22.07.2010 · Ein paar Holländer gibt es noch, die auf der Urlaubsreise in die Schweiz peinlich darauf achten, deutschen Boden nicht zu berühren. Im Grenzgebiet am Niederrhein aber hat die Feindschaft von einst allenfalls als folkloristische Rivalität überlebt. Erst recht im deutschen Dorf Elten, dessen Kirchhügel vor fünf Jahrzehnten noch als höchster Berg der Niederlande erklommen wurde. Von Andreas Ross
ELTEN/ARNHEIM, im Juli
Winfried Krüger hat in letzter Zeit einiges mitgemacht mit seiner Tochter. Neulich, auf seinem Sechzigsten, hat sie ihn einem Quiz unterzogen. Es gelte herauszufinden, erklärte sie der Festgesellschaft, ob Papa wirklich ein Deutscher sei oder nicht doch ein heimlicher Holländer. Zuerst musste der frühpensionierte Zöllner dann lauter simple Fragen über die Niederlande beantworten. Ein Kinderspiel für einen, der Jahrzehnte lang auf der A3 zwischen Arnheim und Emmerich stand. Dann kamen die Deutschland-Fragen. Keine einzige konnte er beantworten. Wer hätte auch gewusst, welcher Spieler im zweiten Vorrundenspiel der WM 1982 den dritten Eckstoß ausführte? Also überreichten Tochter Sabrina und ihr niederländischer Lebensgefährte Pascal dem Jubilar unter lautem Gejohle der Gäste einen liebevoll gefälschten "Paspoort" vom "Koninkrijk der Nederlanden". Und als Dreingabe ein retuschiertes Foto von seinem Mercedes mit zwei Oranje-Fahnen.
Dann feierte Sabrina ihren Achtundzwanzigsten. Man saß auf der Terrasse hinter dem kleinen Häuschen im Emmericher Ortsteil Elten, das sie mit Pascal bewohnt, und guckte Fußball: WM-Halbfinale Holland-Uruguay. Alle waren eingeladen, Omi, die Eltern, der Fast-Schwiegervater aus Holland, Freunde und Kollegen. Aber es gab eine Bedingung: Wer nicht mindestens eine orange Kappe aufsetzte, durfte nicht bleiben. So hatte Sabrina es mit Pascal abgemacht. Er trug dafür bei allen Deutschland-Spielen das DFB-Trikot.
"An sich gibt es hier ja wirklich gar keine Probleme mehr zwischen Deutschen und Holländern", sagt Winfried Krüger, "nicht hier bei uns im Grenzgebiet." Auch damals, beim Zoll, habe es unter fünfzig niederländischen Kollegen gerade mal einen gegeben, "der sich weggedreht hat, wenn wir Deutschen kamen". Und Sabrinas Pascal hat Krüger sowieso ins Herz geschlossen. "Aber dieses Holland-Trikot anzuziehen, das hat mich ganz schön Überwindung gekostet", gibt er zu, und seine Miene verfinstert sich. "Ich kann einfach nicht vergessen, wie 1988 bei der Europameisterschaft dieser Ronald Koeman auf dem Platz so tat, als würde er sich den Hintern mit dem Deutschland-Trikot abwischen."
Auch in Elten, hat Sabrina gehört, war damals nach dem Oranje-Sieg im EM-Finale einiges los. "Da sind die Holländer gekommen und haben Eier und Kacke auf unsere Häuser geworfen!" Immerhin hatte Torwart Hans van Breukelen den Sieg über Deutschland als "Geschenk an die Kriegsgeneration" bejubelt. Aber das ist 22 Jahre her. Dieses Jahr hing Sabrinas Deutschland-Flagge einträchtig neben Pascals holländischer Trikolore vor dem Wohnzimmerfenster. Ständig wurden sie von den Nachbarn darauf angesprochen. "Aber alle haben gesagt: Ihr macht das genau richtig", erzählt Sabrina. "Vor ein paar Jahren wäre das noch ganz anders gewesen!" Während der WM 2006 kellnerte Sabrina in einem der Dörfer jenseits der Grenze. Am Tag eines Deutschland-Spiels erschien sie mit Fähnchen zum Dienst. Der Fanartikel überlebte nicht lang. "Das gab richtig ruzie", sagt sie. "Ruzie" (sprich: rüsi) ist holländisch und heißt Streit.
