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Hedge-Fonds Heilsbringer oder Hasardeure?

09.02.2007 ·  Ein und derselbe Hedge-Fonds hat es - theoretisch - in der Hand, dass ein Arbeitnehmer eines mittelständischen Unternehmens wegen geforderter Umstrukturierungen entlassen wird und dass die Lebensversicherung ebenjenes Arbeitnehmers ordentlich in die Bredouille gerät.

Von Benedikt Fehr und Daniel Schäfer
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Heilsbringer der Finanzmärkte oder ein Risiko für die Stabilität der Weltwirtschaft? Sogenannte Hedge-Fonds sind derzeit der Anlass für aufgeregte Debatten in der internationalen Politik. Auf ihrem Treffen in Essen werden die Finanzminister der G-7-Staaten an diesem Wochenende vor allem darüber diskutieren, wie die Transparenz dieser zum Teil hochspekulativen Anlagegesellschaften verbessert werden kann, um etwaige Risiken für die Kapitalmärkte künftig rechtzeitig zu erkennen. Doch was sind Hedge-Fonds überhaupt, welche Risiken gehen von diesen neuen "Königen der Finanzmärkte" aus?

In Deutschland sind Hedge-Fonds der breiten Öffentlichkeit eigentlich erst durch ihre Revolte bei der Deutschen Börse im Jahr 2005 bekannt geworden. Dort drängten einige britische und amerikanische Anlagegesellschaften den damaligen Börsenchef Werner Seifert aus dem Amt und zwangen das Unternehmen zu hohen Dividendenzahlungen. Ein ähnliches Schicksal droht derzeit dem mittelständischen Fotoverarbeiter Cewe Color in Oldenburg, bei dem sich Hedge-Fonds ebenfalls engagiert haben. Beide Fälle sind spektakulär und für die jeweiligen Unternehmen unangenehm - doch beide stehen nicht für die Masse der Hedge-Fonds - und auch nicht für die Gefahren, die von ihnen ausgehen.

Mehr als Versammlungen lärmender Gesellen

Denn Hedge-Fonds sind mehr als nur Versammlungen lärmender Gesellen, die sich in ein Unternehmen einkaufen, um dessen Vorstand mit viel öffentlichem Radau aus dem Amt zu jagen. Das Betätigungsfeld dieser Anlagegesellschaften umfasst in Wirklichkeit ungefähr alles, was auf den Kapitalmärkten handelbar ist: Sie handeln mit Währungen, kaufen Schweinehälften, spekulieren mit Krediten - ganz gleich, ob der Schuldner ein großes Unternehmen, ein schwäbischer Mittelständler oder der Popsänger Michael Jackson ist.

Hedge-Fonds erwerben zudem genauso chinesische Aktien wie deutsche Wohnimmobilien. Das unterscheidet sie von Beteiligungs- oder Private-Equity-Fonds. Letztgenannte Investoren-Spezies, die der heutige Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) einst als "Heuschrecken" titulierte, hat sich darauf spezialisiert, ganze Unternehmen zu kaufen und diese für viele Jahre zu halten. Hedge-Fonds dagegen verfolgen oft sehr kurzfristige und ständig wechselnde Anlagestrategien.

Ein Nebenprodukt zunehmender Regulierung

Entstanden sind diese Fondsgesellschaften als Folge der zunehmenden Bankenregulierung. Je transparenter die Banken wurden, desto mehr Hedge-Fonds entstanden. Denn Hedge-Fonds unterliegen bislang praktisch keiner regulatorischen Aufsicht und müssen sich noch nicht einmal bei den Aufsichtsbehörden anmelden. Ein Versuch der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC, die Hedge-Fonds zu einer Registrierung zu zwingen, wurde im vergangenen Jahr von einem Gericht zurückgewiesen. Auch wenn die meisten Fondsmanager im New Yorker Vorort Greenwich und in London arbeiten, sind viele dieser Fonds in kaum regulierten und nicht gerade für Transparenz bekannten Steuerparadiesen wie den Cayman Islands oder den britischen Kanalinseln angesiedelt.

In den vergangenen Jahren ist die Hedge-Fonds-Branche rasch gewachsen. Nach groben Schätzungen haben die rund 9000 Hedge-Fonds weltweit mittlerweile mehr als 1,3 Billionen Dollar angesammelt. Da die Mehrheit dieser Fonds zusätzlich zum Eigenkapital noch Schulden aufnimmt, ist ihre wahre Bedeutung aber noch weitaus größer: Manche Schätzungen veranschlagen das gesamte Anlagevolumen auf bis zu zehn Billionen Dollar.

