http://www.faz.net/-gpf-u8gq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2007, 20:45 Uhr

Hinrichtung Saddam Husseins Beschimpfungen am Galgen

FRANKFURT, 1. Januar. Schon vor einer Woche stand in Bagdad fest, dass es Aufnahmen von der Hinrichtung Saddam Husseins geben sollte. Kurz nachdem das Oberste Berufungsgericht am vergangenen Dienstag das Todesurteil bestätigt hatte, ...

von Von Hans-Christian Rößler

Schon vor einer Woche stand in Bagdad fest, dass es Aufnahmen von der Hinrichtung Saddam Husseins geben sollte. Kurz nachdem das Oberste Berufungsgericht am vergangenen Dienstag das Todesurteil bestätigt hatte, diskutierte man in der irakischen Regierung offenbar auch darüber, den Diktator öffentlich zu hängen oder die Exekution live im Fernsehen zu übertragen.

Von der Übergabe an die Iraker durch die Amerikaner bis zu Saddams Ende sei alles gefilmt worden, sagte am Samstag der nationale Sicherheitsberater Muwaffak al Rubaie, der selbst bei der Hinrichtung anwesend war. Das habe die irakische Führung zuvor beschlossen, die nicht zuletzt auch damit dokumentieren wollte, dass Iraker Saddam töteten und nicht die Amerikaner, in deren Gewahrsam der frühere Präsident bis kurz vor seiner Hinrichtung war.

Mehr zum Thema

Falscher Anschein?

Die Bilder, die das staatliche Fernsehen dann wenige Stunden nach dem Tod des Diktators ausstrahlte, zeigten - ohne Ton - nur, was geschah, bis ihm die Henker eine Schlinge um den Hals legten. So sollte offenbar der Eindruck erweckt werden, dass sich alles korrekt zutrug und der Tod Saddams keine grausame Vergeltung war - im Unterschied zu erniedrigenden Hinrichtungen in seiner Regierungszeit und davor. Später wurden dann noch Fotos der Leiche Saddams gezeigt.

Aufnahmen, die wohl ein Zeuge mit der Kamera seines Mobiltelefons gemacht hatte, brachten aber ans Licht, dass es in den letzten Minuten der Hinrichtung zu wüsten Beschimpfungen kam. Der Sender Al Dschazira sendete sie und sie fanden nach Korrespondentenberichten schnell Verbreitung in der irakischen Hauptstadt: Mehrere Anwesende beschimpften Saddam, drohten ihm, er werde in der Hölle enden, und riefen den Namen des radikalen Schiitenführers Muqtada Sadr. Saddam fragte sie darauf, ob sie dieses Verhalten für mutig hielten. Dem Sender BBC sagte der Richter Munir Haddad, der ebenfalls während der Exekution anwesend war, Saddam habe gebetet, aber auch Amerika und Iran den Untergang gewünscht.

Bilder als Beweismaterial

Nach dem Ende des Baath-Regimes spielten Bilder als Beweismaterial eine wichtige Rolle. Im Dezember 2003 wollten viele Iraker zunächst nicht glauben, dass Saddam wirklich in Haft war. Deshalb wurden damals Aufnahmen gesendet, die zeigten, wie ein Arzt den früheren Herrscher mit langem zerzaustem Bart untersuchte, den Soldaten zuvor aus einem Erdloch gezerrt hatten. Aus demselben Grund ließen die Amerikaner schon im Juni die Leichen der beiden Söhne Saddams filmen, die bei einer Militäraktion im Nordirak getötet worden waren.

Die Zurschaustellung des Todes politischer Gegner hat im Irak eine längere Geschichte. Kurz nachdem Saddam Hussein 1979 Präsident geworden war, berief er eine Sitzung des Revolutionären Kommandorats ein. Dort verlas er - eine Zigarre rauchend - vor laufenden Kameras die Namen von 60 Führungsmitgliedern, die sofort abgeführt und getötet wurden. Zehn Jahre zuvor ließ die Baath-Partei nach ihrer Machtergreifung mitten in Bagdad 14 "Spione", darunter mehrere Juden, öffentlich erhängen. Rundfunk und Fernsehen übertrugen es live.