Sabrina benutzt oft holländische Worte. Wenn sie zu Hause losradelt, ist sie in fünf Minuten im Nachbarland, ganz gleich, ob sie nach Norden, Westen oder Süden fährt. Noch vor Verlassen des Bundesgebiets verkündet die "Gaststätte Vink" auf ihren Stelltafeln schon nur noch auf Niederländisch, dass "kinderen vrijdags gratis eten". Eine Kurve weiter ist man schon in Pascals Heimatdorf Lobith. Dort bewirbt der Krämerladen "De Hut" seine Angebote nur auf Deutsch: sechs Pfund Tengelmann-Kaffee für zehn Euro, Bierbüchsen ohne Dosenpfand, 20 Paracetamol-Tabletten für 69 Cent.
Der Rest von Dosenpfanddeutschland versteckt sich aus Eltener Sicht hinter dem Hügel der Stiftskirche Sankt Vitus. Selbst dort geht es allerdings ziemlich holländisch zu. Viele der schmucken Einfamilienhäuser gewähren durch Fenster flämischen Ausmaßes großzügige Einblicke in die Wohnzimmer. Dazwischen gammelt hinter Bauzäunen vor sich hin, was einmal ein unter Holländern beliebtes Luxushotel gewesen ist. Die 83-Meter-Erhebung des niederrheinischen 4300-Seelen-Dorfes lockte nämlich noch vor fünfzig Jahren die Touristen scharenweise an - als höchster Berg der Niederlande.
Wie das gekommen war, konnte der Eltener Jakob Daams am 21. April 1949 aus nächster Nähe beobachten. Er war damals 15 Jahre alt und ging im Rathaus in die Lehre. Dort fand sich früh an jenem Aprilmorgen der britische Distriktkommandeur ein. Wenig später brauste von Westen her ein aufsehenerregender Konvoi in den Ort. Im amerikanischen Straßenkreuzer, gefolgt von niederländischen Polizisten in Jeeps und auf Motorrädern, ließ sich Adriaan Blaauboer, Kommissar Ihrer Majestät der Königin Juliana, auf den Marktplatz chauffieren. "Hunderte Eltener standen neugierig am Straßenrand", erzählt Daams seinem niederländischen Nachbarn Henk Stolk, der erst vor wenigen Jahren nach Elten zog und gerade bei Daams am Gartentisch sitzt. "Aber ich stand mit der Nase davor, als Blaauboer vom Distriktkommandanten das Papier ausgehändigt bekam." Das Papier war ein Dokument, das Elten mit sofortiger Wirkung unter niederländische Verwaltung stellte. "Unser Bürgermeister hatte da gar nichts zu melden."
Wenige Wochen bevor die Bundesrepublik ausgerufen wurde, schlugen die Alliierten Elten und rund ein Dutzend weitere Dörfer den Niederlanden zu, die ein Faustpfand für Reparationsforderungen begehrten. Was in Bonn als "Annexion" verdammt wurde, hieß in Den Haag vornehm "Grenzkorrektur". Die Sache war heikel für die Holländer. Von Forderungen nach stattlichen Gebietsabtretungen hatte eine Kommission abgeraten: Man könne es sich als Handelsnation nicht leisten, den großen Nachbarn vom Hauptabnehmer zum Erzfeind umzuwidmen.
Deshalb trat auch der Verwalter in Elten konziliant auf. "Doktor Blaauboer war an einem Samstag gekommen, und schon am Montag hatten alle Eltener, die in den Fabriken von Emmerich arbeiteten, einen Tagespass für den Grenzübertritt. Das lief reibungslos", erinnert sich Daams. Während in Deutschland die Löhne rascher stiegen als in den Niederlanden, blieben dort - und damit in Elten - die Lebensmittel billiger. Als in Den Haag 1957 dann auch noch die allgemeine Rentenversicherung eingeführt wurde, erwarben auch die Eltener Ansprüche. "Da geht wohl heute noch jedes Jahr eine gute Million nach Elten", sagt der Pensionär Stolk. Er kam nicht über die Grenze, weil ihn der "Berg" gelockt hätte, der schließlich 1963 wieder zum deutschen Durchschnittshügel mutiert war. Er kam, weil er sich und seiner Frau diesseits der Grenze ein viel größeres Haus bauen konnte. "Voll unterkellert. So was gibt es bei uns gar nicht."
