http://www.faz.net/-gpf-73bsd

Harte Bretter : Europa und der Turm

Bild: Thiel, Christian

Tag der Deutschen Einheit: Morgens bayerisch betonter Föderalismus, mittags Europa, abends der „Turm“ im Fernsehen. Wer da nicht ins Schwärmen gerät, dem ist nicht mehr zu helfen.

          Wer sich neue Erzählungen über Deutschland und Europa wünscht, der konnte an diesem Tag der Deutschen Einheit nicht jammern. Morgens wachten die Deutschen im bayerisch betonten Föderalismus auf, mittags war viel von Europa die Rede, und abends gab es Uwe Tellkamps „Turm“ im Fernsehen. Wer da nicht ins Schwärmen gerät, dem ist nicht mehr zu helfen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Wenn da nicht der Eindruck wäre, den Bundestagspräsident Lammert  (CDU) in seiner Münchner Festrede beklagte: „Es geht meist um Geld, um Schulden und ihre Tilgung, um Schuldenschnitte und ihren Umfang.“ Er meinte damit Europa und den Euro. Aber er hätte auch Deutschland, seine Länder und Kommunen meinen können. Denn was den majestätischen Föderalismus angeht, wie ihn Bayern zelebrierte, hat auch dessen Erzählung eine ganz unpoetische Seite, die deutsche Finanzverfassung und den Länderfinanzausgleich. Die Ministerpräsidenten Seehofer und Kretschmann nutzten jedenfalls die Gelegenheit, um noch einmal zu Protokoll zu geben, wo für sie die Grenze der Solidarität liegt und somit Grund zur Klage in Karlsruhe.

          Der Mensch lebt nicht nur vom Geld allein: Merkel, Lammert, Gauck, Seehofer, Voßkuhle in föderaler Umgebung am Tag der Deutschen Einheit in München vor der Staatsoper.
          Der Mensch lebt nicht nur vom Geld allein: Merkel, Lammert, Gauck, Seehofer, Voßkuhle in föderaler Umgebung am Tag der Deutschen Einheit in München vor der Staatsoper. : Bild: dapd

          Auch dafür hatte Lammert eine Erkenntnis parat: „Im Kampf um die Solidität der Finanzen darf die Solidarität nicht unter die Räder kommen.“ Und auch das war natürlich auf Europa gemünzt, doch es passte genau so gut auf Deutschland, seine Länder und Kommunen.

          Aber anders als Europa hat Deutschland nicht nur eine wiedervereinigte Erzählung, sondern auch die Verfassung eines historischen Happy Ends. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Über Geld und Schuld lässt sich da viel leichter streiten - doch selbst dann hat es der Föderalismus nicht immer leicht.

          Wie sehr die deutsche Erzählung in sich ruht, die europäische aber nicht, sieht man daran, dass strittig und in aller Munde ist, was Europa für das wiedervereinigte Land bedeutet. Dabei ist noch nicht einmal die Frage beantwortet, was Europa eines Tages im Sinne von Geld, Verfassung und Schuldentilgung für die „Heimat“ bedeutet. Und das sind immer noch Dörfer, Städte, Landschaften und Länder, also die bunte Republik des Föderalismus.

          In solchen Debatten spielt die von Uwe Tellkamp diagnostizierte „süße Krankheit Gestern“ eine nicht ganz unwichtige Rolle. Im Dresden der späten DDR ließ sie die Reste des Bildungsbürgertums in einem unpolitischen Turm dahinsiechen. Es ist die Erzählung eines Staates und einer Gesellschaft, die nicht mehr reagieren können auf das, was sich um sie herum in der Welt so alles tut. Das ist die Kurzgeschichte dieses 3. Oktobers: Der Turm steht überall. Auch in Europa.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Quartett der Denker für Bonner Lenker

          „Parteiintellektuelle“ : Quartett der Denker für Bonner Lenker

          Je zwei Vordenker der Volksparteien CDU und SPD untersucht Lars Tschirschwitz in seiner fleißigen Studie: Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler für die Union, Erhard Eppler und Peter Glotz für die Sozialdemokratie. Diese Parteiintellektuellen behandelt der Autor vor dem Hintergrund des Strukturbruches von 1973.

          Topmeldungen

          Sandra Maischberger (Mitte) und ihre Gäste, unter anderem Uschi Glas und der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge (ganz links)

          TV-Kritik Maischberger : Was macht Politik?

          Üblicherweise trifft Politik Entscheidungen, die durch eine Wahl legitimiert worden sind. Gestern Abend wurde deutlich, warum diese scheinbare Selbstverständlichkeit nicht mehr selbstverständlich ist. Beim Wahlergebnis wird das Spuren hinterlassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.