25.02.2005 · „Ben Wisch“ nannten Medien und Kollegen den SPD-Politiker wegen seiner guten Kontakte in die arabische Welt. Jahrzehnte war er gefragt als Krisenmanager. Im Alter von 82 Jahren ist Hans-Jürgen Wischnewski in der Kölner Uni-Klinik verstorben.
Der SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski ist tot. Seine Partei teilte am Donnerstag abend offiziell mit, daß der 82 Jahre alte frühere Staatsminister am selben Tag verstorben sei. Wischnewski war vor knapp zwei Wochen mit schwerer Atemnot in die Kölner Universitätsklinik eingeliefert und dort in ein künstliches Koma versetzt worden, aus dem er vergangene Woche wieder schrittweise herausgeholt worden war.
„Mit uns trauern viele, in Deutschland und in der Welt“, erklärte der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Noch Ende vergangenen Jahres hatte Wischnewski an der Beerdigung seines alten politischen Weggefährten, des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat in Ramallah teilgenommen. Er war vor allem als Krisenmanager im „Deutschen Herbst“ bekannt geworden, sein spektakulärster Coup war die Befreiung der Geiseln der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ in Mogadischu im Oktober 1977.
Beliebt und anerkannt
Müntefering bezeichnete Wischnewski als außergewöhnlichen Politiker. „Seine menschliche Art und seine politischen Fähigkeiten haben ihn über Parteigrenzen und über Ländergrenzen hinaus zu einem der beliebtesten und anerkanntesten Politiker der vergangenen Jahrzehnte gemacht.“ Bis in die jüngste Zeit habe er engagiert für die sozialdemokratische Idee gearbeitet, sowohl in Köln und Berlin als auch international. „Seine besondere Leidenschaft galt dem Frieden im Nahen Osten“, sagte Müntefering.
Es war ein dramatisches Ereignis, daß Hans-Jürgen Wischnewski unvergessen weltweit in den Brennpunkt gerückt hat: Die Flugzeugentführung von Mogadischu im Herbst 1977. Bei der gewaltsamen Befreiung von 86 Geiseln aus der Lufthansamaschine „Landshut“ im fernen Somalia spielte der nervenstarke SPD-Politiker hinter den Kulissen die Schlüsselrolle. Im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim setzten führende Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) auf das Palästinenser-Kommando. „Eines war klar: Wir wollten niemals die Terroristen in Stammheim freilassen“, sagte Wischnewski im Rückblick. Noch mehr als ein Vierteljahrhundert später bewegten die Vorgänge den „Helden von Mogadischu“: „Ja, Angst habe ich gehabt - um die Menschen in der Maschine, aber nicht um mich.“
Wischnewski handelte damals als Staatsminister im Kanzleramt im Auftrag von Kanzler Helmut Schmidt (SPD), dessen Amt bei der gewagten Gewaltaktion mit der GSG 9 auf dem Spiel stand. „Ich hatte mich auch selbst im Austausch für die Geiseln angeboten.“ Kurz nach der Geisel-Befreiung aus der Boeing übermittelte er Schmidt die erlösende Nachricht am Telefon: „Die Arbeit ist erledigt.“
„Ben Wisch“: Gute Kontakte in die arabische Welt
Selbstdarstellung war Wischnewski immer fremd. Das schätzten seine Parteifreunde. Er war der unerschrockene Mann für heikle Missionen, der auch schwierigste Situationen meisterte. Das trug ihm auch Namen ein wie „Bonner 007“ oder „Feuerwehrmann der Nation“. Neben seinem diplomatischen Geschick und politischem Gespür konnte er dabei auf seine zahllosen Kontakte bauen.
Den Spitznamen „Ben Wisch“, den ihm einst Kanzler und SPD-Chef Willy Brandt gegeben hatte, trug er mit Stolz. Er hatte ihn seinen guten Drähten zur arabischen Welt zu verdanken, die er schon als Jungsozialist Ende der fünfziger Jahre gepflegt hatte. Damals verwaltete er von seiner Kölner Heimat aus während des algerischen Unabhängigkeitskrieges gegen Frankreich die „Kriegskasse“ der Befreiungsbewegung FLN.
Führend im „Seeheimer Kreis“
Geboren wurde Wischnewski am 24. Juli 1922 als Sohn eines Zollbeamten aus dem Ruhrgebiet im ostpreußischen Allenstein. Nach dem Krieg war er kurz Metallarbeiter und 1946 Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Köln. Im selben Jahr trat er in die SPD ein. Er war unter anderem Bundesgeschäftsführer, Schatzmeister und stellvertretender SPD-Vorsitzender. In der SPD war Wischnewski führend im eher rechts eingeordneten „Seeheimer Kreis“. Im Streit um das Parteiblatt „Vorwärts“ trat er 1985 als SPD-Schatzmeister („Ben-Scheck“) zurück. Dem Bundestag gehörte er mehr als 30 Jahre lang an.
Auch noch nach seiner Zeit als Staatsminister im Kanzleramt (1976 bis 1982) reiste Wischnewski zu Krisenherden vor allem in den Nahen Osten. 1986 trug er maßgeblich zur Freilassung von mehreren Deutschen bei, die von Regierungsgegnern in Nicaragua entführt worden waren. Ein Jahr zuvor hatte er erfolgreich mit den Kidnappern der Tochter des Staatspräsidenten von El Salvador verhandelt. Einen Deutschen befreite er später aus den Fängen des irakischen Diktators Saddam Hussein.
Gaddafi warnte: „Rauchen ist ungesund“
Wischnewski galt als treuer Gefolgsmann Helmut Schmidts. 1982 gehörte er zu den 14 Genossen um Schmidt, die für die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses und damit die Stationierung neuer amerikanischer Atomraketen in Deutschland stimmte. „Er hatte einen guten Instinkt, war politisch und menschlich zuverlässig und hat mir immer seine Meinung gesagt“, sagte Schmidt beim 80. Geburtstag seines Weggefährten.
Der Vollblutpolitiker alter Schule und Vater dreier Kinder war noch bis ins hohe Alter rege. Selbst für die geliebte Briefmarkensammlung blieb da wenig Zeit. Trotz gesundheitlicher Probleme tauchte der „Kölsche Jung“, umjubelt von den Genossen, immer wieder bei SPD-Veranstaltungen auf und meldete sich auch öffentlich zu Wort. Libyens Revolutionsführer Muammar el Gaddafi warnte den Raucher vor einem Jahr bei einem Besuch in Tripolis: „Natürlich können Sie in meinem Zelt rauchen. Aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen: Rauchen ist ungesund.“