Vom Rentner bis zur jungen Familie landen immer mehr Niederländer auf der Suche nach ihrem Traumhaus auf der deutschen Seite der Grenze. Den Eltener Makler Rainer Elsmann freut's: Drei von vier Objekten verkauft er an Zuzügler aus dem Nachbarland, denen er inzwischen sogar mit einer Zweigstelle im Arnheimer Vorort Rheden entgegengekommen ist. Die Preise sind in die Höhe geschnellt. Eingesessene klagen, dass sie sich die Grundstücke in den Eltener Neubaugebieten um die "Prinz-Claus-Straße" oder die "Landdrost-Blaauboer-Straße" kaum mehr leisten können.
"Eine der ersten Fragen, die mir meine holländischen Kunden stellen, ist oft die nach dem Autokennzeichen", erzählt Elsmann. Plötzlich als "Deutscher" mit schwarz-weißem Nummernschild durch die holländische Heimat zu kurven kommt vielen befremdlicher vor, als in Deutschland zu wohnen. Vielleicht auch, weil es so lange noch gar nicht her ist, dass besonders in aufgeheizten Fußballnächten deutsche Autos von holländischen Rowdies demoliert wurden. Elsmann empfiehlt seinen Kunden, beim Straßenverkehrsamt in der Kreisstadt Kleve als Kompromiss das Kennzeichen KLE-NL zu beantragen.
Schon beim Thema Kinderbetreuung und Schule hören die Fragen der Hauskäufer dann rasch auf. Die meisten bringen ihre Kinder sowieso Morgen für Morgen in niederländische Gemeinden. Der Eltener Kindergarten hat inzwischen zwar länger auf, aber eine Tagesbetreuung für Säuglinge, wie sie in den Niederlanden üblich ist, sucht man vergeblich - und die Schule war selbst unter ihrem niederländischen Rektor zwischen 1949 und 1963 dem deutschen Lehrplan treu geblieben. So müssen die Gemeinden auf der holländischen Seite viel Geld für Kindergärten und Schulen ausgeben, während Emmerich und andere deutsche Grenzkommunen die Grundsteuer einstreichen. "Erst habt ihr uns besetzt", sagt Jakob Daams zu seinem Nachbarn Stolk und grinst, "dann wieder verkauft, und jetzt kauft ihr euch das Gebiet parzellenweise zurück."
Henk Stolk hat in Deutschland die Eigenheimzulage kassiert und in den Niederlanden seine Darlehenszinsen von der Steuer abgesetzt - das Beste beider Welten, ganz legal. Doch vor allem freut er sich, in Elten heimisch geworden zu sein, während viele Landsleute Geselligkeit nur in der alten Heimat suchen. Kürzlich hat man Stolk sogar einen freien Platz in einem Kegelklub angetragen. "Wir leben eben Europa hier", sagt er, und Daams ergänzt: "Und das schon ganz schön lange!" Wo Winfried Krüger und seine Kollegen einst am Schlagbaum standen, stecken nur noch dezente Schilder den Grenzverlauf ab. Sogar mit der Deutschland-Flagge am Mercedes traut Krüger sich inzwischen auf die andere Seite. "Aber höchstens bis Arnheim."
Dort, wo die Wehrmacht den Westalliierten im September 1944 ihre letzte große Niederlage bereitete, sind die Erinnerungen an die Kriegszeit besonders bitter. Sam Rubens tut alles, um sie wach zu halten. 1935 in Rotterdam geboren, zog er 1940 nach dem deutschen Bombenangriff mit seiner jüdischen Familie nach Arnheim. Dort beobachtete er die Schlacht um die Rheinbrücke drei Tage lang aus dem Wohnzimmerfenster, "aus fünfzig Metern Entfernung". Dann musste die Familie wieder fliehen und verbrachte den Winter 1944/45 nahe Utrecht. "Manchmal aßen wir Tulpenzwiebeln. Sonst gab es nichts." Schon vor Jahrzehnten, als Rubens sein Geld noch mit Kellnern und Busfahren verdiente, stellte er sich so oft er konnte an die Brücke, meistens in einer alten britischen Fallschirmjägeruniform, wartete auf Besucher und erzählte vom Krieg. Heute kommt er fast täglich.