Gewaltsame Machtwechsel verliefen im Irak meist blutig. Nach dem Sturz des Präsidenten Qassem 1963 zeigte das irakische Fernsehen dessen mit Einschüssen übersäte Leiche an mehreren Abenden, um alle davon zu überzeugen, dass er wirklich tot war. Nach dem Sturz der irakischen Monarchie war 1958 nicht nur König Faisal II., sondern auch seine Familie samt Frauen und Kindern getötet worden. Die Leiche des besonders verhassten früheren Regenten Abdul Ilah übergaben die Putschisten dem Mob, der sie durch Bagdad schleifte und zerstückelte. Die Leichenteile des wenige Tage später getöteten Ministerpräsidenten Nuri Said wurden wie Trophäen durch die Hauptstadt getragen.

Ein Begräbnis wurde diesen Getöteten ebenso verweigert wie später den meisten Opfern des Saddam-Regimes, die oft in Massengräbern verscharrt wurden. Die Leiche Saddam Husseins übergab die Regierung dagegen dessen Stamm, der den Diktator in seinem Geburtsort Audscha unweit seiner beiden Söhne beisetzte.

Quelle: F.A.Z., 02.01.2007

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kicken Berlin Hinter dem Schleier des Zweitakterqualms

Die Galerie Kicken Berlin rekonstruiert die wegweisende Fotografieausstellung In Deutschland von 1979 - und lässt sie durch Ost-Fotografen ergänzen Mehr Von Freddy Langer

29.07.2016, 10:32 Uhr | Feuilleton
Irak Tausende Menschen fliehen vor Kämpfen bei Mossul

Tausende Zivilisten sind im Irak vor den Kämpfen zwischen irakischen Streitkräften und der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat in der Nähe der Stadt Mossul geflohen. Mossul ist die letzte irakische Großstadt, die sich in der Hand der Dschihadisten befindet. Seit der Intervention der von Amerika geführten Militärallianz im Herbst 2014 verliert die Dschihadistenmiliz zunehmend an Boden. Mehr

28.07.2016, 18:01 Uhr | Politik
Anschlag auf Kirche Auch der zweite Attentäter war Polizei bekannt

Zwei Tage nach der Ermordung eines Priesters ist auch der zweite Attentäter identifiziert. In Frankreich wird nun darüber diskutiert, ob Fotos von ihm und anderen IS-Terroristen gezeigt werden sollen. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

28.07.2016, 13:17 Uhr | Politik
Zeremonie in Normandie Gedenken an getöteten Pfarrer

Mit einer Zeremonie ist im französischen Städtchen Saint-Etienne-du-Rouvray des getöteten Priesters gedacht worden. Zwei radikale Islamisten hatten eine Kirche überfallen und den Geistlichen getötet. Nach dem Anschlag auf das Gotteshaus hat eine IS-nahe Agentur ein weiteres Video veröffentlicht, das einen der Attentäter zeigen soll. Mehr

29.07.2016, 15:02 Uhr | Gesellschaft
Obama wirbt für Clinton Die große Kuschel-Show

Barack Obama und sein Vizepräsident Joe Biden geben auf dem Parteikonvent der Demokraten die befreit aufspielenden Einpeitscher für Hillary Clinton. Die hofft vor allem auf die Wählerbasis der beiden, die so genannte Obama Coalition. Mehr Von Simon Riesche, Philadelphia

28.07.2016, 07:40 Uhr | Politik

Söder persönlich

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Die Kanzlerin bekräftigt „Wir schaffen das“ und die CSU bleibt leise? Nein, denn jetzt hat sich Markus Söder zu Wort gemeldet. Fragt sich nur, was er denn von der Kanzlerin erwartet hatte. Mehr 54 40

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden