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FDP in Schleswig-Holstein : Das Phänomen Kubicki

Bild: dapd

Wolfgang Kubicki ist ein Phänomen. Auf keinen deutschen Politiker darf so hemmungslos eingedroschen werden. Und trotzdem ist er beliebt.

          Paradiesvogel, Selbstdarsteller, Egomane, Querulant, Zyniker, Quartalsirrer, Abzocker, Windei, Schuft, verschlagen, frech, schillernd, destruktiv, intrigant - auf keinen deutschen Politiker darf so hemmungslos eingedroschen werden wie auf Wolfgang Kubicki. Viel Feind’, viel Ehr’? Aber nicht nur deshalb ist er der bekannteste Politiker Schleswig-Holsteins und ist beliebt wie sonst nur wenige im Norden. Dazu gehört wohl auch die eine oder andere positive Fähigkeit.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Obwohl er nie Minister war, wurde Wolfgang Kubicki auf Veranstaltungen des zurückliegenden Wahlkampfs gerne als „Minister“ begrüßt. Das hat einen wahren Kern, auch wenn Wolfgang Kubicki in Kiel nie mehr als der Partei- und Fraktionsvorsitzende der FDP war. Manchmal mochte es sogar scheinen, dass er nicht nur Minister, sondern sogar der Ministerpräsident sei, ganz einfach deshalb, weil das Klischee des Amts den Klischees entspricht, die Kubicki gerne pflegt: Redegewandt, ironisch, repräsentativ, immer gestriegelt, intelligenter als die meisten der amtierenden, ehemaligen und zukünftigen Minister. Von allem aber ein bisschen mehr als nötig; die Form wurde sozusagen des Inhalts nie ganz Herr.

          Affären mit langer Nachwirkung

          Deshalb gab es im politischen Leben Kubickis nicht nur den Höhenflug der vergangenen Jahre, als es endlich zur Regierungsbeteiligung unter seiner Führung (auch wenn er nicht im Kabinett saß) gereicht hatte und die Durststrecke überwunden war, die auch die FDP nach der Barschel-Pfeiffer-Affäre zurückzulegen hatte. In deren Nachwirren war Kubicki zum Landesvorsitzenden gewählt worden, die FDP war gerade aus dem Landtag ausgeschieden. Kubicki brachte sie wieder auf mehr als fünf Prozent.

          Lange Zeit hing ihm dann die sogenannte Schönberg-Affäre wie ein Mühlstein um den Hals. Es ging um ein angeblich zu hohes Anwaltshonorar, nachdem er das Land Mecklenburg-Vorpommern nach der Wende in Angelegenheiten der Mülldeponie Schönberg beraten hatte. Kubicki galt damals als windige Figur der Landespolitik und musste alle Ämter aufgeben.

          Zwanzig Jahre später ist von den Vorwürfen nichts mehr übrig - außer dass er zu den Politikern gehört, denen nicht so sehr die politischen Gegner das Leben schwermachen (denn sie können ihm das Wasser eh nicht reichen), sondern vielmehr seine Verächter. Davon gibt es ungefähr so viele wie Bewunderer, also sehr viele. Das Bild, das von Kubicki entstand, stammt aus jenen Tagen - es waren noch die Tage Jürgen W. Möllemanns, es war die Zeit, als in der FDP das „Projekt 18“ geboren wurde, ein Projekt, das Kubicki von Schleswig-Holstein aus unterstützte.

          Das Soziale ist nicht seine Stärke

          Kubicki gehörte auch zu den Unterstützern Guido Westerwelles - er betrieb den Sturz dessen Vorgängers Gerhardt, um Westerwelle in den Vorsitz zu hieven - und zu den Protagonisten einer markt-, wirtschafts- und finanzpolitischen Ausrichtung der Partei.  Wenn er sich heute gegenüber der Bundes-FDP an der Seite Christian Lindners durch das „breite Angebot“ abheben will, das die FDP bieten müsse, ist das eine Korrektur in Richtung Sozialliberalismus, auch wenn er sich dabei immer noch auf das „Projekt 18“ berufen könnte.

          Das wirkt dann zwar sozialliberal, doch das Soziale ist nicht seine Stärke. Mehrere Male versuchte Kubicki, sein ganz persönliches, soziales Image zu korrigieren, wenn er episodenhaft darauf hinwies, dass er doch auch nur ein Mensch sei, ein armes Sünderlein, und was für eines. Doch er kann nicht aus seiner Haut. Kubicki ist Anwalt mit Schwerpunkt im Wirtschafts- und Steuerrecht und dort nicht unbedingt auf der Seite der Enterbten und Entrechteten.

          Das Anwaltsdasein ist die parallele Existenz des 1952 in Braunschweig geborenen Juristen. Es macht ihn unabhängig, hält ihn aber auch immer wieder überregional im Gespräch, ähnlich „schillernd“ wie als Politiker - etwa als es um die „Lucona-Affäre“ ging, die Mobilcom-Pleite oder die Eskapaden des VW-Betriebsrats. Kubicki gelang jedoch als Anwalt, was er in seiner Partei immer nur scheinbar vermochte, nämlich nicht nur den Mund zu spitzen, sondern auch zu pfeifen.

          Keine Führungsdebatte ohne Kubicki

          Zwar gab und gibt es seit zwanzig Jahren keine Führungsdebatte in der FDP ohne Kubicki, doch jede dieser Debatten verlief noch immer so, dass Kubicki nicht wirklich eine große Rolle spielte oder gar Führungsverantwortung im Bund übernommen hätte. Ausflüge in die Bundespolitik in Form eines Bundestagsmandats endeten mit der Rückkehr nach Kiel und damit in jene Stadt, die offenbar ganz seiner Kragenweite entspricht.

          Jetzt ist Wolfgang Kubicki nach seinem „Wahlsieg“ mehr denn je gefragt als bundespolitisches FDP-Gewicht. Was wird er tun? Wird er zum Parteivorsitzenden Rösler halten? Wird er den Königsmörder spielen, wie mancher meint, weil er selbst - wie immer - keine bundespolitischen Ambitionen hat? Wieder gilt: Es wäre ihm zuzutrauen, weil ihm alles zugetraut wird. Dann darf wieder auf ihn eingedroschen werden. Aber wirklich wissen kann es niemand. Denn nur Kubicki kennt Kubicki.

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