09.10.2011 · Der Garten sah aus wie ein Schlachtfeld. Überall abgetragene Hügel, eingestürzte Gänge, Schlammspuren, Löcher. Wie Verdun.
Von Jasper von AltenbockumWer einmal einem Maulwurf gegenüberstand, der vergisst das sein Lebtag nicht. Zum Henker, denkt man, den Spaten in der Hand, warum soll man sich den Garten zerstören lassen? Garten!? Ein bescheidenes Handtuch, ein paar Blumenbeete, ein Sandkasten, ein selbstgebasteltes Gartenhäuschen. Was man eben so erreicht hat im Leben. Ein Schlag auf den Erdhügel, der sich da gerade nach oben ans Licht drückt, ein Hieb mit der Kante ins subterrane Dunkelreich, und die Verwüstungen im Doppelhaushälftenparadies haben ein Ende. Dieses Mistvieh, dieser Lästling. Diese Talpa europaea! Kurzer Prozess!
Die Kinder waren sich mal wieder einig: „Dann bist du ein Killer!“ Und wie sieht das auch aus: Mit einem Spaten bewaffnet, weit ausholend, auf ein Erdhügelchen einschlagend, ohne genau zu wissen, ob man trifft, also immer noch einmal eindreschend, mit hochrotem Kopf, der Dreck fliegt nur so durch die Luft. Vielleicht auch das eine oder andere Maulwurfteil. Grausamer als bei Wilhelm Busch. Am helllichten Tag. Einfach lächerlich. Wenn das jemand sieht.
Und überhaupt: Es ist ja strafbar. Der Maulwurf steht unter Naturschutz. Killen verboten. Vergrämen erlaubt.
Der unerfahrene Gärtner hält den Maulwurf zuerst für eine Wühlmaus. Weil der Aushub winzig ist, der erste Gang dicht unter der Oberfläche liegt. Das einzige, was eine Wühlmaus da noch mit einem Maulwurf gemein hat, ist die Methode zur Vertreibung: Es muss übel riechen. Das mag sie nicht, die Maus. Also versucht man es mit Knoblauch und Curry. Zwecklos. Ein Hügel, zwei Hügel, zwei große Hügel. Es ist ein Maulwurf, kein Zweifel. Die „Wühlmaus“ war nur sein Sondierungstunnel. Jetzt kommen also Wohngänge, Jagdgänge, Verbindungsgänge, Belüftungstunnel - das ganze Revier?
Knoblauch und Curry riechen gar nicht so übel, scheint es. Was gibt es sonst noch? „Ausräuchern“, sagt jemand. Warum gleich so brutal? Maulwürfe reagieren auf Geräusche. Die sanfte Methode: Einen Stab in den Hügel stecken, darauf umgekehrt eine Flasche stecken, die scheppert, wenn er grabend an die Stange stößt. Dann haut er ab. Funktioniert aber nicht. Im Gegenteil. Am nächsten Tag ziert die Stange neuer Aushub, ein paar Schritte weiter noch ein frischer Hügel, und noch einer. Und noch einer!
Was macht er bloß da unten? Wo kommt er her? Vor allem: Wo soll er hin? Weit und breit nur Zufahrten, Straßen, Mauer, Asphalt. Da müsste er schon einen Stuttgart-21-Tunnel hinlegen, um unterirdisch das Weite zu suchen. Aber wer weiß? Diese kleinen Monster können ja auch das Zwanzigfache ihres Gewichts nach oben drücken. Und fressen ein Mehrfaches ihres Körpergewichts - am Tag. Regenwürmer vor allem. Ein „mörderisches“ Tier sei der Maulwurf, ein Raubtier, steht deshalb bei Brehm und in Meyers Konversationslexikon aus dem Kaiserreich.
Da dachte der Volksgeist allerdings auch noch, dass er Wurzeln frisst. Dabei hatte Johann Peter Hebel in seinem „Schatzkästlein“ längst jedem Gärtner ins Gewissen geredet: Wo erst einmal ein Maulwurf auftaucht, da ist das Wurzelwerk schon krank, also schlecht gepflegt. Tugend und Untugend liegen beim Maulwurf eng beieinander, weshalb Gottfried August Bürger dem Maulwurf und dem Gärtner ein Gedicht widmete. Mit einem grausamen Schluss.
