11.11.2004 · Beide treten äußerst selbstbewußt auf, beide verstehen es, ganze Gruppen von Menschen zu unterhalten, und beide genießen es, im Mittelpunkt zu stehen.
Von Joachim HerrBeide treten äußerst selbstbewußt auf, beide verstehen es, ganze Gruppen von Menschen zu unterhalten, und beide genießen es, im Mittelpunkt zu stehen. Doch auf einen auffälligen Unterschied zwischen dem alten und künftigen Vorstandschef machte Heinrich von Pierer, der Ende Januar die Aufgabe an Klaus Kleinfeld übergibt, selbst aufmerksam. "Herr Kleinfeld hat noch mehr Temperament als ich, und das ist auch gut so", sagte Pierer am Ende seiner letzten Jahrespressekonferenz. Er hat sie wie gewohnt - eingerahmt von Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger und Eberhard Posner, seinem Chef für die Öffentlichkeitsarbeit, - souverän gemeistert. Einen Anflug von Wehmut zum Abschied gab er aber zu. Kleinfeld war noch nicht dabei. Er debütiert vor den Medien auf der Halbjahrespressekonferenz im kommenden Frühjahr in Lissabon. Doch vom Temperament des seit dem vergangenen Samstag 47 Jahre alten Managers konnten sich Journalisten am Vorabend der Jahrespressekonferenz überzeugen. Das Mobiltelefon eines italienischen Medienmannes ließ er nach einem Abendessen in fröhlicher Runde in ein Glas voll Wasser plumpsen. Das Gerät des Konkurrenten Nokia bestand den Test auf Wasserfestigkeit zwar nicht, doch Kleinfeld tröstete den Journalisten mit zwei neuen Handys von Siemens. Das Experiment verursachte nur einen kleinen Sturm im Wasserglas, aber der künftige Siemens-Chef läßt keine Zweifel aufkommen: Er ist ein Mann der Tat - manchmal auch der drastischen Worte. "Scheißegal, was für ein Problem das ist", polterte Kleinfeld mit erhobener Stimme in einer Diskussion mit einem Journalisten. "Es muß eine Lösung geben." Etwas später fand er zu sanften Tönen: "Ich liebe das, gemeinsam mit Mitarbeitern Lösungswege aufzuzeigen."
Der gebürtige Bremer, der das Geschäft von Siemens in Amerika aus einem tiefen Verlustloch herausgeholt hat, tritt die Nachfolge Pierers am 27. Januar nach der Hauptversammlung mit viel Sympathie von Mitarbeitern, Analysten und Journalisten an. "Ich bin etwas neidisch", gesteht Pierer - vermutlich nur halb im Scherz. Schließlich ist er seit 1992 "Mister Siemens" und bereitet sich nun darauf vor, als Aufsichtsratschef nicht mehr im Mittelpunkt des Konzerns mit 430 000 Mitarbeitern in 190 Ländern zu stehen. Seine Freizeitpläne sind standesgemäß für einen Spitzenmanager: Das Handicap im Golf (25,6) verbessern. Außerdem will er auf dem Tennisplatz eine noch bessere Figur machen. In der Seniorenliga, in der er für seine fränkische Heimatstadt Erlangen überwiegend gegen Fünfzigjährige spielt, verliere er kaum einmal, sagt der ehrgeizige frühere bayerische Jugendmeister stolz.
Gefragt und ungefragt gab Pierer vor den Journalisten Ratschläge an seinen Nachfolger. Den Ruf eines harten Sanierers solle Kleinfeld nicht übertrieben pflegen. "In Amerika hat er die Herzen der Leute gewonnen mit dem Motto ,Nobody is perfect, but a team can be'", erzählte Pierer, der im Januar 64 Jahre alt wird. Generell empfehle er dem Vorstandsvorsitzenden mit dem großen Mannschaftsgeist, sich gut mit dem Aufsichtsrat zu stellen. Auch bei diesem Spaß ist wohl eine Portion Ernst dabei.
Doch sein Nachfolger, der große, schlanke Mann mit dem Spitzbubenlächeln und der markanten Nase, ist kein Ja-Sager und legt keinen Wert auf Mitarbeiter, von denen niemals Widerworte zu hören sind. "Ich bin auch Vorstandsvorsitzender von Siemens geworden, weil ich viele Kontroversen mit Herrn von Pierer habe", meint der künftige Mann an der Spitze, von seinen Fähigkeiten und seinem Können überzeugt. "Je höher Sie steigen, desto stärker muß der Widerspruch sein." Kleinfelds Satz könnte in jedem Ratgeber für Manager stehen. "Aber der Widerspruch muß mit Substanz hinterlegt sein." Die Kritiker des unmittelbaren Wechsels vom Posten des Vorstandschefs zum Aufsichtsratsvorsitzenden beruhigt dies vielleicht etwas. Das Duo Kleinfeld/Pierer harmoniert nach außen schon lange als eingespieltes Team, in der Siemens-Zentrale fliegen aber manchmal die Fetzen, wenn beiden zu glauben ist.