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Helmut Schmidt : Amerika wählt den Isolationismus

Helmut Schmidt im Januar 2014, bei den Feierlichkeiten zu seinem 95. Geburtstag Bild: REUTERS

Die Vereinigten Staaten von Amerika werden sich für lange Zeit von der Weltbühne verabschieden, sagt Altkanzler Helmut Schmidt. Er wird am Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz für seine Rolle in der Verteidigungspolitik ausgezeichnet.

          Die Vereinigten Staaten werden sich aus den globalen Machtkämpfen bis zur Mitte des Jahrhunderts sukzessive zurückziehen, glaubt Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). In einem Videointerview mit der Münchner Sicherheitskonferenz sagte der 95 Jahre alte SPD-Politiker, die Mehrheit der Amerikaner werde künftig eher „an einer anständigen europäischen Sozialversicherung interessiert sein“, als sich an einem Streit um „irgendwelche Inseln im Chinesischen Meer“ zu beteiligen.

          Schmidt, der am Samstagnachmittag für seine langjährige Rolle im Rahmen der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik mit dem Ewald-von-Kleist-Preis der Münchner Sicherheitskonferenz ausgezeichnet werden soll, war in seiner Zeit als Verteidigungsminister sowie später als Bundeskanzler maßgeblich für die sicherheitspolitische Ausrichtung der Bundesrepublik verantwortlich. Das Ende seiner Kanzlerschaft 1982 durch ein konstruktives Misstrauensvotum der FDP stand maßgeblich im Zusammenhang mit dem Beschluss zur Stationierung amerikanischer und mit Atomwaffen bestückbarer Mittelstreckenraketen im Zuge des Ost-West-Konflikts.

          Schmidt untermauerte seine Vermutung mit der wiederkehrenden isolationistischen Tradition in der amerikanischen Außenpolitik, ihrer prognostizierten Unabhängigkeit von Energieimporten ab 2020 und den Folgen der sich wandelnden Gesellschaftsstruktur des Landes. Ab der Mitte des Jahrhunderts, so Schmidt, werde die Mehrheit der Bevölkerung von Afro- und Lateinamerikanern gestellt. Deren Familien würden sich häufig mehr auf das Fortkommen ihrer Kinder konzentrieren als auf sicherheitspolitische Konflikte.

          Schmidt: „Lampedusa ist nur ein Vorspiel“

          Große sicherheitspolitische Herausforderungen machte Schmidt für Russland aus. „Das Problem der Russen ist ihr riesiges Territorium“, sagte Schmidt. Während im Land selbst die Bevölkerung schrumpfe und ganze Landstriche aufgegeben werden müssten, würden die mehrheitlich muslimisch geprägten Nachbarstaaten Zentralasiens, inklusive Afghanistan und Pakistan, ständig mehr Kinder bekommen. Ohne es zu sagen hob Schmidt damit auf einen Migrationsdruck ab, der auf den russischen Grenzen zukommen könnte. Vor einem ähnlichen Problem stehe China.

          Als größte Herausforderung bezeichnete Schmidt in dem Gespräch den weltweiten Verstädterungsprozess. Er erinnerte daran, dass die Weltbevölkerung laut Prognosen bis zum Jahr 2050 auf neun Milliarden Menschen anwachsen werde und die Menschen in den Städten zunehmend verarmten. Das bringe auch für Europa Sicherheitsprobleme mit sich. „Lampedusa ist erst ein Vorspiel“, sagte Schmidt mit Blick auf die Flüchtlinge, die gegenwärtig von Afrika über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen suchen.

          Die Münchner Sicherheitskonferenz forderte Schmidt dazu auf, den Aufstieg Chinas, die sicherheitspolitischen Uneinigkeit Europas und die schwindende Gestaltungsmacht der Amerikaner zur Kenntnis zu nehmen. Die Teilnehmer müsste sich mit  geostrategischen und geoökonomischen Problemen befassen – auch zusammen mit den Chinesen. Dass die Vertreter Pekings inzwischen regelmäßig auf der Konferenz vertreten sind, halte er für „sehr vernünftig.“

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