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Zum Abschied von Josef Ackermann : Das Victory-Zeichen - Karriere einer Ablichtung

Bild: ddp images/AP/OLIVER BERG

Das Bild zählt längst zu den Ikonen der Kapitalismuskritik. Mit dem Victory-Zeichen im Gerichtssaal machte Josef Ackermann Michael Jackson nach - und ein Fotograf lichtete ihn ab. Über Entstehung und Folgen eines Fotos, das Geschichte schrieb.

          Normalerweise stellt sich Oliver Berg auf fünf bis zehn Minuten ein, in denen er zu Beginn einer Gerichtsverhandlung zu einem brauchbaren Foto kommen muß. Brauchbar heißt, möglichst ein Bild des Angeklagten, möglichst mit einprägsamer Mimik, einer auffälligen Geste, irgend etwas, was das Foto „dynamisch“ macht. Denn gedruckt und gesendet wird nur, was „dynamisch“ ist. Tut sich etwas, eine Bewegung, und sei es nur ein Zucken, schon ist der Auslöser gedrückt. „Kommt Aktion, folgt Reaktion.“

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Doch dieser eine Prozeßtag am 21. Januar 2004 war in jeder Beziehung ein besonderer Tag. Berg hatte nicht nur zehn Minuten, sondern mehr als eine halbe Stunde. Richterin Brigitte Koppenhöfer war kurz im Sitzungssaal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts erschienen, um mitzuteilen, daß sich der Verhandlungsbeginn um einige Minuten verzögern werde. Die da herumstanden und zuhörten, waren nicht irgendwelche Angeklagte, die sich so gaben, wie Angeklagte sich normalerweise geben: verlegen, gedrückt, still, ehrfürchtig. Diese hier waren, ihre Anwälte hatten ihnen dazu geraten, angestrengt locker.

          Berg zwängte sich zwischen die Stuhlreihen und machte Porträtaufnahmen: vom Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, vom früheren IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, dem ehemaligen Mannesmann-Vorstandsvorsitzenden Klaus Esser und seinem Aufsichtsratschef Joachim Funk, außerdem von den weniger bekannten Jürgen Ladberg, dem ehemaligen Betriebsratschef, und Dietmar Droste, dem ehemaligen Personalchef bei Mannesmann.

          Aber Berg suchte vor allem die beiden Hauptfiguren. Gegen kurz vor neun Uhr stand er mit seinem Weitwinkel im Anschlag in der Mitte der zweiten Sitzreihe, hinter ihm in der ersten Reihe saß Zwickel, vor ihm standen Klaus Esser, Josef Ackermann und einer seiner Anwälte. Berg drängelte den Anwalt ein wenig zur Seite, so daß er mit seiner Kamera freie Sicht auf Esser und Ackermann hatte.

          Ein Foto schreibt Wirtschaftsgeschichte

          Mit Esser stand er fast auf Tuchfühlung, er berührte ihn mit seiner linken Schulter. Jede Bewegung führte zu automatischen Bildsequenzen, pro Sekunde vier oder fünf Fotos. Aktion, Reaktion. Berg hörte, wie die drei Herren scherzen. Der Name „Jackson“ fiel, Ackermann fuhr mit der Hand nach oben. Aktion, Reaktion. Bildsequenz.

          Der Kölner Fotograf wußte noch nicht, daß er, und nur er, in diesem Bruchteil einer Sekunde Wirtschaftsgeschichte belichtet hatte.

          Nach etwa zwanzig Minuten mußten Fotografen und Kameraleute den Saal verlassen. Es waren nur drei Fotografen zugelassen; ein Fotograf von Action-Press, ein Fotograf einer kleineren Agentur, die sich die Akkreditierung eingeklagt hatte, und Oliver Berg für die Deutsche Presse-Agentur. Ein Fernsehteam des Westdeutschen Rundfunks durfte filmen.

          Berg ging in einen Nebenraum und schloß seine Kamera an einen Laptop an. In mehr als einer halben Stunde hatte er 270 Bilder gemacht. Was war das nun eigentlich mit Ackermann und seiner Hand? Berg sah das Bild und hatte Glück: Mehrere Bilder der Sequenz waren durch die Armbewegung verwischt, aber eines war scharf, die Hand ist deutlich zu sehen, nichts stört, freie Sicht, der Hintergrund paßt. Die Hand Ackermanns macht das Victory-Zeichen.

          Es wird nicht mehr gestikuliert

          Berg dachte sich: „ein ungewöhnliches Bild für einen Prozeßauftakt“. Gestikulieren in solch einer Umgebung ist Mangelware. Nicht nur im Gericht. Überhaupt wird nicht mehr gestikuliert in der deutschen Öffentlichkeit. Nicht in der Wirtschaft, nicht in der Politik, sagt Berg. Wenn überhaupt Gesten, dann sind es kalkulierte Zeichen, aber keine spontanen Bewegungen. Nicht einmal mehr im Sport. „Selbst ein Mann wie Jürgen Klinsmann bewegt die Hände auf Pressekonferenzen nicht mehr, nur noch unterm Tisch“, sagt Berg. Aber warum kommt es auf die Bewegung an, und sei sie noch so vordergründig? „Weil es sonst nicht gedruckt wird.“

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