Leuten in seinem Alter, sagt Rubens, komme wie automatisch der Schlachtruf "Gebt uns unsere Fahrräder zurück" über die Lippen, wenn Deutschland und Holland wieder einmal sportlich konkurrieren. "Aber das muss man mit Humor sehen." Damals, als die deutschen Besatzer den Holländern die Räder stahlen, war das natürlich gar nicht lustig. "Ich kenne sogar noch vier, fünf Leute", fällt Rubens ein, "die immer noch den Umweg über Belgien und Frankreich nehmen, wenn sie zum Skifahren in die Schweiz fahren. Aber die sind mindestens so alt wie ich."
Neulich hat ihn ein Niederländer gefragt, ob denn auch viele "Moffen" zur Brücke kämen. Rubens, der stets berichtet, er habe 160 Verwandte in den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Auschwitz verloren, wies den Mann zurecht: Schon damals seien nicht alle Deutschen Nazis gewesen, und solche Schimpfworte seien unangebracht. Zumal keiner weiß, woher die Bezeichnung "Mof" (Muff) für die Deutschen überhaupt kommt.
Als aber Arnheims Bürgermeisterin im vorigen Herbst, 65 Jahre nach der Brückenschlacht, erstmals auch den deutschen Botschafter zum Gedenktag einlud, empörte Sam Rubens sich: "Wenn in Afghanistan einer unserer Jungs umkommt, bitten wir doch auch nicht die Taliban zur Trauerfeier!" Heute gibt der Fünfundsiebzigjährige zu, die Mehrheit der Arnheimer habe die Kranzniederlegung des deutschen Diplomaten zu schätzen gewusst. "Da passe ich mich dann an." Eigentlich, beharrt er dann doch, sollten die Deutschen der Ereignisse aber lieber an "ihrem" Ort gedenken: dem Soldatenfriedhof in Ysselsteyn.
Dort, eine knappe Autostunde südlich von Arnheim, hat Tarcicia Voigt heute wieder den Satz gehört, der so oft fällt, wenn Schülergruppen das Gelände mit den 32 000 Betonkreuzen betreten: "Da liegt bestimmt der Hitler begraben!" In Wirklichkeit ruhen unter dem Sarkophag am Eingang 13 Gefallene aus dem Ersten Weltkrieg. Aber Frau Voigt, die in Ysselsteyn die Jugendbegegnungsstätte der Deutschen Kriegsgräberfürsorge leitet, lamentiert nicht über die Unkenntnis vieler Schüler. Neulich, erzählt die Niederländerin, habe ein Mädchen sogar gefragt, ob der Sarkophag das Grab der Anne Frank sei. "Ist doch phantastisch", sagt sie in landestypischem Pragmatismus, "wenn holländische Kinder es heute für möglich halten, dass Anne Frank auf einem deutschen Soldatenfriedhof begraben liegt!"
Zwei deutsche Abiturienten helfen Tarcicia Voigt in Ysselsteyn. Statt eines regulären Zivildienstes in Deutschland organisieren sie hier Essensausgabe und Fahrradverleih, erklären aber auch in Führungen, was Kameradengräber sind (die Gebeine von zwei Gefallenen waren nicht mehr zu trennen), warum auch rund 500 Niederländer in Ysselsteyn begraben liegen (sie trugen deutsche Uniformen) oder wieso der einzige deutsche Soldatenfriedhof der Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt hier entstand (das ursprünglich moorige Gelände wollte sonst keiner haben). "Natürlich kommt es vor", sagt einer der Freiwilligen, "dass sogar Achtjährige auf uns zukommen und sich zwei Finger über die Oberlippe halten, so als Hitlerbärtchen. Aber", fügt der Zwanzigjährige gleich hinzu, "das ist auch nichts anderes, als wenn wir Deutschen gleich Witze übers Kiffen machen, wenn wir einen Holländer treffen."