Da Engagements, die zum großen Teil mit Krediten finanziert sind, besonders riskant sind, reagieren die Manager von Hedge-Fonds oft rasch und heftig, wenn sich Kurse und Preise für sie ungünstig entwickeln. Diese Reaktion wiederum kann die Entwicklung am Markt verstärken: Eine ursprünglich kleine Schwäche der Aktienkurse löst dann weitere Verkäufe aus - so dass die Kurse immer stärker unter Druck geraten. In einem Extremszenario löst der Kollaps eines Fonds eine Kettenreaktion aus, die das gesamte Finanzsystem gefährdet - so geschehen vor neun Jahren, als die Krise des großen amerikanischen Hedge-Fonds LTCM die Finanzmärkte an den Rand eines Zusammenbruchs brachte.

Risiken kaum noch abschätzbar

Zudem sind Banken, Börsen und Hedge-Fonds heutzutage durch komplizierte Finanzströme derart miteinander verwoben, dass die wahren Risiken kaum noch abschätzbar sind. Banken geben Hedge-Fonds Kredite, reichen diese Kredite wiederum an Hedge-Fonds weiter und sind zum Teil selbst als Hedge-Fonds tätig. Andererseits tragen Hedge-Fonds dazu bei, dass die Kapitalmarktrisiken heutzutage auf viel mehr Schultern verteilt sind als noch vor ein paar Jahren. Das wirkt in der Tendenz stabilisierend. Als Beleg dafür gilt, dass die Finanzmärkte im vergangenen Herbst den Zusammenbruch des amerikanischen Hedge-Fonds Amaranth ohne größere Turbulenzen "verdaut" haben - obwohl dieser Fonds binnen einer Woche durch fehlgeschlagene Wetten auf Erdgaspreise atemraubende 6,6 Milliarden Dollar verloren hatte.

Allerdings weiß niemand, ob solche Debakel auch in Zukunft so glimpflich ablaufen. Die Leidtragenden einer möglichen Krise könnten neben einzelnen Hedge-Fonds und Banken nicht zuletzt zahlreiche Pensionsfonds und Versicherungen sein. Denn diese institutionellen Anleger haben in den vergangenen Jahren wegen der attraktiven Renditen große Summen in Hedge-Fonds investiert - vor allem in den angelsächsischen Ländern, in jüngster Zeit aber auch zusehends in Deutschland.

„Carry-Trades“ als Spielball

Auf dem G-7-Treffen in Essen wird vor allem über eine Hedge-Fonds-Geschäftsstrategie diskutiert werden, die im Fachjargon als "Carry Trade" bezeichnet wird. Aktuell nutzen Hedge-Fonds dabei, dass der Leitzins in Japan als Spätfolge der dortigen Deflation nur marginale 0,25 Prozent beträgt. Sie nehmen Yen-Kredite in großem Stil praktisch zum Nulltarif auf und tauschen die Yen in Währungen mit höheren Zinsen um - zum Beispiel in den Euro, der immerhin Zinsen von 3,5 Prozent bietet, oder amerikanische Dollar, wo es 5,25 Prozent gibt. Die so ausgelösten Yen-Verkäufe drücken den Wechselkurs des Yen nach unten, die Euro-Käufe den Euro-Kurs nach oben. Deshalb ist der Euro Ende Januar zum Yen auf ein Rekordhoch gestiegen, auch der Dollar stieg zum Yen auf ein vieljähriges Hoch.

Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen und Arbeitsplätze ist die Yen-Schwäche einigen europäischen Wirtschaftspolitikern ein Dorn im Auge. Sie verlangen, dass die japanische Notenbank ihren Leitzins anheben solle, um die Attraktivität von "Carry Trades" und die durch sie ausgelösten Yen-Verkäufe zu verringern. Die japanische Regierung lehnt dies ab, da sie ihre Wirtschaft für weiterhin deflationsgefährdet hält. Die internationalen Währungshüter wiederum sind besorgt, weil die billigen Yen-Kredite über "Carry Trades" an vielen Finanzmärkten spekulativen Übertreibungen Vorschub leisten. Darin liegt die Gefahr eines Rückschlags: Sollte sich das derzeit gute Klima an den Kapitalmärkten eintrüben, könnten die agilen Hedge-Fonds dazu übergehen, ihre riskanten "Carry Trades" aufzulösen. Die dadurch ausgelösten Kursbewegungen könnten dann rasch Eigendynamik entwickeln und sich in heftigen Turbulenzen entladen.

Quelle: F.A.Z., 10.02.2007, Nr. 35 / Seite 2
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