Mit jedem Hügel häufen sich die guten Ratschläge aus dem kollektiven Gedächtnis einer Kulturnation. „Lautsprecher auf den Boden legen und mit AC/DC volldröhnen!“ Gute Idee. „Benzin, und dann anzünden!“ Gute Idee. „Reinpinkeln!“ Der Nächste bitte: „Benzin taugt nichts. Aber Diesel! Braucht man nicht anzuzünden!“ Alles sehr gute Ideen. Maulwurf möchte man nicht sein in dieser Welt.
Es ist natürlich völliger Unsinn, einfach Wasser in die Löcher zu gießen. Maulwürfe können super schwimmen, man könnte fast sagen: Sie baggern und schaufeln sogar wie Schwimmer. Das machen sie schon seit Jahrmillionen. Sie sind nicht doof. Also legen sie ihr Labyrinth so an, dass das Wasser nach unten fließt, und Wohnzimmer und Vorratskammer trocken bleiben. Man gießt trotzdem, gießt und gießt, irgendwie instinktiv, und damit es nicht ganz so sinnlos ist, nimmt man, was gerade an Diesel so zur Hand ist, eine Flasche Ouzo zum Beispiel, und leert sie in eins der Löcher unter einem der Hügel.
Entweder ist unser Freund über Nacht zum cholerischen Alkoholiker geworden, oder das Zeug hat ihm Flügel verliehen. So groß waren die Hügel noch nie.
Dann kam der Tag, an dem sich einer davon wie von Geisterhand berührt bewegte. Längst hatte Grabowski-Buddelflink einen Namen. Hegel. Weil Hegel der größte Maulwurfsversteher aller Zeiten war - lange nach Shakespeare und Hamlet („Brav, alter Maulwurf! Wühlst so hurtig fort?“). Für Hegel war der Maulwurf die Erkenntnis, die ans Licht drängt, aber dann doch nicht wirklich kommt, weil er ja fast blind ist und nur Schwarzweiß erkennt. Der Maulwurfshügel ist also, so gesehen, der Versuch, aus Platons Höhle einen Ausgang zu finden.
Dass es nur beim Versuch bleiben soll, hat wiederum Karl Marx geärgert, der sich, wie die meisten Hegelianer, über vieles bei Hegel geärgert hat und deshalb den Maulwurf vom Kopf auf die Füße stellte. Seither ist der Maulwurf für Marxisten und Postmarxisten ein Revolutionär, der seine Wühlarbeit systematisch und unermüdlich in Europa vorantreibt, bis alle Völker erst unterirdisch und dann auch oberirdisch befreit und vereint sind. Trotzkisten, aber auch die Nachfolger der Frankfurter Schule glauben daran bis heute.
Trotzki wurde wie ein Maulwurf erschlagen. Und nun auch noch Hegel? Wie konnte es so weit kommen?
Der Garten sieht aus wie ein Schlachtfeld. Überall abgetragene Hügel, eingestürzte Gänge, Schlammspuren, Löcher. Wie Verdun. Es stinkt nach Alkohol. Nach dem missglückten Ouzo war die Frage: Was könnte Diesel noch am nächsten kommen? Becherovka! Eine Literflasche des tschechischen Kräuterschnapses stammte noch aus den Tagen, als in Prag die Marxisten gerade ihren letzten Maulwurfshügel verlassen hatten, ohne allerdings Erkenntnisgewinne zu verzeichnen. Ab damit in den Bau.
Kein neuer Hügel mehr. Nichts. Nur das öde Schlachtfeld. Ist er weg? Ist er tot? Nach Tagen nur ein winziger, kleiner Aushub, als wolle Hegel seine ganze Verachtung zeigen. (Er lebt!) Als ob unser Garten seiner stolzen Hügel nicht mehr würdig sei. Die Welt ist langweilig geworden. Alles bleibt unverändert.
Kann es ein Leben ohne Maulwurf geben? Wo ist Hegel?