Seine Chefin ist weit weg von der Grenze aufgewachsen. Tarcicia Voigts Mutter hatte eine Näherei in Amsterdam, die im Krieg von den Deutschen übernommen wurde. "Sie erzählte mir, wie sie dann Wehrmachtsunterhosen schneidern musste, heimlich immer etwas kürzer, um aus den Resten Babywäsche für die Verwandten zu nähen." Als Tarcicia so alt war wie ihre deutschen Zivis heute, ging sie trotzdem nach Dortmund - nicht um der Versöhnung willen, sondern wegen der Pferde. Die Niederländerin arbeitete als Reitlehrerin und lernte im Ruhrpott ihren Mann kennen. Der sollte irgendwann die Gärtnerei seiner Eltern übernehmen, hatte aber keine Lust dazu und bewarb sich daher in der Heimat seiner Liebsten. So wurde er der Verwalter in Ysselsteyn.
Beide hatten zuvor noch nie auf einem Soldatenfriedhof gestanden. "Ich bekam Gänsehaut", erzählt die frühere Reitlehrerin, die sich erst viel später zur Sozialpädagogin ausbilden ließ. "Aber nun ist der Friedhof praktisch mein Garten. Unsere Tochter hat zwischen den Gräben Schlittschuhlaufen gelernt!"
Diese Tochter, die früher auf dem Schulhof wegen ihres deutschen Opas gehänselt wurde, ist heute 32 Jahre alt und fährt seit der WM mit zwei deutschen Flaggen und zwei Oranje-Wimpeln am Auto herum. "Das wäre vor zehn Jahren unmöglich gewesen", sagt Tarcicia Voigt. Wie die Krügers in Elten sagt sie diesen Satz oft, wenn sie über das Verhältnis der Völker redet. Wie ein kleines Wunder kam es ihr vor, als sich holländische Fußballreporter im Sommer als Fans der deutschen Nationalelf outeten. Oder dass an so vielen deutschen Schulen heute Niederländisch unterrichtet werde. Von später Entspannung zeugt auch die Mitteilung, die ihr Mann kürzlich vom Haager Verteidigungsministerium erhielt: 65 Jahre nach Kriegsende wurde entschieden, dass sterbliche Überreste von Wehrmachtssoldaten, die jetzt noch gefunden werden, nicht mehr einfach in Ysselsteyn vergraben, sondern in würdevollen Zeremonien beigesetzt werden.
In Elten hat die Zeit der Annexion, in der die Bürger kein Wahlrecht, aber dafür reichlich Einnahmen hatten, kaum Wunden gerissen. 1960 hatten sich Bonn und Den Haag geeinigt: Die Bundesrepublik überwies 280 Millionen Gulden, unter anderem als Entschädigung für die Opfer des Nazi-Regimes, und sollte am 1. August 1963 um null Uhr die Grenzgemeinden zurückbekommen. Eltens holländische Zeit endete in jener Nacht ein bisschen so, wie sie gut vierzehn Jahre vorher begonnen hatte: mit einem donnernden Konvoi aus westlicher Richtung und zig Schaulustigen am Straßenrand. Diesmal waren es Hunderte schwerer Lastwagen, die sich aus den ganzen Niederlanden nach Elten begaben. Sie waren bis oben hin beladen mit Butter, Kaffee, Spirituosen und anderen Gütern, die in Deutschland teurer zu verkaufen waren als jenseits der Grenze. Als nachts die Turmuhr zwölfe schlug, waren all die Waren plötzlich in Deutschland, ohne dass Winfried Krügers Vorgänger vom Zoll die Hand hätten aufhalten können. Mancher Geschäftsmann soll dabei reich geworden sein. Und die Landesregierung in Düsseldorf überwies der Kommune später sogar noch 250 000 Mark, um die in der "Eltener Butternacht" aufgeplatzten Straßenbeläge zu reparieren.
Eine Frage beschäftigt Jakob Daams heute noch. Wie hätten die Eltener wohl abgestimmt, wenn man sie gefragt hätte, ob sie überhaupt noch in die Bundesrepublik wollten? "Stünden wir als besonderes Stück Holland besser da denn als langweiliges Eckchen Deutschland?" Henk Stolk, der Niederländer, sagt nichts dazu. Wäre Elten noch Holland, er wäre nie hierher gezogen.