18.01.2010 · Nach dem Erdbeben in Haiti läuft die internationale Hilfe endlich langsam an - und längst hat ein kleinkarierter Wettlauf um ihre „Führung“ begonnen. Dabei hängt letzlich doch alles von Amerika ab. Ohne das langfristige Engagement Washingtons hat Haiti auch keine Zukunft.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerZehntausende Menschen umgekommen, Hunderttausende obdachlos, Millionen auf Hilfe angewiesen – immer klarer werden das Ausmaß der Katastrophe, die Haiti getroffen hat, und der Umfang der Hilfe, die geleistet werden muss. Es ist tragisch, dass erst jetzt wirksame Hilfe die Leidenden erreicht. Das ist eine Folge des Bebens, aber auch Folge eines langen Scheiterns: Haiti war ein Staat, den seine Machthaber nach allen Regeln der Despotie zugrunde gerichtet hatten. Jetzt, da er sich mühsam zu fangen schien, ist seine Infrastruktur vollends ausgelöscht worden. Die Ohnmacht der Restregierung passt zur Verzweiflung der Überlebenden. Die Nothelfer wissen nicht, wo sie anfangen sollen und können.
Als hätten die internationalen (Hilfs-)Organisationen nichts Besseres zu tun, beginnt bereits eine kleinkarierte, angesichts der Opferzahl eigentlich ungeheuerliche Rivalität um die „Führung“. Mexiko hat eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats einberufen allein mit dem Ziel, die Rolle der Vereinten Nationen bei der Bewältigung der Katastrophe zu stärken – welche die UN für die schlimmste in ihrer Geschichte halten. Auch in Europa haben sich erste – und bekannte – Profilierungsneurotiker zu Wort gemeldet. Das richtet sich natürlich gegen die Vereinigten Staaten, die die riesige Hilfsmaschinerie ihrer Streitkräfte in Gang gesetzt, große Geldsummen bereitgestellt und prominente Spendensammler aufgeboten haben. Keine Macht der Welt wäre imstande, Ähnliches auf den Weg zu bringen. Und auch nicht willens dazu – siehe etwa die bescheidene öffentliche Hilfe aus Deutschland und das traurige Bild, das die deutsche Diplomatie in Haiti abgegeben hat.
Ohne Washington hat Haiti keine Zukunft
Das ist die politische Wahrheit: Ohne den zupackenden Einsatz Amerikas geht es nicht, so selbstlos der Einsatz anderer Hilfskräfte auch ist. Ohne das langfristige Engagement Washingtons hat Haiti auch keine Zukunft. Eine entsprechende Bereitschaftserklärung der Außenministerin Clinton werden die überlebenden Haitianer nicht als Drohung verstehen, sondern als Weg aus dem Elend. Und vielleicht als Wiedergutmachung für frühere Gleichgültigkeit. Das ist eine Lehre, die aus der Vernachlässigung fragiler Staaten – selbst in der eigenen Nachbarschaft – zu ziehen ist: Sie neigen dazu zu scheitern. Dieses Scheitern hat eine Naturkatastrophe, die man sich schwerer kaum vorstellen kann, noch verschlimmert.
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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