaren Alexander I. in Südrussland angesiedelt worden. Nach 1918 gehörte das Gebiet zu Rumänien. Am 26. Juni 1940 forderte die UdSSR Rumänien ultimativ auf, Bessarabien und die Nordbukowina zu räumen. Zwei Tage später marschierte die Rote Armee ein. Aufgrund der deutsch-sowjetischen Vereinbarung vom 5. September 1940 wurden bis Ende Oktober 93 500 Personen aus Bessarabien ausgesiedelt.
Die Umsiedlung der Deutschen aus dem sowjetischen Machtbereich wurde von der NS-Propaganda als historisches Großereignis inszeniert. Sie sollte als epochales Geschehen in die triumphale Geschichte des „Dritten Reiches“ eingehen, das in seinen gewaltigen Dimensionen erst von späteren Generationen gewürdigt werden könne.
„Es war, als wenn ein Heerwurm durch die Gegend ströme, eine kleine Armee im Anmarsch wäre. Wie die ersten LKW ein paar Meter vor uns waren, da hörte man Lieder aufklingen, gesungen von Kindern, Frauen und Mädchen. Dies lachende, rufende Volk rann an uns vorbei - es war beinahe wie ein gelöster Strom, der dem mütterlichen Meer zudrängt.“ Ein solch euphorisches Bild vom Auszug der Deutschen aus Bessarabien vermittelt der Wiener Volkskundler Alfred Karasek, der als deutscher Gebietsbevollmächtigter für die Aussiedlung aus dem Abschnitt Beresina tätig war. Für die Umsiedler sah die Wirklichkeit der „Heim ins Reich“-Politik freilich anders aus. Denn sie bedeutete den erzwungenen und endgültigen Abschied von ihrer Heimat. Viele erlebten die damit verbundenen Verluste und Enttäuschungen als persönliche Katastrophe.
Die Aussiedlung der Deutschen wurde von einer paritätisch besetzten deutsch-sowjetischen Kommission durchgeführt. Sie registrierte die deutschen Umsiedlungswilligen, taxierte ihr Vermögen und fertigte Listen an, die zur Berechnung der Entschädigungsleistungen der UdSSR an Deutschland dienen sollten. Im Hauptquartier der Umsiedlungskommission im bessarabischen Tarutino arbeiteten die Mitglieder des deutschen Kommandos - sie trugen SS-Uniformen ohne Rangabzeichen - und ihre sowjetischen Kollegen wochenlang unter einem Dach. Die Kommissionäre kannten sich, denn sie hatten bereits die Umsiedlung der Deutschen aus Wolhynien und Galizien bewerkstelligt. Sie verstanden sich als „politische Soldaten“ und „alte Hasen“, die einander nicht als Feinde betrachteten, sondern als „Gegenspieler“ respektierten. Trotzdem kam es in der alltäglichen Praxis immer wieder zu Streitigkeiten, vor allem bei der Vermögensbewertung.
Pro Haushaltsvorstand durften die Umsiedler 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen, jedes weitere Familienmitglied 25 Kilo. Bauernfamilien war die Mitnahme ihrer persönlichen Habe im Umfang einer zweispännigen Fuhre je Wirtschaft gestattet. Als besondere Schikane empfanden die Bessarabien-Deutschen das Verbot, ihre deutschen Kirchenbücher mitzunehmen. Die Register wurden daher noch vor der Aussiedlung heimlich abgeschrieben.
Nur etwa 2000 Deutsche blieben zurück, meist aus familiären Gründen. Die Umsiedler wurden per Bahn, Lkw oder Omnibus sowie auf Trecks in die Verschiffungshäfen Reni, Kilia und Galatz und, donauaufwärts, in die Zwischenlager Semlin und Prachowo bei Belgrad gebracht. Die Hauptverantwortung für die Umsiedlung lag bei der „Volksdeutschen Mittelstelle“. Nach der Errichtung des „Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums“ (RKF) am 7. Oktober 1939 war sie in Himmlers Herrschaftsapparat integriert. In dessen Auftrag beschlagnahmte sie jetzt Schulen, Gasthäuser, Theater, Kurhäuser, Barackenlager, Schlösser, Klöster, Kranken- und Waisenhäuser sowie Heil- und Pflegeanstalten im „Altreich“, in Österreich und im Sudetenland.
In rund 800 solcher „Beobachtungslager“ wurden auch die Deutschen aus Bessarabien untergebracht. Vor ihrer Einbürgerung mussten sie sich in den Lagern einer „Durchschleusung“ durch „Fliegende Kommissionen“ der „Einwandererzentralstelle“, einer Institution des Reichssicherheitshauptamtes, unterziehen. Faktisch handelte es sich um eine verschleierte Selektion nach rassischen Wertungsstufen und erbbiologischen Kategorien. Auch das politische Verhalten und die berufliche Einsatzmöglichkeit wurden geprüft. Vom Ergebnis dieser Bewertung hing ab, ob die Umsiedler für würdig befunden wurden, als „O-Fall“ im Osten angesiedelt zu werden, oder ob man sie ins „Altreich“ abschob, wo disponible billige Arbeitskräfte gesucht wurden.
Da die Bessarabien-Deutschen überwiegend in der Landwirtschaft tätig gewesen waren, kam eine Einstufung als „A-Fall“ meist einem persönlichen Absturz gleich. Früher selbständige Bauern, die Höfe mit dreißig und mehr Hektar erfolgreich bewirtschaftet hatten, sollten nun - wegen ihrer „baltischen“ Backenknochen, ihrer Brustbehaarung oder einem Krankheitsfall in der Familie - kein Land mehr zur Siedlung erhalten. Dies war ein offener Bruch des Versprechens, dass die Umsiedler „in Deutschland“ wieder geschlossen angesiedelt und die Vermögensverluste angemessen entschädigt würden.
Das idealisierte Deutschland-Bild der Bessarabier ging nach solchen Erfahrungen rasch zu Bruch. Von den Einheimischen wurden sie nicht als Deutsche begrüßt, sondern als „bessere Araber“ oder „Balkanesen“ diskriminiert. Doch auch die Zustände in vielen Lagern, in denen die Umsiedler mehrere Monate, manche sogar jahrelang kaserniert wurden, waren schwer erträglich, die entwürdigende Behandlung durch autoritäre Lagerführer und korruptes Lagerpersonal, fehlende Bildungsmöglichkeiten, unzureichendes und sogar verdorbenes Essen.
Ein herber Schnitt war für die aus einem religiös-pietistisch geprägten Milieu stammenden Bessarabien-Deutschen, dass Gottesdienste und kirchliche Feste massiv eingeschränkt wurden. Die schlechte medizinische Versorgung führte zu einer hohen Sterblichkeit bei Kindern und Alten. In einem von der Lagerzensur abgefangenen Brief schrieb eine Umsiedlerin: „Viele Familien, die 4-5 Kinder hatten, haben jetzt nur noch 1-2, manche auch gar keines. Und zwar sind sie alle an Masern gestorben. Dass da manch einer von Deutschland enttäuscht und verbittert ist, kann man sich denken.“
1941/42 wurde das Gros der Bessarabien-Deutschen teils im „Warthegau“, teils im „Gau Danzig-Westpreußen“ auf polnischen Höfen angesiedelt. Voraussetzung dafür war die Vertreibung der Eigentümer. Sie wurde im Auftrag des RKF von einem Stab der „Höheren SS- und Polizeiführer“, der „Umwandererzentralstelle“, durchgeführt. Für viele Bessarabien-Deutsche, die sich jetzt vereinzelt auf fremden Höfen inmitten einer unterdrückten Bevölkerung wiederfanden, bedeutete diese Ansiedlung einen schweren Bruch mit ihrer bisherigen Lebenswelt. Sie hatten darauf vertraut, eine neue Heimat „in Deutschland“ zu finden, aber nicht in einem besetzten Land und auf Kosten anderer.
Ein Bessarabien-Deutscher erinnert sich: „Aber dass sie die Polen rausgejagt haben! Was meinen Sie, wie meine Frau und meine Mutter geheult haben, als wir da reingekommen sind, und da steht noch alles: die Mulde mit Teig, die halbe Sau auf dem Tisch, und, und, und! Innerhalb von zwei Stunden haben die Leute fortmüssen. Und uns da reinzuschicken, also das hat doch nicht gutgehen können.“
Die Umsiedlung diente den NS-Bevölkerungsingenieuren als Einstieg in eine langfristig angelegte Vertreibungs-, „Umvolkungs“- und Vernichtungspolitik. Die Umsiedler waren für sie Menschenreserven, die sie für ihre Herrschaftspläne im „Ostraum“ benutzten. So hieß es denn auch im EWZ-Abschlussbericht, die Bessarabier seien insgesamt als „überwiegend einwandfreies Menschenmaterial“ zu bezeichnen.
Im Januar 1945 endete die Flucht der deutschen Bevölkerung aus dem östlichen „Warthegau“ in einer Katastrophe. Ganze Trecks gingen verloren. Menschen, Pferde und Wagen wurden von Tieffliegern angegriffen und von Panzern niedergewalzt. In diesem unbeschreiblichen Chaos befanden sich auch viele Bessarabien-Deutsche, denen die Ansiedlung in diesem Gebiet zum Verhängnis geworden war. Nicht wenige von ihnen wurden, trotz deutscher Staatsbürgerschaft, als „Repatrianten“ zwangsweise in die UdSSR zurückgeführt. Da sie 1940 nolens, volens ihrer Umsiedlung zugestimmt hatten, gab es für die Bessarabien-Deutschen nach 1945 keine Alternative zur möglichst raschen Eingliederung im Nachkriegsdeutschland. Rückkehrforderungen oder Besitzansprüche wurden von ihnen nie erhoben.