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Heiner Geißler gestorben : Ein streitbarer Gefolgsmann

Geißler als Familienminister zusammen mit Helmut Kohl bei einer Haushaltsdebatte im Bundestag im September 1983 Bild: Picture-Alliance

Heiner Geißler war jahrelang die prägende Figur im Amt des CDU-Generalsekretärs. Doch das hielt ihn nicht davon ab, seinen Vorsitzenden und Kanzler, Helmut Kohl, öffentlich zu kritisieren. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

          Niemand sonst hat ein politisches Amt so geprägt wie er – und auch fast dreißig Jahre nach seinem Ausscheiden war der das Maß aller Dinge: Heiner Geißler, Generalsekretär der CDU, zu Zeiten Helmut Kohls, des Parteivorsitzenden und Bundeskanzlers. Sämtliche Nachfolger mussten sich an ihm messen lassen – gewollt und ungewollt. Geißler war Manager des politisches Betriebes. Er hat Wahlkämpfe organisiert, den politischen Gegner verbal bekämpft wie kaum einer sonst. Das war seine Pflicht. Zugleich aber hielt Geißler Distanz zu seinem Vorsitzenden. Er war kein Bückling. Wenn es an Kohl etwas zu kritisieren hab, tat er das. Geißler fühlte sich – und ließ es auch wissen – als Geschäftsführender Parteivorsitzender.

          Günter Bannas

          Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

          Auch wenn Kohl ihm allerhand zu verdanken hatte – ihr Einvernehmen ging in die Brüche. 1989 war das. Zwölf Jahre lang war Geißler damals der Chef des Konrad-Adenauer-Haus in Bonn gewesen. Der Modernisierer, der SPD und Grüne heftigst attackierte – und der zugleich innerhalb der CDU und mehr noch von der CSU als „links“ kritisiert worden war. Geißler war stets ein politisch unabhängig denkender Kopf. Angst war ihm fremd. Holzen konnte er – und ebenso politische Analysen formulieren. Machtpolitiker war er und auch ein Denker.

          Geißler wurde 1930 in Oberndorf am Neckar geboren. Er ging auf eine Jesuitenschule. Er war sogar Novize in dem Orden. Doch hörte er damit auf. Geißler studierte Rechtswissenschaften, legte die Staatsprüfungen ab und wurde promoviert. Das Thema mag in der damaligen Zeit schon eine Provokation gewesen sein: „Das Recht der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen.“ Eine kurze  Zeit arbeitete er als Richter in Stuttgart. Doch rasch wurde die Politik sein Beruf – seine Berufung auch. Mitglied der CDU-Studentenorganisation RCDS war er, von 1961 an auch Vorsitzender der Jungen Union in Baden-Württemberg. 1965 Wahl in den Bundestag. Zwei Jahre später Berufung in das Amt des Sozialministers von Rheinland-Pfalz - noch unter Peter Altmeier, dem Vorgänger Kohls als Ministerpräsident. Kohl behielt ihn im Ministeramt.

          Schlichter Geißler : „Wir machen das, was ich sage.“

          1977 machte Kohl, mittlerweile CDU-Bundesvorsitzender geworden, den Sozialpolitiker zum CDU-Generalsekretär. Geißler baute – auch personell – in der CDU-Zentrale einen Apparat auf, der ihm verpflichtet war. Kohl sah das mit Bedenken. Doch er hielt an ihm fest. Die Bundestagswahlkämpfe der CDU 1980, 1983 und 1987 wurden von Geißler organisiert. Zugleich konnte er den politischen Gegner provozieren wie kaum einer sonst. Die auf die damals neue Partei der Grünen gemünzte Formulierung im Bundestag, „ohne den Pazifismus der dreißiger Jahre wäre Auschwitz  nicht möglich gewesen“, trug ihm seitens des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt den Vorwurf ein, „der schlimmste Hetzer seit Goebbels“ zu sein.

          Doch in Sachen Frauen-  und Ausländerpolitik war er den Grünen nahe. Er sorgte dafür, dass Rita Süßmuth seine Nachfolgerin im Jugend- und Familienministerium wurde. Er warb für eine „multikulturelle Gesellschaft“. Als er Ende der achtziger Jahre Kohl und die CDU in der Krise sah, zählte er zu denen, die über eine Trennung von Parteivorsitz und Kanzlerschaft nachdachten. Kohl beendete die Zusammenarbeit.

          Hernach war Geißler viele Jahre in der engeren Führung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er pflegte weiterhin das offene Wort über Kohls Politik – und später auch über die Spendenaffäre des dann vormaligen Bundeskanzlers. 2002 schied Geißler aus dem Bundestag aus. Immer wieder wurde er zum  Schlichter in Tarifauseinandersetzungen berufen und später noch für das Projekt „Stuttgart 21“.

          Zusammen mit seinem Vertrauten Norbert Blüm nahm er im vergangenen Juli an der Totenmesse für seinen Jahrgangsgenossen Kohl im Speyerer Dom teil – tief gebeugt von den Lasten des Alters. Am Dienstag vergangener Woche sollte Geißler an einer Veranstaltung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Bonn teilnehmen. „Von der Bonner zur Berliner Republik“, war das Thema. Geißler musste absagen. Am Dienstag ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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