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Harte Bretter Europa und der Turm

 ·  Tag der Deutschen Einheit: Morgens bayerisch betonter Föderalismus, mittags Europa, abends der „Turm“ im Fernsehen. Wer da nicht ins Schwärmen gerät, dem ist nicht mehr zu helfen.

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© Thiel, Christian Vergrößern

Wer sich neue Erzählungen über Deutschland und Europa wünscht, der konnte an diesem Tag der Deutschen Einheit nicht jammern. Morgens wachten die Deutschen im bayerisch betonten Föderalismus auf, mittags war viel von Europa die Rede, und abends gab es Uwe Tellkamps „Turm“ im Fernsehen. Wer da nicht ins Schwärmen gerät, dem ist nicht mehr zu helfen.

Wenn da nicht der Eindruck wäre, den Bundestagspräsident Lammert  (CDU) in seiner Münchner Festrede beklagte: „Es geht meist um Geld, um Schulden und ihre Tilgung, um Schuldenschnitte und ihren Umfang.“ Er meinte damit Europa und den Euro. Aber er hätte auch Deutschland, seine Länder und Kommunen meinen können. Denn was den majestätischen Föderalismus angeht, wie ihn Bayern zelebrierte, hat auch dessen Erzählung eine ganz unpoetische Seite, die deutsche Finanzverfassung und den Länderfinanzausgleich. Die Ministerpräsidenten Seehofer und Kretschmann nutzten jedenfalls die Gelegenheit, um noch einmal zu Protokoll zu geben, wo für sie die Grenze der Solidarität liegt und somit Grund zur Klage in Karlsruhe.

Auch dafür hatte Lammert eine Erkenntnis parat: „Im Kampf um die Solidität der Finanzen darf die Solidarität nicht unter die Räder kommen.“ Und auch das war natürlich auf Europa gemünzt, doch es passte genau so gut auf Deutschland, seine Länder und Kommunen.

Aber anders als Europa hat Deutschland nicht nur eine wiedervereinigte Erzählung, sondern auch die Verfassung eines historischen Happy Ends. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Über Geld und Schuld lässt sich da viel leichter streiten - doch selbst dann hat es der Föderalismus nicht immer leicht.

Wie sehr die deutsche Erzählung in sich ruht, die europäische aber nicht, sieht man daran, dass strittig und in aller Munde ist, was Europa für das wiedervereinigte Land bedeutet. Dabei ist noch nicht einmal die Frage beantwortet, was Europa eines Tages im Sinne von Geld, Verfassung und Schuldentilgung für die „Heimat“ bedeutet. Und das sind immer noch Dörfer, Städte, Landschaften und Länder, also die bunte Republik des Föderalismus.

In solchen Debatten spielt die von Uwe Tellkamp diagnostizierte „süße Krankheit Gestern“ eine nicht ganz unwichtige Rolle. Im Dresden der späten DDR ließ sie die Reste des Bildungsbürgertums in einem unpolitischen Turm dahinsiechen. Es ist die Erzählung eines Staates und einer Gesellschaft, die nicht mehr reagieren können auf das, was sich um sie herum in der Welt so alles tut. Das ist die Kurzgeschichte dieses 3. Oktobers: Der Turm steht überall. Auch in Europa.

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