http://www.faz.net/-gpf-6yo8o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 24.03.2012, 15:34 Uhr

Harte Bretter Die Freiheit des Bundespräsidenten

Der Freiheitsbegriff Joachim Gaucks ist alles andere als alltäglich. Doch Gaucks Vorbild, der Bürger, muss die Herrschaft der Freiheit auch im Alltag erkennen. Das schafft nicht nur Genuss, sondern auch Verdruss.

von
© dapd Gaucks Freiheit - alles andere als alltäglich

Es ist gut, wenn jemand Politik nicht aus Traktaten und Studierstuben kennt, sondern sagen kann: „Ich habe es im Alltag gelernt.“ Joachim Gauck gibt seinem Freiheitsbegriff mit solchen Sätzen gerne eine praktische Note und Lebensnähe, die weit von einer Theorie entfernt ist, die es nicht vermag, die Bürger für Freiheit und Verantwortung zu begeistern. Gaucks Freiheitsbegriff entstammt zudem einer Revolutionserfahrung, einem Ausnahmezustand und Schlüsselerlebnis, das nur einmal im Leben vorkommt, in der Biografie der meisten Leute aber gar nicht. Die Freiheit, die Gauck predigt, ist deshalb alles andere als alltäglich.

Jasper von Altenbockum Folgen:

Es wäre naheliegend, diese Freiheit somit als Geschenk zu bezeichnen, wenn nicht gerade Gauck von einer demokratischen Freiheit spricht, zu der sich der Bürger „ermächtigt“, die er sich erobern muss, die er ergreift und hütet wie einen Schatz. So haben es die Deutschen in der DDR gemacht, wie die meisten Mittel- und Osteuropäer, die aus Insassen einer sowjetischen Anstalt zu Bürgern einer freien Gesellschaft wurden, indem sie sagten: Wir sind das Volk. Damit verbanden sich utopische Sehnsüchte, aber vor allem Hoffnungen auf ganz praktische Erleichterungen. Gaucks Freiheitsbegriff nimmt beides auf, kommt alltäglich und doch so sonntäglich daher, ist leidenschaftlich, leicht romantisch und doch hemdsärmelig und zupackend. Wenn er redet, spielt Gauck mit einer pathetischen Naivität - es ist alles so großartig, und doch alles auch so einfach.

Er kann das, er darf das, er soll das sogar, weil er Bundespräsident ist. Aber kann das, darf das auch sein großes Vorbild, der Bürger?

Gauck selbst hat das Problem erkannt, als er zum zehnten Jahrestag der Maueröffnung im Bundestag das Bonmot über die Ostdeutschen prägte: „Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf.“ Doch er hätte auch sagen können: Sie hatten von Freiheit geträumt und wachten in der Demokratie auf. Oder: Sie hatten von Freiheit geträumt, und wachten im Rechtsstaat auf. Oder: Sie hatten von Freiheit geträumt und wachten im Sozialstaat auf. Das müssen, das sollen keine Gegensätze sein, aber es ist jeweils die Wirklichkeit, der wahre Alltag.

Illusionen über individuelle Freiheiten haben eine lebendige Tradition

Die Freiheit, die Gauck sich zum Lebensthema gemacht hat, ist die Freiheit des politischen Liberalismus, der Französischen Revolution, der Deklaration der Menschenrechte, der amerikanischen Verfassung, der Paulskirche. „Niemand kann gezwungen werden, etwas zu tun, was das Gesetz nicht erlaubt“, hieß es 1789. Wohl aber kann jedermann dazu gezwungen werden, die Grenzen einzuhalten, die anderen Mitgliedern der Gesellschaft den Genuss der gleichen Rechte sichern. Da beginnt der Alltag der Freiheit. Es ist der Ausgang aus dem Paradies, aber es ist noch lange nicht der Alltag von Nordrhein-Westfalen.

Dort herrschen noch ganz andere Grenzen, ob im Parlament, auf dem Arbeitsamt, im Staatshaushalt oder auf dem Schulhof. Überall Einschränkungen, Verzicht, Zwänge. Das beginnt schon im Zentrum politischer Willensbildung, in den Parteien und Fraktionen. Was heißt es, sich zu Freiheit zu „ermächtigen“, wenn anschließend der Fraktionszwang darüber wacht, dass Entscheidungen getroffen werden können? Was heißt es, die individuelle Freiheit zu hüten wie einen Schatz, wenn schon im Ortsverein der Partei Machtkampf und Gestaltungswille zu Kompromissen zwingt? Was heißt es, individuelle Freiheit zu erobern, wenn nur noch materieller Gewinn damit verbunden sein soll? Was heißt es dann: nicht Freiheit von etwas, sondern Freiheit zu etwas?

Gauck richtet seinen Freiheitsbegriff nicht gegen solche Fragen, wohl aber gegen ein Übermaß an Verdruss, das aus solchen Fragen folgt. Das tut er wesentlich glaubwürdiger als seine Vorgänger. Doch nicht nur der Verdruss am Verdruss hat mit seinem Freiheitsbegriff zu tun. Auch der Verdruss selbst hadert gerade mit einer Freiheit, die sich das Volk ganz anders vorgestellt hat. Schließlich träumen nicht nur die Ostdeutschen vom Paradies und wachen in Nordrhein-Westfalen auf. Jeder, der von der Freiheit träumt und deshalb „in die Politik geht“, wacht in der Partei, in der Fraktion, im Parlament, in der Bürokratie, in den Ketten des politischen Alltags oder am Stuttgarter Hauptbahnhof auf. Deshalb, nicht weil sie Philister wären, jammern und maulen die Bürger über „die Politiker“ - in Deutschland vielleicht mehr als anderswo, nicht weil hier die Unfreiheit einer „verspäteten Nation“ so tiefe Wurzeln hätte, sondern weil die Illusionen über individuelle Freiheiten eine so lange und immer noch lebendige Tradition haben.

Zur Freiheit gehört daher nicht nur „Betroffenheit“, oder „Bezogenheit“, wie Gauck sagen würde, sondern das, was altertümlich Gesittung und Gemeinsinn genannt wird. Darin schwingt ein Realismus mit, der zwar auch darauf zählt, dass dem Menschen als Bürger der Drang zur Freiheit angeboren ist. Doch er verlangt von diesem Bürger auch ein Gefühl für die Herrschaft von Freiheit dort, wo sie nicht zu spüren ist, sondern, im Gegenteil, eingeschränkt wird, um einen Freiheitsbegriff wie den von Gauck zu schützen. Der parteilose Bundespräsident hat es gut - er ist frei davon.

Mehr zum Thema

Zur Homepage