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Saudischer Journalist : Verschwinden eines Kritikers

Jamal Khashoggi in 2012. Bild: EPA

Hat Saudi-Arabien einen Journalisten entführt? Das Verschwinden von Jamal Khashoggi wird zum Politikum.

          Was ist mit Jamal Khashoggi geschehen? Am Dienstag betrat der prominente saudische Dissident und Journalist am frühen Nachmittag das Konsulat seines Landes in Istanbul. Er benötigte Papiere, welche die Scheidung von seiner saudischen Ehefrau bestätigen, damit er seine türkische Verlobte heiraten kann. Sie wartete vor dem Gebäude. Vergeblich. Am Mittwoch und Donnerstag tauchte Khashoggi nicht auf, auch Freitag herrschte bis zum frühen Abend Ungewissheit. Khashoggis Umfeld ist seit seinem Verschwinden in großer Sorge. Einem Freund hatte er nach Angaben der „New York Times“ am Tag vor dem Besuch des Konsulats von seiner Furcht berichtet, er könne nach Saudi-Arabien verschleppt werden. Der Journalist war ein scharfer Kritiker des saudischen Kronprinzen Muhammad bin Salman, des neuen starken Mannes im Königreich. Wiederholt hat er angeprangert, dass der Kronprinz zwar weitreichende gesellschaftliche Reformen vorantreibe, zugleich aber Kritiker mit harter Hand mundtot mache.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Khashoggi sei gestresst, traurig und nervös gewesen, bevor er das Konsulat betrat, berichtete seine Verlobte der Presse. Er habe sein Telefon bei ihr gelassen und sie angewiesen, Yasin Atay, einen Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, anzurufen, sollte er nicht zurückkommen. Die widersprüchlichen Angaben der türkischen und saudischen Behörden verstärkten die Angst um Khashoggis Sicherheit noch. Er habe das Konsulat am selben Tag wieder verlassen, ließ die saudische Führung in einer Stellungnahme verlauten, die am Donnerstag verbreitet wurde. Zuvor hatte allerdings Ibrahim Kalin, Sicherheitsberater und Sprecher Erdogans, gesagt: „Nach den Informationen, die uns zur Verfügung stehen, befindet sich diese Person, die ein saudischer Staatsbürger ist, noch im saudischen Konsulat in Istanbul.“ Die Türkisch-Arabische Medienvereinigung, der Khashoggi angehört, teilte unter Berufung auf Angaben der türkischen Polizei mit, die Aufnahmen der Sicherheitskameras hätten nicht gezeigt, wie Khashoggi das Konsulat zu Fuß verlässt. Mehrere Augenzeugen berichteten, Diplomatenfahrzeuge hätten das Gelände allerdings verlassen.

          „Als ein Bürger hätte ich lieber Demokratie“

          Es wäre nicht das erste Mal, dass die Führung in Riad unliebsame Kritiker im Ausland festsetzt und ins Königreich schafft. Loujain al Hathloul, eine junge Aktivistin, die sich gegen das Fahrverbot eingesetzt hatte, wurde in den mit Riad verbündeten Vereinigten Arabischen Emiraten festgenommen und ins Königreich gebracht, wo sie inzwischen wegen Vorwürfen festgehalten wird, die Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch als Schmierenkampagne bezeichnen.

          Das Verschwinden Khashoggis ist inzwischen von einem Mysterium zum Politikum geworden. Das Außenministerium in Ankara bestellte den saudischen Botschafter ein, Amerika verlangte Aufklärung von seinem arabischen Alliierten. Freunde Khashoggis, die davon überzeugt sind, dass er sich in der Gewalt der saudischen Behörden befindet, drängen zur Eile. „Je länger die Sache andauert, desto schwieriger wird es für die Saudis, eine gesichtswahrende Erklärung zu finden, sollte er wieder auftauchen“, sagt einer. Für die Türkei ist der Fall Khashoggi ohnehin eine heikle Aufgabe. Die Beziehungen zum Königreich sind belastet, seit sich Erdogan 2017 im Streit unter den arabischen Golfstaaten auf die Seite Qatars geschlagen hatte.

          Einer der Streitpunkte ist die Unterstützung Qatars für die islamistische Muslimbruderschaft, welche die Monarchien in Saudi-Arabien und den Emiraten als Gefahr für ihr Herrschaftsmodell ansehen. Erdogan teilt diese Aversion ebenso wenig wie Khashoggi – im Gegenteil. Ende August schrieb der Journalist in einem Beitrag für die „Washington Post“: „Es kann keine politische Reform und Demokratie in einem arabischen Land geben, ohne zu akzeptieren, dass der politische Islam Teil davon ist.“ Solche Sätze dürften den oft nur MBS genannten saudischen Kronprinzen ebenso aufgebracht haben wie Khashoggis Kritik an seinem Hang zum Autoritären.

          In einem Gespräch Anfang 2016 hatte Khashoggi, der frühere saudische Führungen noch beraten hat, den Kronprinzen noch gelobt. „Die Saudis mögen die Energie, die MBS ins System injiziert hat“, sagte er damals. „Als ein Bürger hätte ich lieber Demokratie, aber wenn ich die nicht haben kann, dann wenigstens eine effektive Verwaltung.“ Monate später bat er darum, ihn nicht mehr namentlich zu zitieren, das sei zu gefährlich. Vergangenes Jahr wählte er den Weg ins amerikanische Exil – dem Vernehmen nach, um seiner Festnahme zu entgehen.

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