22.05.2009 · Altkanzler Helmut Schmidt spricht auf dem Kirchentag in Bremen mit dem Präsidenten der Weltbank, Robert Zoellick, über „Verantwortung in der globalen Krise“. Es ist ein Abend der historischen Vergleiche, Einordnungen und Erinnerungen.
Von Friedrich Schmidt, BremenEs ist ein Abend der historischen Vergleiche, Einordnungen und Erinnerungen. Es sei für ihn eine Freude, wieder einmal nach Bremen eingeladen worden zu sein, sagt Helmut Schmidt. Von 1937 bis Kriegsbeginn habe er in hier in Bremen seinen eine Wehrdienst gemacht, „mit 50 Pfennig Wehrsold am Tag“, was gerade für ein Pils in der Stadt oder dafür gereicht hätte, „mit dem Dampfzug nach Fischerhude zu fahren und Maler- und Musikerfreunde zu treffen, die keine Nazis waren“.
Schmidt, ehemals Bundeskanzler, nun Weltweiser, spricht an diesem Abend mit dem Präsidenten der Weltbank, Robert Zoellick, auf der Bühne im riesigen AWD-Dome auf dem Kirchentag über „Verantwortung in der globalen Krise“. Da werden Wissen und Erfahrung von neun Jahrzehnten mehr denn je zum Trumpf. Anders als in den Jahren 1929 und 1930 hätten die Regierungen von heute erkannt, sagt Schmidt etwa, dass nun, in der Krise, die Nachfrage stimuliert werden müsse. Doch brauche es Regeln.
Als er Kind gewesen sei, habe es in der Lüneburger Heide keine Autobahn gegeben. „Es gab ja auch keine Autos. Nur Schafe, oder Heidschnucken. Die Schafe brauchten nicht auszuweichen. Es gab ja keinen Verkehr.“ Im Kapitalverkehr hingegen gebe es keine Verkehrsregeln, und der Missbrauch habe sich im Laufe der vergangenen 30 Jahre gewaltig ausgedehnt. Tausende johlen und klatschen. Schmidt, den Scheitel akkurat wie stets, ein weißes Einstecktuch im dunklen Anzug, verzieht keine Miene. Rauchen wird er heute den ganzen Abend nicht.
In der Diskussion liefert Schmidt die Thesen, Zoellick, den ein prächtiger Schnurrbart ziert, illustriert und korrigiert höflich, was allzu brüsk daherkommt. Etwa, als Schmidt vorschlägt, Entwicklungshilfe nur unter zwei Bedingungen auszuzahlen: Die Militärausgaben des Landes müssten begrenzt werden, und es müsse „gleiche Chance für Mädchen und Jungs schaffen“. Jubel im Dome.
Anreize statt Umverteilung
Zoellick sagt, das sei eine hervorragende Idee. Aber wenn man etwas vorschreibe, erreiche man weniger, als wenn man Anreize schaffe. Schmidt sagt, er halte eine Umverteilung von den reicheren an die ärmeren Länder weder für wünschenswert noch für machbar. Beispiel Nigeria: „120 Millionen Menschen geht es nicht gut, mit Ausnahme von ein paar Schiebern in Lagos.“ Eine Regierung müsse ihren Wählern vermitteln, Steuern dafür aufzuwenden. Dafür gebe es keine Mehrheit, zum Glück. Und nebenbei: „Demokratie ist die beste Staatsform, die wir in Deutschland je ausprobiert haben.“
Zoellick sagt dann, es gehe um Umverteilung von Möglichkeiten. Und als Schmidt sagt, die Masse der Deutschen sei ja nun ganz gelungen; nur eine Minderheit habe eine kriminelle Ader und müsse ins Gefängnis; und dann gebe es eine dritte Gruppe, die Investmentbanker, die vom Charakter her nicht mehr zu ändern sei und unter Aufsicht gehöre, was Jubelstürme im Saal auslöst, sagt Zoellick, der selbst kurzzeitig Investmentbanker war, jene stünden als Störenfriede nur Politikern nach.
Trotz seiner jüngeren Jahre kann auch Robert Zoellick mit historischen Bezügen aufwarten. Seine Familie habe Hamburg und Bremen vor 120 Jahren verlassen. Vor 20 Jahren sei er dann wiedergekommen, um „Amerikas Versprechen an Deutschland zu erfüllen: Freiheit und Einheit“. Letztere drei Worte sagt er auf Deutsch. Er war in den Wendejahren im Stab des damaligen amerikanischen Außenminister James Baker, gestaltete die 2+4-Verträge mit.
Die Organisatoren des Kirchentags wollen mit seinem Auftritt auch eine Lücke vergangener Kirchentage schließen: Den Mangel an hochrangigen Wirtschaftsfachleuten. Zoellick und Schmidt, der auf dem Gebiet natürlich ebenfalls vom Fach ist, reden dann auch über Wirtschaftswachstum, das selbst in führenden Kirchenkreisen nicht beliebt ist.
Es möge Leute geben, die zu Hause in ihrem Studierzimmer darüber nachdächten, ob es auch ohne Wachstum gehe, sagt Schmidt. Doch werde es „weitergehen, selbst wenn es einige nicht wollen“. Um Wachstum zu stoppen, „müsste es echte Opfer geben. Das will aber keiner hier.“
Der Weltbankpräsident sagt, man müsse den Kuchen größer machen, damit sich die Lage in den ärmeren Ländern verbessere. Im historischen Maßstab versöhnlich geht es gen Ende. Schmidt sagt, man müsse sehr zufrieden sein damit, dass „die großen Mächte und die kleinen viel besser zusammenarbeiten als je im Verlauf des 20. Jahrhunderts“. Von einer Weltregierung halte er nicht viel. Eine solche habe es ein letztes Mal vor 2000 Jahren gegeben, das Römische Reich. Dann habe es in den Jahren 2001 fortfolgende „ein reichlich anmaßender Präsident“ wiederversucht, was nun dessen Nachfolger besser machen wolle. Dabei möge ihm „der liebe Gott“ helfen, sagt Schmidt. Schließlich ist Kirchentag.
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